Unter dem Alltag der Kranken

Tief unter den Gängen eines Krankenhauses in Ulm, dort wo sonst nur Leitungen, Fundamente und das dumpfe Summen der Haustechnik zuhause sind, lagert ein Relikt, das die Republik jahrzehntelang lieber vergessen hätte: ein Bunker aus dem Jahr 1979, errichtet in jener Epoche, als der Ost-West-Konflikt noch als dauerhafte Normalität galt und der atomare Ernstfall nicht als abstrakte Denkspielerei, sondern als planbare Möglichkeit in Beton gegossen wurde. Die Anlage sollte zweitausend Menschen für neunzig Tage autark beherbergen, mit Operationssälen, Schleusen, Vorräten und jener typisch westdeutschen Gründlichkeit, die selbst den Untergang noch mit Checklisten und Notstromaggregaten versehen wollte. Jahrzehnte lang dämmerte dieses unterirdische Labyrinth vor sich hin, ein teures Mahnmal der Abschreckung, das nach dem Ende des Kalten Krieges seinen Zweck verloren zu haben schien und fortan als kurioses bauliches Überbleibsel galt, irgendwo zwischen Denkmalschutz und Abschreibungsobjekt. Nun, da die Planer in Berlin und im Sanitätsdienst wieder ernsthaft mit einem direkten militärischen Konflikt rechnen, soll genau dieser Keller reaktiviert werden – nicht mehr primär gegen den atomaren Winter, sondern als Auffangstation für konventionell Verwundete, die in Schüben von bis zu tausend am Tag eintreffen könnten. Die Ironie ist so dick, dass sie selbst den Beton zu sprengen droht: Was einst gegen die Sowjetunion gedacht war, soll jetzt gegen deren Nachfolger helfen, und zwar ausgerechnet in einem Land, das über Jahrzehnte hinweg seine Krankenhäuser geschlossen, Betten abgebaut und den Frieden so gründlich verwaltet hat, dass der Gedanke an Massenanfall von Kriegsverletzten fast schon als geschmacklose Störung des Alltagsbetriebs empfunden wurde.

Der zentrale Umschlagplatz des Schmerzes

Die Bundeswehr und die Bundesregierung haben eine groß angelegte Überprüfung der medizinischen Infrastruktur begonnen, und das Ergebnis dieser Überprüfung trägt den nüchternen Charme einer Prognose, die niemand hören wollte: Im Falle eines russischen Angriffs auf NATO-Staaten würde Deutschland zum zentralen medizinischen Hub avancieren. Tausend Verwundete täglich – eine Zahl, die in den Papieren der Planer so selbstverständlich steht wie früher die Friedensdividende in den Haushaltsreden. Die fünf Bundeswehrkrankenhäuser würden binnen kurzer Zeit an ihre Grenzen stoßen, was niemanden überraschen dürfte, der je einen Blick auf deren Kapazitäten geworfen hat. Der Rest, der große Rest, müsste in zivilen Kliniken versorgt werden, und zwar gleichzeitig mit jenen Patienten, die auch im Frieden schon Herzinfarkte, Schlaganfälle, Verkehrsunfälle und all die anderen Unerfreulichkeiten des zivilen Lebens produzieren. Die Vorstellung besitzt eine gewisse makabere Eleganz: Während oben im normalen Krankenhausbetrieb weiterhin um OP-Kapazitäten, Pflegeschlüssel und DRG-Abrechnungen gerungen wird, sollen unten im wiederbelebten Bunker oder in den benachbarten zivilen Häusern Männer und Frauen mit Minenverletzungen, Schusswunden und Amputationsstümpfen eintreffen. Die Republik, die sich so gerne als moralische Mittelmacht inszeniert, entdeckt sich plötzlich als logistisches Drehkreuz des Leidens, eine Art sanitäre Drehscheibe zwischen Ostfront und Heimatfront. Dass diese Rolle ausgerechnet jenem Land zufällt, dessen politisches Personal über Jahre hinweg lieber über Klimaziele, Gendersternchen und die richtige Form der Erinnerungskultur debattierte als über die Frage, wie viele Beatmungsplätze im Ernstfall tatsächlich funktionieren, gehört zu jenen Pointen der Geschichte, die selbst der zynischste Satiriker nicht besser hätte erfinden können.

TIP:  Aber jetzt!

