Es gibt Wahrheiten, die der moderne Diskurs mit der Hingabe eines mittelalterlichen Reliquienhüters umhüllt, als seien sie zu zerbrechlich für das grelle Licht der schlichten Beobachtung. Eine davon lautet, dass die Zahl derjenigen, die sich im Namen einer bestimmten Religion in die Luft sprengen, ebenso irrelevant ist wie die Zahl der Deutschen, die einst ein Parteibuch der NSDAP besaßen, oder jener, die der Staatssicherheit der DDR zulieferten. Was zählt, ist nicht die statistische Minderheit oder Mehrheit, sondern die unübersehbare Tatsache, dass jene, die sich und andere in die Luft jagen, dies nahezu ausnahmslos unter dem Ruf „Allahu akbar“ vollziehen. Man suche vergeblich nach dem Attentäter, der beim Ziehen der Leine „Gelobt sei Jesus Christus“ oder „Baruch ha’Schem“ ausruft. Diese schlichte empirische Konstante wird von einer Armee wohlmeinender Interpreten sofort mit dem Hinweis auf historische Kontextualisierung, kolonialistische Traumata und die angeblich verheerende Wirkung westlicher Interventionen zugedeckt, als ob die Detonation selbst dadurch leiser würde. Der Zyniker darf sich erlauben, diese Ausflüchte mit einem müden Lächeln zu quittieren: Die Bombe spricht eine klarere Sprache als jeder Diskurs über strukturelle Ursachen.
Steinigungen im Zeitalter des Smartphones
Noch bezeichnender ist die beharrliche Weigerung, den Blick auf jene Praktiken zu richten, die in islamischen Ländern bis heute mit einer Selbstverständlichkeit praktiziert werden, die den europäischen Beobachter zwischen Abscheu und ungläubigem Staunen schwanken lässt. Steinigungen finden statt, und sie finden statt vor den Augen von Menschen, die mit einem Bein in der digitalen Moderne und mit dem anderen in einer Barbarei stehen, die man längst für überwunden gehalten hatte. Diese Zeugen filmen das Geschehen mit ihren Handys, laden es hoch und kommentieren es mit frommen Formeln. Der Zeitpunkt, seit dem solche Strafen im islamischen Raum üblich sind, ist dabei ebenso gleichgültig wie die Frage, ob sie „richtig“ oder „falsch“ ausgelegt werden. Entscheidend ist allein, dass sie heute stattfinden, und zwar nicht in abgelegenen Stammesgebieten ohne Strom, sondern in Gesellschaften, die zugleich Smartphones, Facebook und die Rhetorik der Menschenrechte beherrschen. Hier entfaltet sich die eigentliche Satire der Gegenwart: Eine Kultur, die in der Lage ist, die modernsten Kommunikationsmittel zu nutzen, um die archaischsten Hinrichtungsrituale zu dokumentieren und zu verbreiten.
Die verweigerte Debatte als Akt der Selbstachtung
Jeder Versuch, Verständnis für diese kulturellen Ausdrucksformen aufzubringen, mag als Zeichen von Weltoffenheit gelten; er ist jedoch in Wahrheit nichts anderes als eine Kapitulation vor dem Zumutbaren. Es bedarf keiner weiteren Diskussion über Kopftücher im öffentlichen Dienst, über die Befreiung muslimischer Mädchen vom Schwimmunterricht, über Männer, die Frauen die Hand verweigern, über das Verschwinden von Schweinefleisch aus Kantinen oder über die Zumutung einer „kultursensiblen Pflege“ in Krankenhäusern. Ebenso überflüssig ist die endlose Quengelei darüber, wie viel Islam im Islamismus stecke – eine Frage, die man sich bei keiner anderen Religion mit vergleichbarer Beharrlichkeit stellt. Die Beschäftigung mit dem Koran mag dem Theologen oder dem Historiker vorbehalten bleiben; dem Bürger, der in einer säkularen Ordnung leben will, darf sie nicht als Pflichtlektüre aufgenötigt werden, weder von weiß gekleideten Predigern in Berliner Straßen noch von akademischen Apologeten, die das „klassische islamische Recht“ gegen die angeblichen Verzerrungen durch Kolonialherren verteidigen. Sollte irgendwann ein Islam auftauchen, der mit Demokratie, Gleichberechtigung und individueller Freiheit kompatibel ist, so möge man die Nachricht gefälligst umgehend übermitteln. Bis dahin bleibt die Verweigerung jeder weiteren Debatte kein Akt der Intoleranz, sondern der schlichten geistigen Hygiene.
Die Komödie der kompatiblen Auslegungen
In der Zwischenzeit darf man sich am Theater der Interpretation erfreuen. Da wird ein Religionssystem, dessen historische Praxis von Eroberung, Unterwerfung und der systematischen Zurücksetzung Andersgläubiger und Frauen geprägt ist, mit der Beharrlichkeit eines Alchemisten umgedeutet, bis aus Blei das reine Gold der Menschenrechte zu werden scheint. Kolonialismus wird bemüht, als ob die Steinigung, die Handabschneidung und die Todesstrafe für Apostasie Erfindungen europäischer Offiziere gewesen wären. Die klassische Rechtstradition wird verklärt, als habe sie jemals etwas anderes als eine hierarchische Ordnung angestrebt, in der der Gläubige über dem Ungläubigen, der Mann über der Frau und die Offenbarung über der Vernunft steht. Der Satiriker beobachtet dieses Manöver mit einer Mischung aus Amüsement und Melancholie: Je lauter die Behauptung wird, der Islam sei im Kern demokratisch, desto deutlicher tritt die Diskrepanz zwischen Text und Realität zutage. Die Moderne wird nicht importiert, indem man ihre Institutionen übernimmt und ihre Prinzipien gleichzeitig relativiert; sie wird vielmehr unterhöhlt, wenn man zulässt, dass Parallelgesellschaften entstehen, in denen die eigenen Regeln gelten und die eigenen Tabus gehütet werden.
Schlussbetrachtung über die Zumutung des Offensichtlichen
Am Ende bleibt die schlichte Feststellung, dass eine Kultur, die in ihrer gegenwärtigen Praxis systematisch gegen die Grundlagen westlicher Freiheitsordnung verstößt, weder Verständnis noch Import verdient. Wer dies ausspricht, riskiert den Vorwurf der Islamophobie – ein Begriff, der selbst schon Teil der Komödie ist, da er die Angst vor einer real existierenden Praxis mit einer pathologischen Störung gleichsetzt. Doch die Polemik darf sich den Luxus leisten, diesen Vorwurf gelassen hinzunehmen. Die Wahrheit braucht keine diplomatische Verpackung. Sie besteht darin, dass bestimmte Rufe bei Selbstmordattentaten dominieren, dass bestimmte Strafen weiterhin vollzogen werden und dass bestimmte Forderungen nach Sonderrechten im öffentlichen Raum unablässig erhoben werden. Wer diese Fakten zur Kenntnis nimmt und daraus die Konsequenz zieht, sie nicht importieren und nicht relativieren zu wollen, handelt nicht aus Hass, sondern aus dem Wunsch, die Errungenschaften einer aufgeklärten Ordnung zu bewahren. Alles andere wäre die freiwillige Teilnahme an einer Farce, in der die Moderne dem Archaischen höflich die Tür öffnet und anschließend verwundert feststellt, dass dieses Archaische keinerlei Absicht zeigt, die Gastfreundschaft zu erwidern.