Der neue Katechismus der guten Absicht

Es gehört zu den zuverlässigsten Ritualen moderner Politik, dass sie sich in regelmäßigen Abständen eine moralische Erneuerung verordnet, die weniger durch ihre praktischen Folgen als durch ihre rituelle Bekräftigung besticht; und so tritt sie vor die Öffentlichkeit, geschniegelt im Gewand der Fürsorge, die Hände gefaltet im Gestus der Betroffenheit, und verkündet, dass eine weitere Gruppe, deren Existenz zuvor selbstverständlich war, nun endlich in den Rang einer politisch zu verwaltenden Kategorie erhoben worden sei, versehen mit Anspruch, Deutungshoheit und dem zarten Versprechen institutionalisierter Zuwendung, wobei die eigentliche Pointe nicht im Inhalt der Forderungen liegt, sondern in der eleganten Selbstvergewisserung derer, die sie vortragen, denn wer Hilfe fordert, demonstriert damit vor allem seine eigene moralische Zahlungsfähigkeit; und so wird aus dem politischen Diskurs ein sakrales Schauspiel, in dem die richtigen Worte weniger überzeugen als erlösen sollen, während die Wirklichkeit – jenes störrische, unerquicklich konkrete Ding – höflich gebeten wird, sich den liturgischen Erfordernissen anzupassen.

Die Erfindung der doppelten Wirklichkeit

Es ist eine eigentümliche Dialektik, die sich dabei entfaltet: Einerseits wird mit ernster Miene festgestellt, dass alle Menschen unter den gleichen urbanen Widrigkeiten leiden – steigende Mieten, überquellende Mülleimer, die sanfte Erosion des Alltags durch Kosten und Kompromisse –, andererseits aber wird mit derselben Selbstverständlichkeit eine zweite Ebene eingeführt, eine Art metaphysischer Aufschlag auf das Leid, der bestimmten Gruppen vorbehalten bleibt und der das Alltägliche in etwas qualitativ Anderes verwandelt; hier entsteht die doppelte Wirklichkeit, in der die gleiche Erfahrung zugleich gleich und ungleich ist, je nachdem, wer sie beschreibt, wodurch sich eine Hierarchie des Betroffenseins etabliert, die zwar selten offen benannt, aber umso sorgfältiger gepflegt wird, denn sie erlaubt es, das Offensichtliche zu sagen, ohne dabei banal zu wirken, und das Besondere zu behaupten, ohne es im Detail begründen zu müssen; es ist eine Kunstform, die weniger mit Analyse als mit Akzentuierung arbeitet, ein rhetorisches Ballett, in dem die Gewichte so verschoben werden, dass die Aussage am Ende größer erscheint als die Summe ihrer Teile.

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Der Feiertag als Offenbarungsakt

Wenn sodann die Forderung nach einem zusätzlichen religiösen Feiertag erhoben wird, geschieht dies nicht nur aus dem pragmatischen Bedürfnis nach Anerkennung, sondern vor allem als symbolischer Akt von beinahe theologischem Rang, denn der Feiertag ist in säkularisierten Gesellschaften die letzte Bastion des Heiligen, ein staatlich beglaubigter Moment des Innehaltens, der mehr über die Selbstdefinition einer Gemeinschaft verrät als tausend Leitbilder; ihn zu gewähren bedeutet daher weniger, einen freien Tag zu schenken, als vielmehr, eine Realität zu kanonisieren, sie in den Kalender einzuschreiben wie ein Dogma in die Liturgie, und so wird aus der politischen Forderung eine Art Offenbarungsakt, der nicht nur den Gläubigen gilt, sondern vor allem den Ungläubigen, denen man mit sanftem Nachdruck mitteilt, dass die Welt, in der sie zu leben glauben, längst eine andere geworden ist, eine, die ihre Symbole neu sortiert und ihre Prioritäten neu gewichtet, während im Hintergrund die leise Frage verhallt, ob Anerkennung tatsächlich durch administrative Akte entsteht oder ob sie nicht vielmehr dort wächst, wo sie keiner Verordnung bedarf.

