Die Wiederkehr als Farce mit Umfragewerten

Siebenunddreißig Jahre nach jenem November, in dem Beton, Stacheldraht und Schießbefehl endlich ihre staatliche Weihe verloren, erscheint in Berlin eine Zahl, die den Geschichtsunterricht der Republik in eine Art zynisches Kabarett verwandelt: Die Partei, die in gerader Linie vom Politbüro der SED über die PDS zur Linkspartei mutierte, führt in den letzten Erhebungen vor der Abgeordnetenhauswahl. Was einst als Diktatur mit Mauertoten, Stasi-Aktenbergen und planwirtschaftlichem Mangel firmierte, darf sich nun, demokratisch verbrämt und umfragegestützt, anschicken, ins Rote Rathaus einzuziehen, jenes Gebäude, dessen Farbe nie bloß architektonische Laune war. Die Ironie ist so dick aufgetragen, dass sie fast schon wieder stilvoll wirkt, als hätte die Stadt beschlossen, ihre eigene Vergangenheit nicht zu bewältigen, sondern sie als saisonales Event zu reenacten, diesmal mit Wahlzetteln statt mit Grenztruppen. Die Mauertoten, deren genaue Zahl immer noch zwischen amtlicher Zurückhaltung und historischer Genauigkeit schwankt, werden dabei zur Fußnote einer Gegenwart, in der Nostalgie nach dem „sozialen“ Osten und eine gewisse Nachsicht gegenüber autoritären Reflexen sich als Fortschritt verkaufen lassen. Es ist, als hätte Berlin beschlossen, dass die Lektion von 1989 eine befristete war, eine Art Probezeit der Freiheit, nach deren Ablauf man wieder zur vertrauteren Form der Bevormundung zurückkehren darf, nur eben parlamentarisch legitimiert und mit besseren Cafés.

Die kurze Halbwertszeit des Entsetzens

Das kollektive Gedächtnis einer Metropole, die sich gerne als weltoffen und erinnerungskulturstark feiert, erweist sich hier als erstaunlich kurzlebig, fast schon als Verbrauchsmaterial. Was 1989 noch als Triumph über eine Diktatur gefeiert wurde, die Menschen erschoss, weil sie den falschen Sektor betraten, verblasst vor dem Reiz einer Partei, die ihre Wurzeln nie vollständig gekappt hat und deren Flügel bis heute zwischen reformistischer Rhetorik und unverdauter Systemkritik pendeln. Die SED hinterließ nicht nur Ruinen und Bespitzelungsakten, sondern auch eine Mentalität, die den Staat als allwissenden Vater verstand und den Bürger als zu erziehendes Kind. Diese Mentalität überlebte in milde gewendeter Form, und Berlin, immer schon ein Labor für teure Irrtümer, scheint bereit, das Experiment zu wiederholen, diesmal unter dem Label der sozialen Gerechtigkeit und der Antidiskriminierung. Die Mauer fiel, die Köpfe aber behielten ihre inneren Sperrzonen. Man erinnert sich an die Toten, solange es Gedenktafeln und Feiertagsreden gibt; sobald es um Machtverteilung geht, wird die Erinnerung zur störenden Begleitmusik. Honeckers berüchtigter Satz, dass den Sozialismus in seinem Lauf weder Ochs noch Esel aufhalte, klingt plötzlich weniger wie die Prahlerei eines gestürzten Apparatschiks denn wie eine verspätete Prognose, nur dass der Lauf diesmal über Wahlurnen führt und der Esel demokratisch gewählt wäre.

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Vom Politbüro zur Umfrageführerschaft

Die genealogische Linie ist nicht zu leugnen, auch wenn sie heute hinter modernen Slogans und einer Spitzenkandidatin versteckt wird, deren Auftreten den Bruch mit der grauen Honecker-Ästhetik markieren soll. Die PDS war die Nachfolgeorganisation der Staatspartei, Die Linke deren westdeutsch angereicherte Fortsetzung, und was sich in den Umfragen an die Spitze setzt, trägt immer noch das Erbe einer Organisation, die Eigentum sozialisierte, Opposition zersetzte und Grenzen mit tödlicher Konsequenz zog. Dass Teile dieser Tradition sich heute als konsequent antifaschistisch und kapitalismuskritisch inszenieren, gehört zum Repertoire der Selbstreinigung, das jede gescheiterte Ideologie irgendwann beherrscht. Die Satire liegt darin, dass ausgerechnet die Stadt, die den Preis für diese Ideologie in geteilten Familien, zerschossenen Flüchtlingen und einem jahrzehntelangen wirtschaftlichen Rückstand zahlte, nun wieder mit der Möglichkeit flirtet, denselben Geist ins Rathaus zu lassen. Es ist, als würde man nach einem Brand den Brandstifter zum Feuerwehrchef wählen, weil er verspricht, diesmal kontrollierter zu zünden. Die Zahlen – knapp über zwanzig Prozent, ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Union – sind dabei weniger Sensation als Symptom: Berlin hat sich daran gewöhnt, seine Probleme so zu lösen, dass sie teurer, komplizierter und ideologisch aufgeladener werden, als sie sein müssten.

