Die große Entlarvung des Vorurteils als einziger Übeltäter

Man muss sich die Szene vorstellen: Ein Vierteljahrhundert nach dem Tag, an dem Flugzeuge in Wolkenkratzer und das Pentagon gerast wurden, sitzt eine Wissenschaftlerin der Neuesten Geschichte an der Universität Trier und erklärt mit akademischer Gelassenheit, dass der eigentliche Skandal nicht in den Anschlägen selbst liegt, sondern in der peinlichen Neigung mancher Zeitgenossen, aus den Bildern brennender Türme und herabstürzender Menschen irgendwelche unschönen Schlüsse über eine Religion zu ziehen, die doch seit dem achten Jahrhundert ohnehin nur Opfer böswilliger Zuschreibungen gewesen sei. Antimuslimische Stereotype, so der Tenor, seien uralt, schon damals von Christen erfunden, um ein Gegenbild zur eigenen Heiligkeit zu konstruieren: Gewalt, sexuelle Freizügigkeit, Polygamie, Sodomie – allesamt reines Projektionsmaterial. Dass irgendjemand im Laufe der Jahrhunderte möglicherweise auch konkrete Erfahrungen mit Eroberungszügen, Dschihad-Konzepten oder dem Umgang mit Ungläubigen gemacht haben könnte, wird elegant beiseitegeschoben. Stereotype sagen „in keiner Sekunde irgendetwas Reales“ über Religion oder Glauben aus. Eine Behauptung von so erhabener Absolutheit, dass man sich fragt, ob die Historikerin bei der Formulierung vielleicht versehentlich die gesamte Weltgeschichte in den Papierkorb der reinen Diskursanalyse geworfen hat.

Vom Kalten Krieg zum warmen Feindbild

Als das kommunistische Feindbild 1989/90 in sich zusammenfiel, so die weitere Argumentation, habe man flugs den Orient als Ersatzfeind konstruiert. Debatten über Rückschrittlichkeit und Fanatismus seien schon in den achtziger und neunziger Jahren aufgekommen – und 9/11 habe dann lediglich die längst vorgefertigten Schreckensszenarien „bestätigt“. Eine charmante Umkehrung der Kausalität: Nicht die Anschläge selbst, geplant und ausgeführt von Männern, die sich ausdrücklich auf eine bestimmte Lesart des Islam beriefen, hätten etwas ausgelöst, sondern die ohnehin vorhandenen Vorurteile hätten sich an dem Ereignis nur laben dürfen. Man stelle sich vor, jemand hätte 1945 erklärt, die Bilder aus Auschwitz hätten lediglich alte antisemitische Stereotype bestätigt, die man schon im Mittelalter gehegt habe. Der Aufschrei wäre gewaltig gewesen. Hier jedoch gilt die Logik als fortschrittlich: Je blutiger die Bestätigung ausfällt, desto klarer erweist sich das Vorurteil als alleiniger Schuldige. Die Täter selbst werden zu Statisten einer jahrhundertealten europäischen Projektionsgeschichte degradiert. Welch eine Erleichterung für das Weltbild!

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Die Konstruktion Europas und andere Sünden der Vergangenheit

Besonders pikant wird es, wenn die Vertreibung der letzten Muslime und Juden von der Iberischen Halbinsel 1492 als Geburtsstunde der Idee eines „genuin weißen, christlichen Kontinents“ daherkommt. Dass die Reconquista auch eine Reaktion auf Jahrhunderte muslimischer Herrschaft und Expansion war, bleibt unerwähnt. Ebenso unerwähnt bleibt, dass die Osmanen vor Wien nicht etwa als friedliche Touristen auftauchten, sondern mit einer Militärpolitik, die durchaus den Stereotypen von Gewalt und Unterwerfung Nahrung gab. Doch nein: Alles nur Konstruktion. Die Kolonialzeit habe den Islam dann als „nicht zivilisationsfähig“ stigmatisiert – wiederum ohne jeden Bezug zur Realität. Man bewundert die Konsequenz: Wenn die Geschichte der islamischen Expansion, der Sklaverei, der Dhimmi-Status, der religiös begründeten Kriegsführung und der heutigen theokratischen Regime nichts „Reales“ über die Religion aussagt, dann bleibt dem Beobachter nur noch die Einsicht, dass jede empirische Wahrnehmung von vornherein rassistisch kontaminiert sein muss. Die Wissenschaft wird hier zur therapeutischen Instanz, die dem Westen erklärt, er dürfe aus realen Ereignissen keine realen Schlüsse ziehen.