Die Pädagogik des Verdachts

Begleitet wird dieses Unternehmen von der unerschütterlichen Überzeugung, dass Aufklärung vor allem eine Frage der Fortbildung sei, dass also Behörden, Schulen und vermutlich bald auch Bäckereien und Straßenbahnen in regelmäßigen Abständen durch Seminare geläutert werden müssten, in denen das richtige Sehen, Hören und Empfinden eingeübt wird, als handle es sich um eine Art moralische Gymnastik, deren Ziel nicht die Erkenntnis, sondern die Vermeidung falscher Reflexe ist; hier entfaltet sich die Pädagogik des Verdachts, die davon ausgeht, dass die Wirklichkeit weniger falsch verstanden als falsch empfunden wird, und dass man dem daher mit methodisch angeleiteter Sensibilisierung begegnen müsse, ein Ansatz, der in seiner Konsequenz ebenso plausibel wie unerquicklich ist, weil er den Menschen nicht als denkendes, sondern als zu korrigierendes Wesen betrachtet, dessen Wahrnehmung erst dann legitim ist, wenn sie die vorgegebene Form angenommen hat; so entsteht ein Klima, in dem die richtige Haltung wichtiger wird als die richtige Frage, und in dem Zweifel nicht als Motor, sondern als Störgeräusch gilt.

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Die Ökonomie der Fürsorge

Am Ende jedoch kulminiert alles in der Forderung nach finanzieller Absicherung, jener unscheinbaren, aber entscheidenden Dimension politischer Aufmerksamkeit, denn nichts verleiht einer Idee größere Realität als ein Haushaltsposten; die sogenannte Sockelfinanzierung erscheint dabei wie ein solides Fundament, auf dem das fragile Gebäude der Anerkennung ruhen soll, und tatsächlich ist sie der Moment, in dem das zuvor so luftige Gespräch den Boden der Tatsachen berührt, wenn auch nur kurz, denn mit dem Geld kommt unweigerlich die Frage nach Zuständigkeit, Kontrolle und Gleichbehandlung, Fragen, die in der Euphorie des moralischen Aufbruchs gern überhört werden, weil sie den Charme der Geste durch die Mühsal der Umsetzung ersetzen; und so bleibt ein leiser Zweifel zurück, ob hier nicht weniger ein Problem gelöst als vielmehr ein neues geschaffen wird, eines, das sich aus der schlichten, aber hartnäckigen Tatsache speist, dass jede privilegierte Förderung notwendigerweise eine Grenze zieht, und dass diese Grenze, so sorgfältig sie auch begründet sein mag, immer auch jene einschließt, die auf der anderen Seite stehen und sich fragen, wann ihre eigene Realität den Rang eines Feiertags erreicht.

Epilog in Moll

So schreitet die politische Bühne voran, begleitet vom feierlichen Klang ihrer eigenen Überzeugungen, und es wäre ungerecht, ihr die Ernsthaftigkeit abzusprechen, mit der sie ihre Anliegen verfolgt, doch ebenso töricht wäre es, die Ironie zu übersehen, die darin liegt, dass eine Gesellschaft, die sich ihrer Vielfalt rühmt, zunehmend dazu neigt, diese Vielfalt in administrativ handhabbare Einheiten zu zerlegen, versehen mit Ansprüchen, Zuständigkeiten und wohltemperierten Empfindlichkeiten, als ließe sich das bunte Durcheinander menschlicher Existenz in die sauberen Spalten eines Formulars pressen; vielleicht liegt die eigentliche Tragikomödie dieser Entwicklung darin, dass sie von dem aufrichtigen Wunsch getragen wird, das Richtige zu tun, und gerade deshalb so selten bemerkt, wie sehr sie sich dabei in den eigenen Symbolen verheddert, bis schließlich das große Versprechen der Gleichheit in einem feingliedrigen System wohlmeinender Ungleichheiten aufgeht, das mit einem Lächeln verkündet wird und mit einem Achselzucken endet.