Die hygienische Versuchung der Demokratie

Es gehört zu den eigentümlichsten Selbstbeschreibungen moderner politischer Systeme, dass sie sich zugleich als offen und wehrhaft begreifen wollen, als Marktplatz der Argumente und als Bollwerk gegen die Unvernunft, als Einladung und als Einlasskontrolle, als Theater der Freiheit und als Feuerwehr gegen die Flammen eben jener Freiheit, sobald diese sich in Gestalt missliebiger Mehrheiten materialisiert. In dieser Spannung gedeiht ein Gedanke, der so alt ist wie die Demokratie selbst und doch immer wieder mit frischem Pathos vorgetragen wird: Man müsse, um die Demokratie zu retten, sie gelegentlich suspendieren; man müsse, um die offene Gesellschaft zu bewahren, jene ausschließen, die sie zu schließen drohen; man müsse, so der hygienische Imperativ der Politik, den Körper von seinen Krankheitserregern befreien, auch wenn die Diagnose sich erstaunlich flexibel erweist und die Therapie nicht selten mehr zerstört als die behauptete Infektion. Dass diese Überlegung nun wieder mit der Dringlichkeit eines letzten Aufgebots vorgetragen wird, verleiht ihr nichts von ihrer Originalität zurück, wohl aber etwas von der vertrauten Dramatik eines Rituals, das sich in regelmäßigen Abständen erneuert, sobald Wahlergebnisse die falsche Richtung einschlagen.

Das Argument als erschöpftes Ritual

Über Jahre hinweg wurde der demokratische Diskurs als Allheilmittel gepriesen, als jene zivilisatorische Technik, die selbst die schroffsten Gegensätze in rationales Licht tauchen und am Ende, wie durch eine unsichtbare Hand, in die richtige Richtung lenken sollte. Argumente, so die stille Annahme, besäßen eine Art moralische Gravitation: Sie ziehen das Richtige an und stoßen das Falsche ab. Wenn jedoch die Realität die Unhöflichkeit besitzt, sich dieser Physik zu verweigern, wenn Wählerinnen und Wähler offenkundig nicht dorthin gravitieren, wo sie nach Maßgabe der aufgeklärten Vernunft hingehören, dann wird das Argument plötzlich vom Instrument zur Ausrede degradiert. Es habe versagt, heißt es dann, als hätte es sich um ein defektes Werkzeug gehandelt, nicht um einen Prozess, der stets auch die Möglichkeit des unerwünschten Ergebnisses einschließt. Dass Menschen nicht überzeugt werden, wird zur moralischen Anklage gegen sie selbst; dass sie sich nicht bekehren lassen, zur Diagnose einer kollektiven Verirrung, die man nicht länger diskursiv, sondern nur noch administrativ behandeln könne.

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Die Brandmauer als architektonische Metapher

Die politische Sprache liebt ihre Metaphern, und selten war eine so erfolgreich wie die der Brandmauer. Sie suggeriert Klarheit, Dringlichkeit und technische Beherrschbarkeit: Hier das Feuer, dort die schützende Wand, errichtet von verantwortungsvollen Architekten der Demokratie. Doch wie jede Metapher hat auch diese ihre Tücken. Eine Brandmauer trennt nicht nur, sie definiert zugleich, was als Brand gilt und wer als Brandstifter. Sie schafft eine Dramaturgie, in der die einen zwangsläufig zu Feuerwehrleuten und die anderen zu Pyromanen werden, ungeachtet der Frage, ob die Lage tatsächlich so eindeutig ist, wie sie inszeniert wird. Und sie erzeugt eine paradoxe Dynamik: Je höher die Mauer, desto spektakulärer erscheint das Feuer dahinter, desto größer die Faszination für jene, die sich von Verboten selten dauerhaft beeindrucken lassen. Die Mauer wird zum Symbol der eigenen Tugend, aber auch zum Monument der eigenen Ohnmacht, sobald sich zeigt, dass sie das Wachstum des vermeintlichen Feuers nicht verhindert, sondern womöglich sogar befeuert.

Der Wähler als Verdächtiger

In der zugespitzten Rhetorik der Empörung verwandelt sich der Wähler leicht vom Souverän in ein Problem, vom Träger der Demokratie in ihren potenziellen Zerstörer. Wenn hohe Wahlbeteiligung nicht mehr als Vitalzeichen der politischen Kultur gefeiert wird, sondern als Symptom einer kollektiven Fehlentscheidung, dann verschiebt sich der Blick: Nicht mehr die Politik hat die Bürger zu überzeugen, sondern die Bürger haben sich vor der Politik zu rechtfertigen. Es ist ein feiner, aber folgenreicher Perspektivwechsel, der aus der Demokratie eine pädagogische Anstalt macht, in der das Volk so lange nachgeschult werden muss, bis es die richtigen Antworten ankreuzt. Dass sich unter solchen Vorzeichen ein gewisser Trotz entwickelt, sollte niemanden überraschen; dass dieser Trotz wiederum als Bestätigung der ursprünglichen Diagnose gelesen wird, gehört zur zirkulären Eleganz des Arguments.

