Das Manifest des Surrealismus

oder wie die Wirklichkeit beschloss, ihre eigene Parodie zu werden

Als André Breton 1924 das Manifest des Surrealismus veröffentlichte, wollte er die Wirklichkeit sprengen. Heute dürfte ihn vor allem die Erkenntnis erschüttern, dass die Wirklichkeit diese Aufgabe längst selbst übernommen hat. Der Surrealismus verstand sich einst als Aufstand gegen die Tyrannei des Rationalismus, gegen die pedantische Ordnung des Bürgertums und gegen jene Welt, in der jedes Phänomen einen vernünftigen Grund und jede Handlung eine logische Erklärung besitzen sollte. Die Künstler wollten den Traum über die Statistik, die Intuition über das Formular und das Unterbewusstsein über die Verwaltung stellen. Hundert Jahre später scheint dieses Ziel vollständig erreicht zu sein – allerdings nicht als Triumph der Kunst, sondern als Betriebsanleitung der Gegenwart. Die eigentliche Satire besteht darin, dass der historische Surrealismus heute kaum noch provoziert. Er wirkt beinahe konservativ gegenüber einer Epoche, in der politische Kommunikation, mediale Inszenierung und gesellschaftliche Debatten regelmäßig eine Dramaturgie entfalten, gegen die selbst Salvador Dalís schmelzende Uhren wie nüchterne Ingenieurszeichnungen erscheinen.

Vom Traum zur Dauerhalluzination

Breton wollte den Traum rehabilitieren. Die Gegenwart hat daraus eine Dauerhalluzination gemacht. Zwischen Nachricht, Kommentar, Werbung, Aktivismus, Unterhaltung und Selbstvermarktung existieren kaum noch erkennbare Grenzen. Jede Information wird augenblicklich emotional aufgeladen, moralisch bewertet und algorithmisch sortiert. Was gestern noch als absurde Satire gegolten hätte, erscheint heute als Push-Nachricht, Regierungsmitteilung oder viraler Hashtag. Die Wirklichkeit produziert inzwischen täglich Szenen, bei denen selbst der gewissenhafteste Faktenprüfer zunächst prüft, ob nicht versehentlich der Kulturteil geöffnet wurde. Politiker inszenieren sich wie Influencer, Influencer sprechen wie Regierungsberater, Nachrichtensprecher übernehmen den Ton moralischer Prediger, Unterhaltungsshows erklären Weltpolitik und Kabarettisten werden unfreiwillig von Pressekonferenzen übertroffen. Der Surrealismus wollte Kunst und Leben verschmelzen. Die Gegenwart hat stattdessen Realität und Inszenierung untrennbar miteinander vermengt.

Die Bürokratie entdeckt die Fantasie

Der historische Surrealismus rebellierte gegen Regeln. Die moderne Verwaltung hat daraus eine eigene Kunstform entwickelt. Formulare wachsen schneller als Wälder, Richtlinien vermehren sich zuverlässiger als Kaninchen, und jedes gesellschaftliche Problem scheint zunächst den reflexartigen Wunsch hervorzurufen, eine neue Verordnung zu verfassen. Das eigentlich Surrealistische besteht jedoch darin, dass diese immer dichtere Regulierung gleichzeitig mit einer erstaunlichen Unfähigkeit einhergeht, offensichtliche Probleme tatsächlich zu lösen. Während Aktenordner anschwellen und digitale Meldeportale entstehen, wirkt die Wirklichkeit oft wie ein schlecht beaufsichtigtes Improvisationstheater. Kafka hätte vermutlich höflich um etwas mehr Realismus gebeten. Sein „Prozess“ erscheint inzwischen stellenweise wie eine optimistische Verwaltungsbroschüre.

