Das freie Mandat mit Bedienungsanleitung

Es gehört zu den faszinierendsten Eigenheiten moderner Demokratien, dass nahezu jeder politische Festakt mit feierlichen Bekenntnissen zur Meinungsfreiheit, zur Debattenkultur und zum freien Mandat beginnt, während das eigentliche Tagesgeschäft oft erstaunlich präzise darin besteht, genau jene Freiheiten mit Geschäftsordnungen, Klubstatuten, Kommunikationsrichtlinien und Loyalitätserklärungen so sorgfältig einzurahmen, dass am Ende möglichst wenig Überraschendes geschieht. Das freie Mandat besitzt dabei einen nahezu sakralen Status. Es steht in Verfassungen, wird in Sonntagsreden beschworen und in staatsbürgerlichen Lehrbüchern als eine der edelsten Errungenschaften parlamentarischer Demokratie gefeiert. Abgeordnete sollen ausschließlich ihrem Gewissen verpflichtet sein. Nicht dem Parteichef. Nicht der Pressestelle. Nicht der WhatsApp-Gruppe des Klubs. Nicht den Umfragewerten. Nicht der Marketingabteilung. Dem Gewissen. Welch romantischer Gedanke. Fast schon rührend. Fast schon literarisch.

Die wunderbare Kunst der folgenlosen Freiheit

Die moderne Parteipolitik hat allerdings eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt, Freiheit in ihrer theoretischen Vollkommenheit uneingeschränkt zu bejahen und sie gleichzeitig praktisch so zu organisieren, dass sie möglichst selten störend auffällt. Niemand verbietet eine andere Meinung. Niemand untersagt das eigenständige Denken. Niemand schreibt offiziell vor, wie abgestimmt werden muss. Es existieren lediglich gewisse Erwartungen, gewisse Gepflogenheiten, gewisse Loyalitätsvorstellungen, gewisse Disziplinierungsmechanismen und gelegentlich auch gewisse Konsequenzen, falls das Denken einen zu eigenständigen Verlauf nimmt. Freiheit wird dadurch nicht abgeschafft. Sie erhält lediglich einen sehr überschaubaren Bewegungsradius.

Das erinnert an jene Parkanlagen, in denen ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass das Betreten des Rasens selbstverständlich erlaubt sei – allerdings ausschließlich auf den dafür vorgesehenen Wegen.

Vertrauen als politischer Rohstoff

Im Fall des Ausschlusses von Veit Dengler betonen die Verantwortlichen ausdrücklich, dass der entscheidende Vorfall „nichts mit inhaltlichen Positionen zu tun“ gehabt habe. Das klingt zunächst beruhigend. Denn immerhin bleibt damit die Botschaft bestehen, dass Meinungsverschiedenheiten grundsätzlich zulässig seien. Ausschlaggebend sei vielmehr ein zerstörtes Vertrauensverhältnis gewesen. Vertrauen ist in politischen Organisationen ein faszinierender Begriff. Er besitzt keine klaren Maßeinheiten, keine Eichmarken und keine allgemein anerkannte Definition. Er ähnelt eher einem politischen Wetterphänomen. Solange die Sonne scheint, gilt Vertrauen als vorhanden. Sobald Gewitterwolken aufziehen, kann es sich innerhalb weniger Stunden vollständig verflüchtigen.

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Interessanterweise wird Vertrauen fast nie dann erwähnt, wenn sämtliche Beteiligten derselben Meinung sind. Es taucht regelmäßig genau dann auf, wenn Konflikte eskalieren. Vertrauen wird damit zum diplomatischen Universalwerkzeug. Es ersetzt lange Begründungen, erspart unangenehme Details und besitzt den unschätzbaren Vorteil, dass niemand objektiv nachmessen kann, wann genau es verschwunden ist. Vertrauen ist gewissermaßen das politische Äquivalent zur Fehlermeldung „Ein unbekannter Fehler ist aufgetreten.“

Das freie Mandat und die Realität des Fraktionsalltags

Das freie Mandat ist juristisch ein Meisterwerk. Es schützt den einzelnen Abgeordneten vor unmittelbaren Weisungen. Es soll sicherstellen, dass das Parlament eben kein verlängerter Arm der Parteizentrale ist. In der politischen Praxis entwickelt sich jedoch oft ein anderes Bild. Parteien treten mit Programmen an. Wähler erwarten Berechenbarkeit. Regierungen benötigen Mehrheiten. Klubs müssen geschlossen auftreten. Kommunikationslinien sollen konsistent bleiben. Strategien dürfen nicht öffentlich zerfallen. All das besitzt seine eigene innere Logik.

Genau dort beginnt allerdings das Spannungsverhältnis. Denn je stärker Geschlossenheit zur obersten Tugend erklärt wird, desto kleiner wird der Raum für jene individuelle Gewissensentscheidung, die eigentlich den Kern des freien Mandats bilden soll. Demokratie verwandelt sich dann schleichend in eine beeindruckend synchronisierte Choreographie. Jeder kennt seinen Einsatz. Jeder kennt den Ablauf. Jeder kennt den Applaus. Lediglich spontane Improvisationen gelten plötzlich als Sicherheitsrisiko.

