Der große Etikettenschwindel

Es gibt Momente, in denen politische Rhetorik nicht mehr bloß entgleist, sondern sich mit einer fast schon artistischen Selbstverständlichkeit von jeder Bodenhaftung verabschiedet. Wenn ein selbsternannter Reformer wie Zöchling den Namen Herbert Kickl nicht mehr mit Argumenten, sondern mit dem Etikett „Nazi“ versieht, dann ist das keine Zuspitzung mehr, sondern ein intellektueller Offenbarungseid mit Lautsprecher. Hier wird nicht kritisiert, hier wird exkommuniziert – schnell, laut und ohne den lästigen Umweg über Begründungen. Der Begriff, der einmal das absolut Unsagbare markierte, wird zum rhetorischen Kaugummi, beliebig dehnbar, geschmacklich unerquicklich und vor allem: jederzeit griffbereit, wenn die Argumente gerade im Urlaub sind.

Die Verharmlosung durch Übertreibung

Man muss sich die Ironie dieses Vorgangs auf der Zunge zergehen lassen: Ausgerechnet im Namen moralischer Wachsamkeit wird der Nationalsozialismus verharmlost – nicht durch Leugnung, sondern durch Inflation. Wer jede politisch missliebige Position in seine Nähe rückt, betreibt keine Aufarbeitung, sondern Verdünnung. Wenn alles „Nazi“ ist, ist am Ende nichts mehr Nazi. Die historische Singularität wird nicht verteidigt, sondern zerredet, bis sie im allgemeinen Empörungsrauschen untergeht. Es ist die paradoxe Kunst, das absolut Böse dadurch zu relativieren, dass man es überall sieht. Eine Form von moralischer Fahrlässigkeit, die sich selbst für besonders wachsam hält, während sie den Maßstab gerade entsorgt.

Remigration als rhetorischer Kurzschluss

Besonders elegant – im Sinne einer gewissen zynischen Eleganz – gelingt dieser Kunstgriff bei der Behandlung des Begriffs „Remigration“. Statt ihn als das zu diskutieren, was er ist oder sein kann – eine politisch und rechtlich strittige, aber grundsätzlich diskutierbare Kategorie –, wird er kurzerhand in den historischen Abgrund teleportiert. Ein Wort, ein Vergleich, und schon steht man gedanklich im dunkelsten Kapitel des 20. Jahrhunderts. Begründung? Überflüssig. Differenzierung? Verdächtig. Es ist die intellektuelle Version eines Notausgangs: Sobald es kompliziert wird, drückt man auf den Alarmknopf der Geschichte und verlässt den Raum unter lautem Sirenengeheul.

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Die groteske Weidel-Fiktion

Und dann jene fast schon literarisch anmutende Volte, mit der Alice Weidel zur Protagonistin einer historischen Rückwärtsfantasie erklärt wird. Weil sie Positionen wie einen Euro- oder Schengen-Austritt vertritt – politisch streitbar, ökonomisch diskutabel, gewiss nicht konsensfähig –, soll sie also „zurück in die dunkelste Zeit dieses Kontinents“ wollen. Man reibt sich die Augen und fragt sich, ob hier ernsthaft argumentiert wird oder ob es sich um eine unfreiwillige Satire auf politische Analyse handelt. Der Weg von währungspolitischer Skepsis zum Totalitarismus ist offenbar kürzer, als bisher angenommen – ein gedanklicher Kurzstreckenflug ohne Zwischenlandung, bei dem jede Form von Plausibilität über Bord geworfen wird.

Die Pose des moralischen Hochsitzes

Was bleibt, ist die Pose. Die Pose desjenigen, der sich auf einem moralischen Hochsitz eingerichtet hat und von dort aus großzügig Etiketten verteilt. Wer so spricht, will nicht überzeugen, sondern überragen. Der politische Gegner wird nicht widerlegt, sondern verwandelt – in ein Symbol, eine Karikatur, ein historisches Menetekel. Es ist bequem, zweifellos. Wer den anderen erst einmal in die Nähe des absolut Verwerflichen gerückt hat, muss sich mit dessen Argumenten nicht mehr beschäftigen. Der Diskurs wird nicht geführt, sondern abgekürzt.

Das Echo der eigenen Übertreibung

Doch diese Strategie hat einen Haken – und er ist nicht klein. Je häufiger der maximale Vergleich bemüht wird, desto schneller nutzt er sich ab. Die Empörung stumpft ab, die Begriffe verlieren ihre Schärfe, und das große moralische Pathos klingt irgendwann wie ein schlecht eingestellter Lautsprecher: laut, verzerrt und unerquicklich monoton. Am Ende steht nicht die erhoffte moralische Klarheit, sondern eine eigentümliche Gleichgültigkeit gegenüber genau jenen historischen Verbrechen, die man zu beschwören vorgibt.

Schluss: Die Selbstentwertung der großen Worte

Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe dieses rhetorischen Schauspiels. Dass ausgerechnet diejenigen, die mit größter Geste vor der Wiederkehr der Geschichte warnen, durch ihre maßlose Übertreibung dazu beitragen, dass diese Geschichte ihre Konturen verliert. Begriffe wie „Nazi“ werden zu Alltagsvokabeln, historische Abgründe zu Vergleichsgrößen, und politische Analyse zu einer Art moralischem Improvisationstheater. Was bleibt, ist ein Diskurs, der sich selbst entwertet – und eine unfreiwillige Satire auf den Anspruch, ihn retten zu wollen.