Das Fürstentum der Verzweifelten

In einem Winkel Oxfordshires, wo die Hecken noch nach Ordnung riechen und die Kirchturmuhr den Takt eines Lebens schlägt, das sich an Jahreszeiten und nicht an Ministerialerlassen misst, hat ein Dorf von wenigen Hundert Seelen beschlossen, dem Vereinigten Königreich den Rücken zu kehren. Nicht mit Kanonen, nicht mit Petitionen in dreifacher Ausfertigung, sondern mit einer Abstimmung, deren Ergebnis so eindeutig ausfiel, dass selbst der letzte Zweifler an der Existenz des Volkswillens hätte stutzig werden müssen. Fast die gesamte wahlberechtigte Einwohnerschaft erschien, und die überwältigende Mehrheit votierte für den Austritt aus jenem Staat, der ihnen nun zumutet, in unmittelbarer Nachbarschaft eines ehemaligen Militärgeländes eine Zahl junger Männer aufzunehmen, die das Dorf um ein Vielfaches übersteigt. Das Resultat wurde vor versammelter Kameraschar verkündet, ein Transparent mit der Aufschrift „Principality of Piddington“ entrollt, und die stellvertretende Vorsitzende des Gemeinderats sprach von dem Dorf, das brüllt. Ein brüllendes Dorf also, das sich zum Fürstentum erhebt, während die Paläste in Westminster das Ganze als symbolischen Akt abtun, als folkloristische Folklore eines hinterwäldlerischen Unmuts, der die großen Linien der Gerechtigkeit nicht zu erkennen vermag. Die Ironie liegt darin, dass ausgerechnet jene, die unablässig von Teilhabe und Respekt predigen, einem so klaren Votum die Würde des Ernstes verweigern. Symbolisch, heißt es, und damit erledigt. Kein Minister wird anreisen, um den Bewohnern zu erklären, weshalb Fairness darin bestehen soll, ein Dorf von dreihundertfünfzig Seelen mit über tausend zweihundert meist männlichen Neuankömmlingen zu konfrontieren. Die Polizei, befragt nach dem Verhalten im Ernstfall, empfiehlt das Wegrennen und Verstecken. Ein Ratschlag von klassischer britischer Understatement-Qualität, der zugleich das Eingeständnis enthält, dass der Staat die elementarste seiner Aufgaben bereits aufgegeben hat.

Fairness als Keule gegen die Kleinen

Die Kulturministerin, deren Ressort eigentlich Theater, Bibliotheken und digitale Träumereien umfassen sollte, bemüht sich um eine Begründung, die so durchsichtig ist wie ein schlecht gewebter Vorhang. Eine Verschonung Piddingtons wäre zutiefst unfair gegenüber anderen Gemeinden. Andere Gemeinden, so der implizite Hinweis, hätten bereits ihren Anteil an der demografischen Umgestaltung zu tragen, manche seien dank der Zuweisung von Asylsuchenden bereits vervierfacht worden, und das gelte als vorbildlich. Fairness bedeutet in diesem Sprachgebrauch die gleichmäßige Verteilung einer Last, deren Herkunft und Notwendigkeit niemand mehr ernsthaft zu hinterfragen wagt. Der Gedanke, dass ein Dorf mit wenigen Hundert Einwohnern, ohne nennenswerte Infrastruktur, ohne Nachtleben, ohne anonyme Großstadtfluchtwege, schlicht nicht der geeignete Ort für die Unterbringung einer Überzahl junger Männer aus ganz anderen kulturellen Zusammenhängen sein könnte, gilt als engstirnig. Fairness wird zur moralischen Keule, mit der man die Schwächsten trifft, jene, die am wenigsten ausweichen können, weil ihr ganzes Leben an diesem Flecken Erde hängt. Zugleich erklingt aus den höheren Etagen das übliche Ritual der Beschwichtigung: Man verstehe die Stärke der Gefühle, man müsse die Zahlen herunterbekommen, gemeint sind die Kanalüberquerer, deren Zurückweisung jedoch als zu simpel, zu unzivilisiert, zu sehr nach tatsächlicher Staatlichkeit klingt. Die Karrieren jener, die solche Sätze formulieren, folgen oft dem bekannten Pfad vom Hörsaal in den Plenarsaal, unter weitgehender Vermeidung jener praktischen Erfahrung, die lehrt, dass Zahlen nicht nur Statistiken sind, sondern Körper, Blicke, Geräusche und nächtliche Unsicherheit. Ein Premier, der die Aufregung der Dörfler zur Kenntnis nimmt, ohne die Ursache anzurühren, wirkt dabei wie ein Arzt, der das Fieber lobt, weil es die Temperaturverteilung im Körper gerechter macht.

