Es gehört zu den feineren Ironien der Gegenwart, dass ausgerechnet Institutionen, die sich einst der Transzendenz verschrieben hatten, heute mit erstaunlicher Hingabe im tagespolitischen Kleinbetrieb aufgehen. Die Kirche, jene jahrhundertealte Verwalterin des Jenseits, hat sich – zumindest in Teilen – zur moralischen Eventagentur des Diesseits umgewidmet. Segnungen werden nicht mehr nur für Felder, Häuser oder Seelen erteilt, sondern zunehmend für Demonstrationen, Haltungen und die politisch einwandfreie Gesinnungslage. Der Segen, einst ein Zeichen göttlicher Gnade, wird zur performativen Zustimmungserklärung im öffentlichen Raum.
Im Zentrum dieses Schauspiels steht der Fuldaer Bischof Michael Gerber, dessen Wirken unfreiwillig den Eindruck einer neuen Sakramentenlehre erzeugt: Gesegnet wird, was als kompatibel mit dem gegenwärtigen moralischen Konsens erscheint. Nicht gesegnet wird, was diesen Konsens irritiert. Die theologische Begründung hierfür bleibt dabei bemerkenswert elastisch – eine Mischung aus „Komplexität aushalten“ und „Würde des Menschen achten“, zwei Formeln, die so universell klingen, dass sie praktisch jede selektive Anwendung rechtfertigen.
Die selektive Barmherzigkeit
Die eigentliche Pointe entfaltet sich in der asymmetrischen Anwendung jener vielbeschworenen Prinzipien. Während ein Protestcamp, das – so die Darstellung – mit drastischer Rhetorik gegen eine politische Partei auftritt, den kirchlichen Segen erhält, wird einer Jugendorganisation eben jener Partei dieser Segen verweigert. Hier offenbart sich eine Barmherzigkeit, die offenbar sehr genau zu unterscheiden weiß, wer ihrer würdig ist und wer nicht.
Der Politiker Pierre Lamely formulierte dazu den naheliegenden Einwand, „geistliche Angebote müssten allen offenstehen“. Ein Satz von beinahe naiver Klarheit, der in seiner Schlichtheit bereits als Provokation wirkt. Denn was hier aufeinanderprallt, ist nicht bloß ein politischer Konflikt, sondern ein theologischer: Ist der Segen ein universales Angebot oder ein Instrument moralischer Selektion?
Ein fiktiver Kirchenrechtler könnte an dieser Stelle trocken anmerken: „Die Gnade ist per Definition unverdient – sonst wäre sie eine Auszeichnung.“ Doch genau diese Unverdientheit scheint in der gegenwärtigen Praxis zunehmend durch ein implizites Punktesystem ersetzt zu werden, in dem politische Positionen, Sprachregelungen und Zugehörigkeiten sorgfältig bewertet werden.
Demokratie als gefiltertes Ritual
Besonders reizvoll ist die rhetorische Verpackung des Ganzen. Veranstaltungen, die sich „Demokratiefest“ nennen, tragen eine Aura der Unantastbarkeit, selbst wenn ihr implizites Ziel darin besteht, bestimmte demokratische Ergebnisse als unzulässig zu markieren. Demokratie wird so zu einem Ritual, dessen Ergebnis nur dann akzeptabel ist, wenn es den Erwartungen entspricht.
„Man ist für Demokratie“, könnte ein zynischer Beobachter formulieren, „solange sie das Richtige hervorbringt.“ Diese Haltung ist keineswegs neu, erhält jedoch eine eigentümliche Schärfe, wenn sie mit religiöser Symbolik aufgeladen wird. Der Segen fungiert dann nicht mehr als spirituelle Geste, sondern als moralisches Gütesiegel: Hier steht das Gute, dort das Problematische.
Das Absurde daran ist weniger die Existenz politischer Positionierungen – die gab es immer –, sondern deren sakrale Überhöhung. Wo früher argumentiert wurde, wird heute gesegnet. Wo früher gestritten wurde, wird heute moralisch eingeordnet.
Die Kirche als Spiegel ihrer Zeit
Dass die Kirchen in Deutschland gleichzeitig mit schwindenden Mitgliederzahlen kämpfen, verleiht der Situation eine zusätzliche ironische Note. Während die Zahl der Gläubigen sinkt, wächst offenbar der Wunsch, gesellschaftliche Relevanz durch klare Positionierungen zu demonstrieren. „Man verliert die Herde“, könnte ein spitzer Kommentator sagen, „und versucht, sie durch Applaus von außen zu ersetzen.“
Die Anpassung an den Zeitgeist erscheint dabei weniger als bewusste Strategie denn als schleichender Prozess. Was einst als prophetische Distanz zur Welt gedacht war, verwandelt sich in eine bemerkenswerte Nähe zu bestimmten politischen Milieus. Der Vorwurf, die Kirche habe „ihre Wahl getroffen“, mag polemisch zugespitzt sein – doch gerade in der Polemik liegt oft ein Körnchen Wahrheit, das sich nicht so leicht wegmoderieren lässt.
Die Komplexität als Schutzschild
Besonders elegant ist die Berufung auf „Komplexität“. Sie fungiert als intellektuelles Allzweckargument, das jede Kritik abfedert. Wer Komplexität betont, signalisiert Tiefe, Differenziertheit und moralische Reife. Gleichzeitig ermöglicht dieser Begriff eine bemerkenswerte Flexibilität: Er erklärt, warum einfache Gleichbehandlung nicht möglich ist, ohne explizit sagen zu müssen, warum.
Ein erfundener Philosoph könnte dazu bemerken: „Komplexität ist das neue Mysterium – nur ohne die Verpflichtung zur Konsequenz.“ In dieser Logik wird jede Entscheidung als Ergebnis sorgfältiger Abwägung präsentiert, selbst wenn sie von außen betrachtet erstaunlich eindeutig wirkt.
Die Satire der Wirklichkeit
Am Ende bleibt ein Szenario, das sich kaum noch überzeichnen lässt, weil es bereits die Züge einer Satire trägt. Ein Bischof, der Protestbewegungen segnet, aber anderen Gruppen denselben Segen verweigert. Eine Kirche, die universale Werte predigt und zugleich selektiv anwendet. Eine Gesellschaft, die sich ihrer moralischen Überlegenheit versichert, während sie gleichzeitig ihre eigenen Prinzipien relativiert.
Man stelle sich einen Chronisten vor, der diese Episode in einigen Jahrzehnten beschreibt: „Sie sprachen unentwegt von Würde, Respekt und Zusammenhalt – und entwickelten dabei eine bemerkenswerte Fähigkeit, genau zu definieren, für wen diese Begriffe gelten sollten.“
Ein Schluss mit erhobenem Augenlid
Der eigentliche Skandal liegt vielleicht weniger in der konkreten Entscheidung als in ihrer Selbstverständlichkeit. Es empört nicht mehr, es irritiert kaum noch, es wird zur Randnotiz im Strom der täglichen Absonderlichkeiten. Der Segen hat seine Unschuld verloren und ist zum Instrument geworden – nicht laut, nicht offen, sondern mit jener sanften Autorität, die schwerer zu kritisieren ist als offene Parteinahme.
Und so bleibt der Eindruck einer Institution, die sich bemüht, relevant zu bleiben, dabei jedoch riskiert, genau das zu verlieren, was sie einst ausgezeichnet hat: die Fähigkeit, über den Dingen zu stehen. Oder, um es mit einem letzten, leicht bitteren Lächeln zu sagen: Der Himmel mag für alle offen sein – der Zugang zum Segen offenbar nicht.