Sollen sie doch Kuchen essen

Es gehört inzwischen zum guten Ton der gehobenen politischen Rhetorik, dass materielle Engpässe nicht mehr als solche benannt, sondern in moralische Defizite umetikettiert werden, und so tritt an die Stelle der alten, unerquicklich konkreten Frage nach der Leistbarkeit eine neue, deutlich elegantere: Warum wird eigentlich nicht genug geschätzt, was doch so reichlich vorhanden ist – eine Frage, die sich am überzeugendsten aus jenen Höhen stellt, in denen 16.500 Euro Monatsgehalt nicht als Provokation, sondern als Funktionsbedingung gelten, als notwendige Flughöhe für den klaren Blick auf das große Ganze, von dem aus ein Supermarkt eher wie ein pädagogisches Versuchslabor wirkt als wie der Ort, an dem sich tagtäglich die banale, aber unerbittliche Mathematik des Alltags entscheidet.

Die Moral kommt mit Aufpreis

„Wenn Lebensmittel zu günstig sind, dann geht diese Wertschätzung auch verloren“ – ein Satz, der so schlicht wie brillant ist, weil er die Wirklichkeit in eine Form bringt, die gleichzeitig belehrt und entlastet: Nicht steigende Preise sind das Problem, sondern zu niedrige, nicht knappe Budgets, sondern mangelhafte Haltung; denn wenn Wertschätzung tatsächlich mit dem Preis wächst, dann wäre es nur konsequent, Brot so lange zu verteuern, bis es mit ehrfürchtigem Blick konsumiert wird, am besten unter leiser innerer Andacht, während der Kontostand in den Bereich existenzieller Spiritualität absinkt, denn nichts fördert bekanntlich die Dankbarkeit so sehr wie die ständige Frage, ob sie sich überhaupt noch leisten lässt.

16.500 Euro und ein erhobener Zeigefinger

Besonders überzeugend wirkt diese Einsicht, wenn sie aus einem Kontext stammt, in dem 16.500 Euro im Monat den Rahmen bilden, innerhalb dessen über die moralische Qualität von Lebensmitteln nachgedacht wird; es ist diese spezifische Perspektive, die den Ton so unverwechselbar macht: ein leises Bedauern darüber, dass die Dinge nicht mehr genug geschätzt werden, ausgesprochen aus einer Position, in der Wertschätzung nicht an der Kasse endet, sondern dort erst beginnt, wo sie sich leisten lässt, und genau darin liegt jene schwer zu überhörende Ironie, die sich nicht einmal mehr bemüht, sich zu verstecken, weil sie längst Teil der Argumentation geworden ist – als wäre Distanz nicht ein Problem, sondern eine Voraussetzung für Einsicht.

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Der Supermarkt als Erziehungsanstalt

In dieser Logik verwandelt sich der Einkauf in ein didaktisches Ritual, bei dem jedes Preisschild eine Lektion erteilt und jeder Griff ins Regal eine moralische Entscheidung darstellt, die im Idealfall zu Gunsten der teureren Variante ausfällt, nicht weil sie notwendig wäre, sondern weil sie Haltung beweist; wer spart, sündigt gewissermaßen gegen die höhere Ordnung der Wertschätzung, wer billig kauft, bekennt sich unfreiwillig zu einer Form innerer Nachlässigkeit, die dringend durch steigende Preise korrigiert werden müsste, und so wird aus dem Markt ein Klassenzimmer, aus der Kasse ein Prüfungsort und aus dem Monatsende eine Art Abschlussprüfung in angewandter Dankbarkeit, die allerdings erstaunlich viele durchfallen, vermutlich aus Mangel an Einkommen.

Heimat, Haltung und die kleine Differenz zur Realität

Der Verweis auf Länder, in denen angeblich überwiegend heimische Produkte gekauft werden, fügt dieser Erzählung eine weitere, nicht minder charmante Ebene hinzu: die Idee, dass sich ökonomische Fragen durch kulturelle Tugenden lösen lassen, als wäre Regionalität eine Frage des Wollens und nicht des Könnens; es ist ein Bild von harmonischer Geschlossenheit, in dem Konsum zur Identität wird und der Einkaufswagen zur Bühne nationaler Selbstvergewisserung, nur dass diese Bühne im Alltag häufig von Preisschildern dominiert wird, die weniger nach Herkunft fragen als nach Zahlungsfähigkeit, und genau hier beginnt das Bild zu flackern, wie eine zu lange aufrechterhaltene Illusion, die sich langsam, aber unaufhaltsam in Zahlen auflöst.

Die gepflegte Form der Wirklichkeitsverweigerung

Was bleibt, ist ein Zynismus, der sich selbst nicht als solcher erkennt, weil er sich in die Sprache der Verantwortung kleidet, ein Sarkasmus, der so kultiviert daherkommt, dass er beinahe wie Fürsorge wirkt, während er in Wahrheit lediglich den Abstand zwischen denen, die über Preise sprechen, und denen, die sie bezahlen müssen, in wohlklingende Sätze übersetzt; es ist die hohe Kunst, eine soziale Schieflage so zu formulieren, dass sie nicht mehr wie ein Problem erscheint, sondern wie ein Missverständnis, das sich durch ein wenig mehr Einsicht beheben ließe, vorzugsweise auf Seiten jener, die ohnehin kaum Spielraum haben, diese Einsicht praktisch umzusetzen.

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Das alte Echo

Und so hallt am Ende ein vertrauter Unterton durch die Debatte, nicht als direkte Wiederholung, sondern als leises, kaum hörbares Echo: Wenn das Brot knapp wird, liegt es vielleicht nicht am Preis, sondern an der fehlenden Wertschätzung – eine Pointe, die so elegant formuliert ist, dass sie fast darüber hinwegtäuscht, wie nahe sie an jener historischen Sentenz liegt, die bis heute als Inbegriff politischer Realitätsferne gilt, und genau darin liegt ihre eigentliche Brillanz: Sie sagt im Grunde dasselbe, nur raffinierter, höflicher und mit einem Monatsgehalt von 16.500 Euro im Rücken, das jede Kritik an ihr wie eine bloße Geschmacksfrage erscheinen lässt.