Der Bruch, der keiner sein darf

Natürlich wird eingeräumt, dass 9/11 eine Zäsur gewesen sei – allerdings weniger wegen der Toten und der geopolitischen Folgen als wegen des neuen Sicherheitsgefühls und der Migrationsthematik. George W. Bush habe zum Kampf gegen den islamistischen Terror aufgerufen, und plötzlich sei in jeder muslimisch gelesenen Person eine potenzielle Gefahr gesehen worden. Dass die Attentäter selbst muslimisch waren und sich auf islamistische Ideologie beriefen, erscheint in dieser Lesart fast als störendes Detail. Stereotype würden in Krisen „hervorgeholt“ – als lägen sie in einem Schrank und warteten geduldig darauf, bei passender Gelegenheit wieder hervorgezerrt zu werden. Die Idee, dass bestimmte Krisen eben auch bestimmte Muster aufweisen könnten, weil sie aus denselben ideologischen Quellen gespeist werden, wird als naiv abgetan. Stattdessen gilt: Je öfter sich das Muster wiederholt, desto älter und ungerechter muss das Vorurteil sein. Eine Logik, die man in kaum einem anderen Themenfeld akzeptieren würde.

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Was man genommen haben muss

Um anlässlich des 25. Jahrestags zu dem Schluss zu gelangen, dass 9/11 im Wesentlichen die Bestätigung alter Feindbilder gewesen sei und dass diese Feindbilder „in keiner Sekunde“ etwas Reales über den Islam aussagten, bedarf es offenbar einer bemerkenswerten geistigen Verfassung. Man muss bereit sein, die Täter zu entindividualisieren und gleichzeitig die Opfer zu moralisieren: Die einen handeln aus einer Religion heraus, die nichts mit ihren Taten zu tun hat, die anderen reagieren aus Vorurteilen, die alles mit ihren Reaktionen zu tun haben. Man muss die Fähigkeit besitzen, Jahrhunderte historischer Konflikte als reine westliche Projektion zu lesen und zugleich jeden Hinweis auf aktuelle Parallelgesellschaften, Ehrenmorde, Paralleljustiz oder islamistische Attentate in Europa als weiteren Beweis für die Hartnäckigkeit des Vorurteils zu verbuchen. Man muss, kurz gesagt, eine Art akademischer Wirklichkeitsverweigerung kultivieren, die aus der Geschichte eine Moralpredigt und aus der Gegenwart eine Schuldgeschichte macht. Dass dies mit einem gewissen zynischen Augenzwinkern vorgetragen wird – schließlich forscht man ja „unter anderem zu historischen Stereotypen“ –, ändert nichts an der Pointe: Die größte Gefahr geht nicht von denjenigen aus, die Flugzeuge in Gebäude steuern, sondern von denjenigen, die danach unvorsichtigerweise bemerken, dass dies kein Zufall war. Und so wird der 25. Jahrestag nicht zum Anlass, über Ideologie, Gewalt und Integration zu sprechen, sondern zum festlichen Ritual der Selbstbezichtigung. Ein Ritual, das so vorhersehbar ist wie die nächste Bestätigung jener Stereotype, die angeblich nichts Reales aussagen – und die doch merkwürdig hartnäckig bleiben.