Chirurgen im Schnellkurs

Nur wenige hundert deutsche Ärzte verfügen über praktische Erfahrung mit Minen- und Kriegsverletzungen. Der Satz klingt zunächst harmlos, entfaltet aber bei längerem Nachdenken die ganze Wucht einer kollektiven Verdrängung. Jahrzehnte des Friedens haben eine Medizin hervorgebracht, die in der elektiven Hüft-TEP und der minimalinvasiven Gallenblasenentfernung Weltklasse ist, während die grobe, blutige, zeitkritische Chirurgie des Krieges zur exotischen Randnotiz wurde. Die Bundeswehr bildet nun zivile Chirurgen eigens für diesen Fall aus, ein löbliches Unterfangen, dessen Kapazität jedoch bei rund hundert Fachkräften pro Jahr verharrt. Hundert im Jahr – bei einem Szenario, das tausend Verwundete am Tag vorsieht. Die Arithmetik ist so erbarmungslos, dass sie fast schon komisch wirkt, wäre da nicht der Ernst der Lage. Man schult also in aller Ruhe eine Elite kleiner Trupps, während draußen das System bereits im Alltag ächzt, Wartezeiten explodieren und der Nachwuchs lieber ins Ausland oder in die Niederlassung flieht. Die Kurse selbst mögen hervorragend sein, praxisnah, mit Simulationspuppen und echten Fallbeispielen aus aktuellen Konflikten. Doch sie bleiben ein Tropfen auf den heißen Stein einer Infrastruktur, die über Jahrzehnte hinweg auf Effizienz, Bettenabbau und Kostendämpfung getrimmt wurde. Benedikt Friemert, der ärztliche Direktor des Ulmer Hauses, hat die Lage auf den Punkt gebracht: Das Gesundheitssystem sei darauf nicht vorbereitet, und was bevorstehe, sei ein Marathon. Ein Marathon, den man offenbar mit einem Bunker aus den Siebzigern und ein paar Fortbildungsseminaren bestreiten will. Die Pointe liegt darin, dass ausgerechnet jene Generation von Medizinern, die den Frieden als selbstverständlichen Normalzustand erlebt hat, nun im Schnellverfahren lernen soll, was ihre Vorgänger im Kalten Krieg noch als selbstverständliches Risiko betrachteten.

Die zivile Klinik als Auffangbecken

Ein Großteil der Verwundeten müsste in zivilen Kliniken behandelt werden, und zwar parallel zu den Zivilisten, die dort ohnehin schon liegen. Diese Formulierung besitzt die kühle Präzision einer Verwaltungsanweisung und zugleich die ganze Absurdität der Lage. Die zivilen Häuser, ohnehin geplagt von Personalmangel, Investitionsstau und dem ewigen Kampf um Fallpauschalen, sollen plötzlich zu kriegstauglichen Einrichtungen mutieren, ohne dass irgendjemand erklärt, wer dann noch die Hüftpatientin aus dem Nachbarort oder den krebskranken Rentner operiert. Triage bekommt in diesem Szenario eine neue, unangenehme Dimension: Nicht mehr nur zwischen lebensbedrohlich und aufschiebbar, sondern zwischen Soldat und Zivilist, zwischen dem, der von der Front kommt, und dem, der einfach nur Pech im Alltag hatte. Die Planer sprechen von Resilienz, von geschützten Räumen, von ballistiksicherem Glas und Drohnenabwehr, als handle es sich um ein Update der Brandschutzordnung. In Wahrheit offenbart sich hier die ganze Halbherzigkeit einer Politik, die den Ernstfall zwar rhetorisch beschwört, aber die Konsequenzen für das bestehende System lieber in Fußnoten und Prüfaufträgen versteckt. Die fünf militärischen Häuser reichen nicht, also wird das zivile System zur Reserve erklärt – jenes System, das man zuvor jahrelang auf Kante genäht hat. Es ist, als würde man ein marodes Wohnhaus im fünften Stock plötzlich zum Luftschutzkeller umwidmen und sich wundern, warum die Statik nicht mitspielt.

TIP:  Von der Wehrhaftigkeit zur Wetterfühligkeit

Millionen für die Geister der siebziger Jahre

Die Modernisierung von Lüftung und Stromversorgung im Ulmer Bunker würde mehrere Millionen Euro kosten. Mehrere Millionen – eine Summe, die in Zeiten von Sondervermögen und Zeitenwenden fast schon bescheiden klingt, und doch den Kern der Sache trifft. Man pumpt Geld in die Wiederbelebung einer Anlage, die für den atomaren Ernstfall konzipiert wurde, um nun konventionelle Verwundete aufzunehmen, während gleichzeitig niemand so recht sagen kann, wie das Gesamtsystem aus zivilen und militärischen Kapazitäten tatsächlich zusammenwachsen soll. Der Bunker, dieser betonierte Zeuge einer vergangenen Bedrohung, wird zur teuren Metapher: Man restauriert die Vergangenheit, weil die Gegenwart keine besseren Ideen hervorgebracht hat. Die Lüftungsanlagen der siebziger Jahre sollen wieder laufen, die Stromversorgung modernisiert werden, damit im Ernstfall unten operiert werden kann, während oben der normale Klinikbetrieb weitergeht oder eben nicht. Es ist ein Akt der Wiederbelebung, der etwas von Nekromantie hat: Die Toten der Planungsgeschichte werden ausgegraben, entstaubt und für den nächsten Konflikt in Dienst gestellt. Dass dies ausgerechnet in Ulm geschieht, in einer Stadt, die sich sonst eher mit Wissenschaftscampus und Universitätsmedizin schmückt, verleiht der Angelegenheit eine zusätzliche Note unfreiwilliger Komik. Der Keller, der jahrzehntelang niemanden interessierte, wird plötzlich zum Hoffnungsträger. Und während die Millionen fließen, bleibt die eigentliche Frage unbeantwortet: Ob ein Land, das seine medizinische Infrastruktur im Frieden schon nicht in den Griff bekommt, im Krieg plötzlich Wunder vollbringen wird – oder ob der Bunker am Ende nur ein weiteres Symbol dafür bleibt, dass man lieber alte Betonklötze aufmöbelt, als die unbequemen Wahrheiten der Gegenwart auszusprechen.