Wenn der Antifaschismus den Kompass verliert

Besonders pikant wird die Angelegenheit dort, wo die historische Selbstgerechtigkeit der Nachfolgepartei auf die Gegenwart des Judenhasses trifft. Teile des linken Spektrums haben sich in den letzten Jahren darin geübt, Israelkritik so zu formulieren, dass sie ununterscheidbar wird von alten Ressentiments in neuem Gewand: der Jude als Kolonialist, der jüdische Staat als ewiger Übeltäter, der 7. Oktober als irgendwie verständliche Reaktion. Die Partei, die sich auf die richtige Seite der Geschichte stellt, indem sie den Faschismus von 1933 bis 1945 unermüdlich beklagt, zeigt sich merkwürdig nachsichtig, sobald der Hass von anderer Seite kommt und sich progressiv kostümiert. In einer Stadt mit sichtbarer jüdischer Gemeinde und einer Vergangenheit, die eigentlich zur besonderen Wachsamkeit verpflichten sollte, wirkt das wie eine weitere Pointe der Geschichte: Die Erben jener, die den real existierenden Sozialismus mit Antisemitismus-Kampagnen und Israelfeindschaft würzten, dürfen nun als moralische Instanz auftreten. Der Zynismus besteht nicht darin, dass einzelne Mitglieder problematische Positionen vertreten – das tun Parteien aller Couleur –, sondern darin, dass diese Positionen innerhalb eines Milieus geduldet, relativiert oder als notwendiger Antiimperialismus umetikettiert werden, während gleichzeitig die eigene Vergangenheit als überwunden gilt. Berlin, das sich gerne als Hauptstadt der Erinnerungskultur feiert, riskiert damit, dass Erinnerung zur Einbahnstraße wird: nach rechts scharf, nach links milde, je nachdem, wer gerade die historischen Kostüme trägt.

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Das Rote Rathaus als Bühne der Wiederholung

Das Rote Rathaus selbst, dieser neogotische Backsteinbau, der schon so viele Verwaltungen überdauert hat, würde unter einer solchen Konstellation zur perfekten Kulisse. Rot war es schon immer, rot würde es bleiben, nur dass die Farbe diesmal nicht mehr bloß Fassade, sondern Programm wäre. Die Vorstellung, dass ausgerechnet dort, wo nach der Wende mühsam westliche Verwaltungsroutinen und rechtsstaatliche Grundsätze eingezogen sind, wieder eine Formation das Sagen bekommen könnte, deren Vorläufer den Rechtsstaat als bürgerliche Fiktion betrachteten, besitzt eine dramaturgische Qualität, die jedes Satirestück neidisch machen würde. Die Stadt, die ihre eigene Teilung überwunden hat, scheint bereit, eine geistige Teilung zu akzeptieren: hier die Mahnmale und die offiziellen Bekenntnisse zu Freiheit und Vielfalt, dort die stille Sehnsucht nach einer Politik, die den Bürgern sagt, was gerecht, was richtig und was zu unterlassen sei. Die Umfragen sind keine Prognose, sie sind ein Stimmungsbild, und das Stimmungsbild sagt, dass ein erheblicher Teil der Wahlberechtigten die historischen Kosten für vernachlässigbar hält, solange die Rhetorik stimmt. Es ist der Berliner Beitrag zur ewigen Wiederkehr des Gleichen: Man reißt die Mauer ein, bewahrt aber die Denkweise, die sie nötig machte, und nennt das Fortschritt, weil diesmal niemand schießt, sondern nur umverteilt, reguliert und moralisch belehrt.

Die Hauptstadt als teures Lehrstück

Am Ende bleibt die Beobachtung, dass Berlin sich einmal mehr als die Stadt erweist, die ihre Lektionen am liebsten zweimal bezahlt, das erste Mal in Blut und Teilung, das zweite Mal in Verwaltungschaos, ideologischer Überhöhung und der weihevollen Überzeugung, diesmal sei alles ganz anders. Die Möglichkeit, dass die Nachfolger der SED-Diktatur und Träger eines zumindest in Teilen antisemitisch imprägnierten Antizionismus ins Zentrum der Stadtregierung rücken, ist weniger ein Betriebsunfall der Demokratie als deren Berliner Spezialität: die Fähigkeit, das Absurde für fortschrittlich zu halten, solange es mit den richtigen Vokabeln daherkommt. Siebenunddreißig Jahre sind in der Geschichte eines Gemeinwesens keine Ewigkeit, eher ein Wimpernschlag. Dass dieser Wimpernschlag ausreicht, um aus Mauertoten und Schießbefehl eine wählbare Option zu machen, sagt weniger über die Partei aus als über die Bereitschaft einer Stadt, ihre eigene Biografie als optional zu behandeln. Die Satire schreibt sich hier selbst, und sie braucht kaum Übertreibung. Sie braucht nur die Zahlen, die Geschichte und die unerschütterliche Berliner Gewohnheit, das Nächstliegende immer erst dann zu tun, wenn alle teureren und ideologisch reizvolleren Umwege ausprobiert sind.