oder Wie man mit Steuergeld die Revolution probt
Halten wir also fest: Die Politik soll die Berlinale mit unseren Steuergeldern finanzieren. Sie soll Schecks ausstellen, rote Teppiche ausrollen, Häppchen bezahlen, Sicherheitsdienste organisieren, und im Idealfall auch noch das Wetter kontrollieren. Aber wehe, sie räuspert sich, wenn auf der von ihr alimentierten Bühne ideologischer Sprengstoff gezündet wird – dann heißt es plötzlich: Hände weg von der Kunst! Kohle: ja. Mitspracherecht: nein. Die dialektische Meisterleistung besteht darin, den Staat gleichzeitig als gütige Milchkuh und als autoritäres Monster zu imaginieren. Er soll zahlen, aber bitte unsichtbar bleiben – eine Art diskreter Mäzen mit Dauerauftrag und Maulkorb.
Offener Brief, geschlossene Kreise
Nun also warnt die Deutsche Filmakademie in einem offenen Brief vor politischer Einflussnahme. Autonomie kultureller Institutionen! Ein hohes Gut, zweifellos. Unterzeichnet haben unter anderem Iris Berben, Wim Wenders, Margarethe von Trotta, Volker Schlöndorff, Daniel Kehlmann und İlker Çatak – eine Galerie der Verdienste, ein Pantheon der kulturellen Selbstvergewisserung. Man kennt sich, man schätzt sich, man unterschreibt sich. Und natürlich verteidigt man das, was man liebt: die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks. So weit, so ehrenwert.
Doch während man mit Pathos gegen die „politische Einflussnahme“ anraunt, bleibt eine Frage seltsam unterbelichtet: Wenn ein Festival zu erheblichen Teilen aus öffentlichen Mitteln finanziert wird, ist es dann wirklich ein metaphysischer Übergriff, wenn die Öffentlichkeit – vermittelt durch gewählte Vertreter – zumindest irritiert reagiert, wenn auf der Bühne Begriffe wie „Völkermord“ gegen die Bundesregierung geschleudert werden? Oder ist es vielleicht doch etwas komplizierter als das romantische Bild vom Künstler, der mit wehendem Schal gegen die kalte Macht antritt?
Der Staat als Feindbild mit Dauerauftrag
Anlass des Briefes ist eine von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer einberufene Aufsichtsratssitzung der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH. Im Raum steht die mögliche Ablösung von Intendantin Tricia Tuttle. Schon der Gedanke scheint manchen als Sakrileg zu erscheinen: Wie kann es der Staat wagen, in einer von ihm getragenen Gesellschaft über Personalfragen nachzudenken? Das klingt in etwa so, als würde ein Gesellschafter in „seinem“ Unternehmen Fragen stellen – unerhört!
Man könnte, wenn man böse wäre – und Satire lebt bekanntlich vom Bösesein mit Stil – darauf hinweisen, dass Autonomie und Alimentierung in einem spannungsvollen Verhältnis stehen. Wer sich vom Staat finanzieren lässt, tritt in ein Verhältnis ein. Und Verhältnisse haben nun einmal Regeln. Die Alternative wäre radikal und erfrischend klar: Macht doch einfach Euren Scheiß ohne Euch von uns alimentieren zu lassen! Crowdfunding statt Kanzleramt, Sponsoren statt Subventionen, radikale Freiheit statt komfortabler Abhängigkeit. Es wäre ein ehrliches Experiment.
Die Bühne als Tribunal
Auslöser der aktuellen Erregung war eine Rede des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib, der der Bundesregierung vorwarf, „Partner des Völkermords in Gaza“ zu sein. Das ist kein lyrisches Bild, kein metaphorisches Flirren – das ist eine Anklage mit maximaler moralischer Sprengkraft. Bundesumweltminister Carsten Schneider verließ den Saal, Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner sowie Israels Botschafter Ron Prosor nannten die Aussagen inakzeptabel.
Nun kann man trefflich darüber streiten, was eine Bühne aushalten muss. Kunst darf provozieren, sie darf verletzen, sie darf überziehen. Aber sie darf nicht widersprochen werden? Sie darf nicht politische Reaktionen auslösen? Wer eine staatlich kofinanzierte Bühne nutzt, um dem Staat schwerste Verbrechen vorzuwerfen, der sollte zumindest damit rechnen, dass dieser Staat nicht mit standing ovations antwortet. Das ist kein Angriff auf die Kunstfreiheit, das ist die banale Logik öffentlicher Debatten.
Moral und Moneten
Besonders pikant wirkt das Ganze, wenn man die moralische Selbstinszenierung mancher Unterzeichner betrachtet. Wer sich öffentlich und mit Nachdruck gegen Antisemitismus positioniert, wer sich als Freund Israels versteht, der gerät in ein Spannungsfeld, wenn auf derselben Bühne Parolen fallen, die zumindest von vielen als israelfeindlich oder einseitig wahrgenommen werden. Dass ausgerechnet prominente Stimmen nun vor politischer Einflussnahme warnen, lässt – wie soll man sagen – Raum für Interpretationen. Die Sorge um die Kunstfreiheit ist edel. Die Sorge um Fördertöpfe ist mitunter existenziell. Und Existenzfragen haben bekanntlich eine besondere Dringlichkeit.
Man könnte zugespitzt formulieren: Die Freiheit der Kunst endet dort, wo der Förderbescheid wackelt. Das ist polemisch, gewiss. Aber Satire darf das. Und sie darf auch fragen, warum das Pathos immer dann besonders laut wird, wenn die Möglichkeit real wird, dass politische Gremien ihre Verantwortung als Geldgeber ernst nehmen.
Autonomie als bequeme Fiktion
Die Filmakademie spricht von einem „gefährlichen Signal“ für die Kunstfreiheit. Vielleicht ist das wahre gefährliche Signal jedoch ein anderes: die Vorstellung, man könne dauerhaft in einem Zustand komfortabler Entkopplung leben. Öffentlich finanziert, aber politisch unangreifbar. Gesellschaftlich relevant, aber institutionell unantastbar. Moralisch überlegen, aber ökonomisch abgesichert.
Demokratie ist kein Wellnessbereich für Kulturschaffende. Sie ist ein System wechselseitiger Zumutungen. Wer öffentliche Mittel erhält, wird öffentlich diskutiert. Wer politische Begriffe in den Raum wirft, bekommt politische Antworten. Das ist kein Kulturkampf, das ist die Grundmechanik einer offenen Gesellschaft.
Der letzte Vorhang
Vielleicht wäre ein wenig Ehrlichkeit heilsam. Ja, wir wollen staatliche Förderung. Ja, wir wollen maximale Freiheit. Ja, wir wollen keine unangenehmen Fragen, wenn es auf unseren Bühnen kracht. Aber diese Gleichung geht nicht auf. Autonomie ist kein Naturrecht, sie ist ein ausgehandelter Zustand. Und Aushandlung bedeutet Reibung.
Am Ende bleibt eine einfache, fast schon vulgäre Pointe: Wer zahlt, schafft an – zumindest ein bisschen. Wer das nicht will, muss selbst zahlen. Alles andere ist eine ästhetisch verbrämte Form von Rosinenpickerei. Und so bleibt die Berlinale – pardon, das Festival – ein faszinierendes Schauspiel nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im politischen Parkett. Eine Tragikomödie über Freiheit, Geld und Moral. Mit sehr gut besetzter Jury, großem Orchester – und einem Publikum, das am Ende die Rechnung begleicht.