TIP:  Die zarte Versuchung der Transparenz

Der Ratschlag der Flucht als Staatsraison

Mehr als hundert Frauen des Dorfes haben an sämtliche weiblichen Abgeordneten geschrieben und dargelegt, dass sie sich in ihrem eigenen Ort nicht mehr sicher fühlen würden, sobald die Unterkunft bezogen sei. Das Zahlenverhältnis, so die nüchterne Rechnung, ließe die Frauen den Neuankömmlingen im Verhältnis von eins zu zehn gegenüberstehen. Die Antwort der Polizei auf die Frage nach dem Schutz im Gefahrenfall lautete, man solle weglaufen und sich verstecken. Dieser Satz verdient es, als Dokument einer Epoche festgehalten zu werden. Ein Staat, dessen Ordnungshüter den Bürgerinnen raten, sich der Gefahr durch Flucht und Verbergen zu entziehen, hat aufgehört, der Garant der öffentlichen Sicherheit zu sein. Er ist zum Zuschauer geworden, der die Szenerie kommentiert, statt sie zu gestalten. In Deutschland kennt man diese Szenerie bereits aus Dörfern, deren Namen plötzlich in den Nachrichten auftauchen, weil sie zu Laboratorien einer Politik geworden sind, die den ländlichen Raum als Verfügungsmasse betrachtet. Upahl, Ziesendorf, Illerkirchberg stehen für denselben Vorgang: kleine Gemeinschaften, die über Nacht mit einer Realität konfrontiert werden, für die sie weder Infrastruktur noch kulturelle Vorbereitung besitzen, und die anschließend als intolerant gelten, wenn sie sich wehren. Die Gewaltverbrechen, die sich in solchen Konstellationen häufen, werden als Einzelfälle verbucht, während die Systematik der Platzierung als Ausdruck höherer Gerechtigkeit erscheint. Das Dorf, das brüllt, ist in Wahrheit nur die hörbare Variante dessen, was in unzähligen Stadtteilen längst zur dumpfen Resignation geworden ist.

Die Fahne als Gefahr und das Verbrechen als Alltag

Während Grafschaften richterliche Verfügungen gegen das Hissen der eigenen Landesfahne erwirken, weil Laternenmasten und Kreisverkehre angeblich unsicher würden oder weil kommunale Mitarbeiter sich belästigt fühlten, ereignen sich im Land fortlaufend Taten, deren Aufzählung bereits den Charakter eines Grauensregisters angenommen hat. Die britische Presse vermag Listen zu führen, die von Angriffen in Parks über Vergewaltigungen in öffentlichen Toiletten bis zu Übergriffen auf Rentner vor Kirchen reichen, begangen von Personen, deren Aufenthaltsstatus oft prekär oder illegal ist und deren Abschiebung trotz Vorstrafen ausbleibt. Das Hissen der Flagge wird zum potenziellen Straftatbestand, das Verbrechen selbst zum bedauerlichen, aber hinzunehmenden Begleiterscheinung einer weltoffenen Gesellschaft. Diese Inversion der Prioritäten ist kein Versehen, sondern die logische Konsequenz einer Haltung, die den eigenen Zusammenhang als etwas Überwindenswertes betrachtet und die Ankunft fremder Männergruppen als kulturellen Gewinn verbucht, solange sie nur gerecht über das Land verteilt wird. Das Dorf Piddington, das sich nun Fürstentum nennt und vielleicht bald den Molch zum Wappentier erhebt, weil bedrohte Amphibien mehr rechtlichen Schutz genießen als bedrohte Dorfgemeinschaften, vollzieht damit nur die Geste, die dem größeren Gemeinwesen versagt bleibt: Es erklärt sich für unabhängig von einem Wahnsinn, der sich als Fortschritt drapiert. Die regierende Klasse mag das Votum symbolisch nennen. Symbole aber haben die Eigenart, wahrer zu sein als die Erklärungen, mit denen man sie entwerten will. Ein Dorf, das brüllt, während die Paläste schweigen oder beschwichtigen, ist kein Kuriosum. Es ist die letzte hörbare Form von Wirklichkeit in einem Land, das sich angewöhnt hat, die eigenen Fundamente als verzichtbar zu betrachten.