Die Wiederkehr des pädagogischen Staates

Es gehört zu den eigentümlichen Ironien der politischen Gegenwart, dass ausgerechnet jene Kräfte, die sich einst mit dem Pathos der Freiheit schmückten, nun mit dem Eifer spätberufener Erziehungsberechtigter auftreten, sobald die Wirklichkeit nicht mehr den eigenen Erwartungen entspricht. Wo früher Marktwirtschaft und Eigenverantwortung beschworen wurden, ertönt heute ein Tonfall, der eher an die muffigen Amtsstuben einer längst untergegangenen Republik erinnert, in der Öffentlichkeit kein Raum der Auseinandersetzung, sondern ein zu beaufsichtigender Gefahrenherd war. In dieser neuen, alten Logik erscheint die freie Kommunikation nicht als Fundament demokratischer Kultur, sondern als Störfaktor – ein Geräusch, das gedämpft, kanalisiert, im Zweifel abgeschaltet werden müsse. Dass ein Ministerpräsident den Wunsch äußert, soziale Medien am liebsten gleich ganz zu „abschalten“, wirkt dabei weniger wie ein Ausrutscher als vielmehr wie ein ehrlicher Blick hinter die Fassade politischer Rhetorik: Dort, wo Kontrolle schwindet, wächst die Sehnsucht nach ihr.

Vom Wahlversprechen zur Wirklichkeitsvermeidung

Der Weg dorthin ist keineswegs überraschend. Parteien, die sich im Dickicht eigener Versprechen verfangen und die Folgen ihrer Politik nur noch ungern betrachten, entwickeln zwangsläufig eine gewisse Aversion gegen jene Öffentlichkeit, die genau dies unermüdlich tut. Kritik wird dann nicht mehr als notwendiger Bestandteil demokratischer Selbstkorrektur begriffen, sondern als lästige Störung, als feindliche Intervention, als etwas, das es einzuhegen gilt. Dass ausgerechnet Jugendliche, eben noch als Hoffnungsträger gefeiert und mit abgesenktem Wahlalter hofiert, plötzlich als schutzbedürftige Wesen erscheinen, denen man den Zugang zur digitalen Welt beschneiden müsse, fügt sich nahtlos in dieses Bild. Die politische Zuneigung folgt hier weniger pädagogischen Einsichten als vielmehr demoskopischen Schwankungen. Wer falsch wählt, wird eben vor sich selbst geschützt – eine bemerkenswert fürsorgliche Form der Entmündigung.

Die Erfindung des „gefährlichen Raums“

In dieser Logik wird das Internet zur Projektionsfläche einer politischen Klasse, die den Verlust der Deutungshoheit beklagt, ohne ihn je offen einzugestehen. Wo früher einige wenige Redaktionen darüber entschieden, was gesagt und gehört wurde, entfaltet sich heute eine Öffentlichkeit, die sich dieser Kontrolle entzieht. Aussagen zirkulieren ungefiltert, Widerspruch organisiert sich spontan, und selbst die sorgfältig kuratierte „Einordnung“ verliert ihren Nimbus der Unantastbarkeit. Dass dies für manche Akteure eine Zumutung darstellt, ist nachvollziehbar; dass daraus jedoch der Wunsch nach Regulierung bis hin zur Zensur erwächst, verrät ein bemerkenswertes Verständnis von Demokratie. Es ist die Vorstellung, dass Freiheit nur so lange wünschenswert ist, wie sie zu den gewünschten Ergebnissen führt. Weicht sie davon ab, wird sie zum Problemfall erklärt.

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Der Zensurkomplex als Selbstschutzmechanismus

Die Rhetorik, mit der dieser Kurs begründet wird, ist dabei ebenso schlicht wie wirkungsvoll. Soziale Medien seien „gefährlich“, die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge kaum möglich, die Betreiber mächtige Akteure mit zweifelhaften Motiven. All das mag im Kern nicht völlig falsch sein – doch die Schlussfolgerung, daraus eine verstärkte staatliche Kontrolle abzuleiten, verrät mehr über die Denkweise derjenigen, die sie ziehen, als über die Realität, die sie beschreiben. Denn wer entscheidet letztlich, was Wahrheit ist? Wer legt die „Qualitätskriterien“ fest, nach denen Medien beurteilt werden sollen? Und vor allem: Wer kontrolliert die Kontrolleure? Die Geschichte liefert auf diese Fragen eine Vielzahl von Antworten, die selten beruhigend ausfallen. „Die Partei hat immer recht“, hieß es einst – ein Satz, der heute zwar nicht mehr ausgesprochen wird, dessen Geist jedoch gelegentlich durch politische Debatten geistert wie ein schlecht vertriebener Spuk.