Das Verbot als ultima ratio und erste Reflex

Das Parteiverbot, jene scharfe Klinge des Verfassungsrechts, war einst als äußerstes Mittel gedacht, als Instrument für Ausnahmefälle, in denen die freiheitliche Ordnung unmittelbar und konkret bedroht ist. In der aktuellen Debatte scheint es jedoch bisweilen den Charakter eines reflexhaften Auswegs anzunehmen, einer Art politischem Notausgang, der immer dann geöffnet wird, wenn die regulären Wege der Auseinandersetzung unerquicklich erscheinen. Die Logik dahinter ist bestechend einfach: Wenn ein politischer Akteur nicht überzeugend zu besiegen ist, dann möge er doch juristisch aus dem Feld genommen werden. Der Gedanke hat eine gewisse Effizienz, zumindest auf dem Papier. In der Praxis wirft er jedoch Fragen auf, die sich nicht so leicht beiseiteschieben lassen: Was geschieht mit den Wählern, deren Stimme damit nicht verschwindet, sondern lediglich ihr organisatorisches Vehikel verliert? Wandelt sich die politische Energie in Resignation, in Radikalisierung oder in neue Formen des Protests? Und ist eine Demokratie, die auf diese Weise ihre Konflikte reduziert, tatsächlich stabiler – oder nur stiller?

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Die Ironie der wehrhaften Demokratie

Der Begriff der wehrhaften Demokratie enthält eine Ironie, die selten offen ausgesprochen wird. Er verspricht Stärke durch Abwehr, Stabilität durch Ausschluss, Sicherheit durch Kontrolle. Zugleich lebt die Demokratie von genau jenen Elementen, die sie zu begrenzen sucht: von Vielfalt, Dissens, auch von Irrtum. Eine Ordnung, die sich gegen ihre Feinde schützt, läuft Gefahr, ihnen ähnlicher zu werden, als ihr lieb ist, zumindest in der Logik ihrer Maßnahmen. Natürlich ist der Vergleich heikel und wird gerne als unzulässige Gleichsetzung zurückgewiesen, doch die strukturelle Frage bleibt bestehen: Wie viel Restriktion verträgt die Freiheit, ohne sich selbst zu unterminieren? Oder, in einem seltener zitierten, aber nicht minder relevanten Gedanken formuliert: Wer die Freiheit verteidigt, indem er sie einschränkt, sollte sehr genau wissen, wo die Verteidigung endet und die Transformation beginnt.

Das Theater der Alternativlosigkeit

Besonders bemerkenswert ist die Rhetorik der Alternativlosigkeit, die das Verbot begleitet. „Es bleibt nichts anderes“, lautet die Behauptung, vorgetragen mit der Gravität einer naturgesetzlichen Notwendigkeit. Alternativlosigkeit ist jedoch selten eine Eigenschaft der Realität, sondern meist eine des Diskurses. Sie entsteht, wenn bestimmte Optionen systematisch ausgeblendet, andere als moralisch unzulässig markiert und wieder andere als praktisch unmöglich dargestellt werden. Am Ende bleibt tatsächlich nur noch ein Weg übrig – nicht, weil es keinen anderen gäbe, sondern weil man sich entschieden hat, die übrigen nicht zu sehen. In dieser Perspektive erscheint das Verbot weniger als zwangsläufige Konsequenz, denn als bewusst gewählte Verkürzung der politischen Möglichkeiten, als Entscheidung für Ordnung statt Auseinandersetzung, für Klarheit statt Komplexität.

Ein augenzwinkernder Schluss

Vielleicht liegt in all dem eine gewisse Tragikomik, die sich dem allzu ernsten Ton der Debatte entzieht. Die Demokratie, dieses widerspenstige Gebilde, das sich seit Jahrhunderten jeder endgültigen Definition entzieht, soll nun durch einen Akt der Selbstbeschränkung gerettet werden, durch eine Maßnahme, die zugleich als Beweis ihrer Stärke und als Eingeständnis ihrer Schwäche gelesen werden kann. Man könnte, mit einem leichten Lächeln, feststellen, dass hier ein System versucht, sich vor seinen eigenen Möglichkeiten zu schützen, dass es die Freiheit liebt, solange sie die richtigen Entscheidungen trifft, und sie fürchtet, sobald sie es nicht mehr tut. Es ist ein Spiel, das nie ganz aufgeht, weil seine Regeln sich ständig verändern, und vielleicht ist genau das seine größte Stärke: dass es keine endgültige Lösung gibt, sondern nur immer neue Versuche, mit der eigenen Unvollkommenheit umzugehen. In diesem Sinne wäre das Verbot nicht das Ende der Geschichte, sondern lediglich ein weiteres Kapitel in einem Buch, das sich hartnäckig weigert, zu einem einfachen Schluss zu kommen.