Antiwoke und Antiislam

Wer sich rechtfertigt, hat bereits verloren

In den salbungsvollen Hallen des zeitgenössischen Meinungstheaterbetriebs, wo jedes Wort nicht als Versuch der Weltbeschreibung, sondern als moralische Visitenkarte gilt, hat sich ein merkwürdiges Schauspiel etabliert. Sobald jemand es wagt, jene kulturellen und ideologischen Formationen zu benennen, die sich hinter den Schutzschildern von Fortschritt und religiöser Empfindlichkeit verschanzen, setzt unweigerlich das große Rechtfertigungsritual ein. Es wird beteuert, man sei kein Feind der Menschlichkeit, man schätze Vielfalt, man habe selbstverständlich nichts gegen einzelne Gläubige. Genau in diesem Augenblick, in dem die Apologie beginnt, ist die Position bereits geräumt. Denn die Rechtfertigung akzeptiert die heimliche Hierarchie des Diskurses: Die eine Seite darf anklagen, die andere muss sich erklären. Wer sich erklärt, hat den Rahmen übernommen, den der Ankläger gesetzt hat, und spielt fortan nach dessen Regeln. Die Ironie liegt darin, dass ausgerechnet jene, die sich als besonders aufklärerisch oder besonders realistisch gerieren, oft als erste in diese Falle tappen und dabei ihre eigene sprachliche Souveränität verschenken.

Die Falle der vorauseilenden Demut

Die Mechanik ist so durchsichtig wie wirksam. Eine Kritik an identitätspolitischen Übertreibungen, an der Umdeutung von Sprache in Machtinstrument, an der Hierarchisierung von Opfergruppen oder an der Unfähigkeit bestimmter religiöser Gemeinschaften, säkulare Rechtsordnungen vorbehaltlos anzuerkennen, gilt nicht als Beitrag zur Debatte, sondern als Verdachtsmoment. Sofort wird der Kritiker in die Defensive gedrängt. Er muss beweisen, dass er nicht der ist, als den man ihn gerne stempeln möchte. Diese Beweislastumkehr ist kein Zufall, sondern Strategie. Sie verwandelt jede inhaltliche Auseinandersetzung in eine Charakterprüfung. Derjenige, der fragt, warum bestimmte Tabus nur in eine Richtung gelten, warum etwa die Gleichberechtigung der Geschlechter plötzlich kulturell relativierbar wird, sobald sie mit bestimmten Traditionen kollidiert, oder warum statistische Auffälligkeiten in Kriminalität und Integrationsverläufen nicht benannt werden dürfen, ohne dass der Benennende sich erst einmal von allen möglichen dunklen Motiven reinwaschen muss, dieser Fragende hat schon verloren, sobald er die Reinwaschung beginnt. Die Demut, die hier verlangt wird, ist keine Tugend der Bescheidenheit, sondern ein Unterwerfungsakt. Sie signalisiert, dass die Kritik selbst als anrüchig gilt und nur unter Auflagen geduldet wird. Ein Diskurs, der so funktioniert, ist kein Diskurs mehr, sondern ein Tribunal, in dem das Urteil bereits feststeht und lediglich die Form der Reue noch verhandelt wird.

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Heilige Begriffe und ihre Wächter

Besonders wirksam wird das Spiel, wenn Begriffe wie Toleranz, Vielfalt oder Religionsfreiheit selbst zu unantastbaren Fetischen werden, die jede Prüfung ihrer realen Folgen unterbinden. Die woke Variante dieses Fetischismus erklärt bestimmte Identitätsmerkmale zu sakralen Kategorien, deren bloße Relativierung schon als Gewalt gilt. Gleichzeitig wird eine Religion, deren politische und rechtliche Ansprüche in manchen Ausprägungen mit liberalen Grundordnungen in offenem Widerspruch stehen, vor jeder scharfen Analyse geschützt, indem jede Kritik pauschal als Phobie denunziert wird. Das Ergebnis ist eine merkwürdige Allianz aus Empfindlichkeit und Macht. Wer darauf hinweist, dass nicht jede Form von Differenz bereichernd ist, dass manche kulturellen Praktiken mit individuellen Freiheitsrechten unvereinbar bleiben, oder dass die fortgesetzte Leugnung von Integrationsproblemen selbst eine Form von Herablassung darstellt, der gilt rasch als Störer der Harmonie. Die Wächter dieser Harmonie verlangen dann nicht etwa Gegenargumente, sondern Gesten der Zugehörigkeit. Man möge doch bitte betonen, wie sehr man die Betroffenen schätze, wie differenziert man denke, wie weit man selbst von jedem Generalverdacht entfernt sei. Diese Gesten sind der eigentliche Tribut. Sie verwandeln den Kritiker in einen Bittsteller, der um Erlaubnis nachsucht, überhaupt noch sprechen zu dürfen. Satirisch betrachtet gleicht das Ganze einer höfischen Etikette, in der der Falsche den falschen Titel verwendet und nun erst einmal drei Verbeugungen nachholen muss, bevor er seinen Satz zu Ende bringen darf. Nur dass der Hof hier aus moralischer Empörung besteht und die Strafe nicht Verbannung, sondern soziale Ächtung heißt.