Schrödingers Politiker und die Kunst der nachträglichen Deutung

Besonders aufschlussreich ist dabei die elastische Selbstverortung politischer Akteure, die je nach Bedarf zwischen offizieller Rolle und privater Meinung changieren. Was eben noch als klare Aussage im öffentlichen Raum stand, wird im Nachhinein zur missverstandenen Äußerung eines quasi privaten Moments umgedeutet. Diese Form der politischen Quantenmechanik – gleichzeitig verantwortlich und unverbindlich zu sein – mag kurzfristig hilfreich erscheinen, offenbart jedoch ein grundlegendes Problem: den mangelnden Mut zur eigenen Position. Wer Regulierung, Zensur oder gar Verbote befürwortet, sollte zumindest den Anstand besitzen, dies ohne semantische Ausweichmanöver zu vertreten. Alles andere wirkt weniger wie staatsmännische Klarheit als vielmehr wie ein rhetorischer Slalomlauf durch die eigene Widersprüchlichkeit.

Das Publikum als Problem

Am Ende richtet sich der Blick zwangsläufig auf das Verhältnis zwischen Politik und Publikum. Die moderne Öffentlichkeit ist laut, widersprüchlich, oft unerquicklich – aber genau darin liegt ihre demokratische Qualität. Sie lässt sich nicht mehr auf ein überschaubares Ensemble wohlmeinender Stimmen reduzieren, die im richtigen Ton das Richtige sagen. Für jene, die an diese Form der Öffentlichkeit gewöhnt waren, muss die Gegenwart wie ein Kontrollverlust erscheinen. Doch statt diesen Verlust als Chance zur Erneuerung zu begreifen, wird er als Bedrohung interpretiert. Das Publikum wird zum Problem, das es zu disziplinieren gilt; die Kommunikation zur Gefahrenzone, die reguliert werden muss. Der Gedanke, dass nicht die Öffentlichkeit, sondern die Politik selbst Anlass zur Kritik geben könnte, erscheint in diesem Szenario geradezu abwegig.

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Der sanfte Autoritarismus im demokratischen Gewand

So entsteht ein politischer Stil, der sich nach außen hin weiterhin demokratisch gibt, im Innern jedoch von einem tiefen Misstrauen gegenüber eben jener Freiheit geprägt ist, die er zu verteidigen vorgibt. Es ist kein plumper Autoritarismus, der hier auftritt, sondern ein sanfter, fürsorglicher, beinahe wohlmeinender – einer, der nicht verbieten, sondern „schützen“ will, nicht kontrollieren, sondern „regulieren“. Gerade diese sprachliche Verfeinerung macht ihn so anschlussfähig. Wer wollte schon gegen den Schutz von Jugendlichen argumentieren? Wer gegen Qualitätssicherung in der Medienlandschaft? Und doch verbirgt sich hinter diesen wohlklingenden Begriffen ein Anspruch auf Deutungshoheit, der mit den Grundprinzipien einer offenen Gesellschaft nur schwer vereinbar ist.

Epilog in Moll

Vielleicht liegt in dieser Entwicklung weniger eine bewusste Rückkehr zu autoritären Mustern als vielmehr ein Ausdruck politischer Hilflosigkeit. Wer die Dynamik einer veränderten Öffentlichkeit nicht versteht oder nicht zu beherrschen vermag, greift zu den Instrumenten, die ihm vertraut erscheinen: Regulierung, Kontrolle, notfalls das große Ausschalten. Dass dies weder die Probleme löst noch die verlorene Glaubwürdigkeit zurückbringt, ist absehbar. Doch Einsicht ist in der Politik bekanntlich kein automatischer Prozess. So bleibt am Ende das Bild einer Partei, die sich in ihrem eigenen Spiegelkabinett verläuft und dabei nicht nur die Orientierung, sondern auch den Sinn für die Absurdität der eigenen Position verliert. Ein wenig Humor mag helfen, diesen Anblick zu ertragen – doch er ändert nichts an der ernsten Frage, wie viel Freiheit eine Demokratie auszuhalten bereit ist, bevor sie beginnt, sich selbst zu fürchten.