Die Partei als Orchester

Parteien lieben den Vergleich mit Teams. Tatsächlich erinnern sie häufig eher an große Orchester. Ein Orchester lebt davon, dass alle dieselben Noten spielen. Wer während Beethovens Fünfter plötzlich mit einer Jazz-Improvisation beginnt, wird vermutlich ebenfalls auf begrenzte Begeisterung stoßen. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass niemand behauptet, ein Sinfonieorchester sei eine Institution individueller künstlerischer Selbstverwirklichung. Im Parlament dagegen wird regelmäßig gleichzeitig höchste Individualität und maximale Geschlossenheit erwartet. Das ist ungefähr so, als verlange ein Dirigent absolute Improvisationsfreiheit unter der Bedingung, dass jede Improvisation exakt dem Original entspricht.

Die paradoxe Karriere der Andersdenkenden

Bemerkenswert ist, dass nahezu jede politische Bewegung ihre Entstehung einst rebellischen Querdenkern verdankt. Irgendwann stand fast jede Partei selbst außerhalb des etablierten Konsenses. Fast jede Reform begann mit Menschen, die sich gegen bestehende Mehrheiten stellten. Fast jede demokratische Errungenschaft entstand, weil jemand den Mut hatte, eine unbequeme Position einzunehmen.

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Sobald aus der rebellischen Bewegung jedoch eine etablierte Organisation geworden ist, verändert sich die Perspektive. Nun erscheinen Abweichler nicht mehr als mutige Erneuerer, sondern als potenzielle Störfaktoren. Die Revolution von gestern entwickelt plötzlich eine bemerkenswerte Wertschätzung für Disziplin. Aus Nonkonformisten werden Hüter der Konformität. Aus Rebellen werden Verwalter. Aus Opposition wird Organisation. Und Organisation besitzt eine natürliche Abneigung gegen Überraschungen.

Die Kunst des Einstimmigkeitsbeschlusses

Besonders elegant wirkt in solchen Situationen die Einstimmigkeit. Einstimmige Beschlüsse strahlen Stabilität aus. Geschlossenheit. Entschlossenheit. Sie vermitteln den Eindruck mathematischer Eindeutigkeit. Einstimmigkeit besitzt jedoch eine interessante Nebenwirkung. Sie lässt selten erkennen, ob tatsächlich völlige Einigkeit herrschte oder ob lediglich niemand mehr einen Anlass sah, öffentlich anderer Meinung zu sein.

Politische Einstimmigkeit besitzt manchmal eine fast poetische Qualität. Sie erinnert an jene Familienfotos, auf denen alle lächeln. Niemand erkennt auf dem Bild, wer fünf Minuten zuvor noch heftig gestritten hat.

Demokratie als Markenpflege

Die moderne Politik hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker den Mechanismen professioneller Markenführung angenähert. Parteien entwickeln Corporate Designs, Kommunikationsstrategien, Sprachregelungen und Imagekampagnen. Das ist nachvollziehbar. Politik konkurriert längst auf einem Markt permanenter Aufmerksamkeit. Gleichzeitig verändert sich dadurch das Verhältnis zur innerparteilichen Debatte. Unterschiedliche Meinungen erscheinen nicht mehr ausschließlich als demokratische Bereicherung, sondern gelegentlich auch als potenzielles Reputationsrisiko. Die Marke soll konsistent bleiben.

Das Ergebnis ist eine eigentümliche Entwicklung. Vielfalt wird öffentlich gefeiert, solange sie gesellschaftliche Gruppen beschreibt. Innerhalb der eigenen Reihen gewinnt hingegen bemerkenswert häufig die ästhetische Schönheit geschlossener Reihen.

Die höfliche Verpackung des Machtprinzips

Politische Sprache hat eine beneidenswerte Fähigkeit entwickelt, harte Machtentscheidungen in erstaunlich sanfte Formulierungen zu kleiden. Es wird nicht hinausgeworfen, sondern ausgeschlossen. Es wird nicht bestraft, sondern Vertrauen ist verloren gegangen. Es wird nicht sanktioniert, sondern Konsequenzen werden geprüft. Diese sprachliche Eleganz ist keineswegs neu. Bereits George Orwell beschrieb eindrucksvoll, wie politische Sprache dazu dienen kann, Unangenehmes harmlos erscheinen zu lassen. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass heute häufig nicht einmal mehr jemand den Euphemismus bemerkt. Er gehört längst zur vertrauten politischen Landschaft.

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Die Moral der Geschichte

Der Fall Veit Dengler ist deshalb weit mehr als eine parteiinterne Personalangelegenheit. Er erinnert an ein grundsätzliches Spannungsfeld parlamentarischer Demokratien. Parteien benötigen Geschlossenheit, um regierungsfähig zu sein. Demokratien benötigen jedoch ebenso Menschen, die den Mut besitzen, abweichende Positionen zu vertreten. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich jede repräsentative Demokratie seit ihrer Entstehung.

Vielleicht wäre es deshalb an der Zeit, das freie Mandat nicht ausschließlich als hübsches Schmuckstück staatsrechtlicher Festreden zu behandeln, sondern gelegentlich auch als reale politische Zumutung zu akzeptieren. Denn ein freies Mandat entfaltet seinen eigentlichen Wert nicht dann, wenn alle derselben Meinung sind. Es beweist seine Existenz erst in jenem unbequemen Moment, in dem jemand tatsächlich anders denkt.

Bis dahin bleibt das freie Mandat eine der schönsten Erfindungen demokratischer Verfassungen – sorgfältig poliert, ehrfürchtig zitiert, feierlich bewundert und mit größter Umsicht dort aufbewahrt, wo es garantiert keinen Schaden anrichten kann.