Das Ritual der Unterscheidung als Kapitulation

Besonders lehrreich ist das ständige Bemühen um Unterscheidungen, das als Zeichen von Seriosität gilt und doch oft nur die Niederlage kaschiert. Immer wieder wird betont, man meine natürlich nicht alle, man trenne selbstverständlich zwischen Glauben und Ideologie, zwischen Mehrheit und Minderheit, zwischen Kultur und Politik. Diese Unterscheidungen sind inhaltlich häufig korrekt und sogar notwendig. Als rhetorisches Ritual jedoch erfüllen sie eine andere Funktion: Sie signalisieren Unterwerfung unter die Forderung, jede unbequeme Beobachtung zuerst unschädlich zu machen. Derjenige, der eine Entwicklung beschreibt, die sich empirisch verdichtet – sei es die Ausbreitung identitätspolitischer Sprachregelungen in Institutionen oder die hartnäckige Persistenz paralleler Rechtsvorstellungen in bestimmten Milieus –, darf dies nur tun, wenn er zuvor eine Litanei der Relativierungen abgespult hat. Sobald diese Litanei beginnt, ist der eigentliche Satz bereits entkräftet. Er erscheint nicht mehr als Beschreibung eines Problems, sondern als etwas, das man sich nur unter Auflagen erlauben darf. Die Zyniker unter den Beobachtern erkennen darin eine Form von vorauseilendem Gehorsam, der die eigene Position von vornherein als legitimationsbedürftig anerkennt, während die Gegenseite keinerlei vergleichbare Pflicht kennt. Niemand verlangt von den Anklägern, ständig zu beteuern, dass sie nicht alle Andersdenkenden für moralisch minderwertig halten. Die Asymmetrie ist der Punkt. Wer sie akzeptiert, indem er sich rechtfertigt, hat das Spiel bereits nach den Regeln des Gegners angenommen.

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Die Ironie der selbsternannten Tabubrecher

Am Ende bleibt die bittere Komik, dass ausgerechnet jene, die sich als letzte Verteidiger der freien Rede und der ungeschminkten Realität gerieren, oft am eifrigsten die Rechtfertigungsmaschine bedienen. Sie wollen Tabus brechen und beginnen damit, sich für das Brechen zu entschuldigen. Sie wollen Realitäten benennen und verbringen die Hälfte ihrer Energie damit, zu erklären, warum das Benennen keine Bosheit sei. In diesem Widerspruch liegt die eigentliche Pointe. Ein Diskurs, der Kritik nur noch als begründungspflichtige Ausnahme duldet, während bestimmte Positionen als moralischer Default gelten, produziert keine Klärung, sondern Erschöpfung. Die Erschöpfung wiederum begünstigt genau jene Vereinfachungen, die man angeblich bekämpfen wollte. Wer dauernd erklären muss, warum er kein Unmensch ist, wird irgendwann entweder verstummen oder in die grobe Gegenprovokation flüchten. Beides ist eine Form des Verlusts. Die elegantere Variante, die sich dem Ritual verweigert, besteht nicht in der Verweigerung jeglicher Differenzierung, sondern in der Weigerung, die Beweislast zu übernehmen. Man beschreibt, was man sieht, ohne sich vorher die Erlaubnis dazu zu holen. Ob das in der gegenwärtigen Atmosphäre noch als Haltung durchgeht oder bereits als Unverschämtheit gilt, ist selbst schon Teil der Diagnose. Die Satire daran ist, dass ausgerechnet die Lautesten unter den Moralisten am empfindlichsten auf die Verweigerung ihrer Zeremonie reagieren. Sie brauchen die Rechtfertigung des anderen, um die eigene Überlegenheit zu bestätigen. Bleibt sie aus, bleibt nur noch die nackte Behauptung der Deutungshoheit, und die wirkt dann plötzlich weniger selbstverständlich, als sie sich gerne gäbe.