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Die Moral als avantgardistische Performance

Breton kämpfte gegen die bürgerliche Moral seiner Zeit. Die Gegenwart besitzt ebenfalls eine Moral – allerdings eine bemerkenswert bewegliche. Sie verändert sich mit der Geschwindigkeit von Schlagzeilen und Plattformtrends. Was gestern als unanständig galt, wird heute gefeiert, nur um morgen erneut als untragbar verurteilt zu werden. Die moralische Stabilität erinnert an einen Wetterbericht für April: wechselhaft mit erhöhter Wahrscheinlichkeit plötzlicher Empörung. Entscheidend ist längst nicht mehr allein, was gesagt wird, sondern wer es sagt, in welchem Zusammenhang, zu welchem Zeitpunkt und ob der betreffende Satz zufällig in das aktuelle Deutungsmuster passt. Das Ergebnis ist eine bemerkenswerte Form kultureller Quantenmechanik: Aussagen können gleichzeitig mutig und verwerflich, wissenschaftlich und gefährlich, progressiv und reaktionär sein – abhängig vom jeweiligen Beobachter. Schrödingers Katze hätte vermutlich einen Ethikrat erhalten.

Das Unterbewusstsein wird digitalisiert

Breton wollte das Unterbewusstsein befreien. Die Gegenwart hat es kommerzialisiert. Algorithmen analysieren Vorlieben, Gewohnheiten, Ängste und Wünsche mit einer Präzision, von der Freud nur hätte träumen können. Der Unterschied besteht darin, dass Freud verstehen wollte, während Plattformen verkaufen möchten. Der Traum ist zur Ware geworden. Aufmerksamkeit bildet die Währung einer Ökonomie, in der nicht Wahrheit, sondern Reaktionsgeschwindigkeit zählt. Je stärker die Emotion, desto größer die Reichweite. Je absurder die Behauptung, desto wertvoller der Klick. Das automatische Schreiben des Surrealismus mutet dagegen fast romantisch an. Heute schreiben nicht mehr die Gedanken unzensiert, sondern Programme berechnen, welche Gedanken sich am erfolgreichsten verbreiten lassen. Die Freiheit des Unterbewusstseins endet dort, wo das nächste personalisierte Werbebanner beginnt.

Die Republik der permanenten Empörung

Die Surrealisten wollten schockieren. Die moderne Öffentlichkeit hat den Schock industrialisiert. Empörung erscheint nicht mehr als Ausnahme, sondern als Grundzustand. Jeden Morgen beginnt eine neue moralische Weltmeisterschaft, deren Sieger bereits am Nachmittag von der nächsten Aufregung verdrängt wird. Skandale besitzen inzwischen die Halbwertszeit frischer Backwaren. Kaum ist ein Entrüstungssturm verklungen, kündigt sich bereits der nächste an. Diese permanente Überhitzung erzeugt eine paradoxe Abstumpfung. Wo alles als historisch, beispiellos oder existenziell bezeichnet wird, verliert schließlich selbst das tatsächlich Außergewöhnliche seine sprachliche Schärfe. Der Superlativ stirbt an Überarbeitung. Die Katastrophe wird zum Serienformat.

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Die Experten und das Orakel

Der Surrealismus misstraute dem absoluten Wahrheitsanspruch. Die Gegenwart hat diesen Anspruch lediglich neu verteilt. Heute sprechen Experten, Gegenseiten, Gegenexperten und Experten für die Gegenexperten gleichzeitig mit unerschütterlicher Gewissheit. Kaum ein Thema bleibt von konkurrierenden Absolutheiten verschont. Wissenschaft wird dabei häufig nicht als offener Prozess verstanden, sondern als politisches Gütesiegel. Wer die gewünschte Schlussfolgerung liefert, gilt als Stimme der Vernunft. Wer Zweifel anmeldet, wird rasch als Störgeräusch wahrgenommen. Dabei lebt Wissenschaft gerade von der Möglichkeit des Irrtums. Eine Gesellschaft hingegen, die jede Unsicherheit als Bedrohung empfindet, ersetzt Erkenntnis durch Gewissheit und Diskussion durch Etiketten. Das erinnert weniger an Aufklärung als an eine säkularisierte Form mittelalterlicher Scholastik.

Die Revolution wird zur Marke

Breton verachtete den bürgerlichen Konformismus. Ironischerweise hat der Kapitalismus inzwischen selbst die Rebellion erfolgreich vermarktet. Protest wird zur Kollektion, Widerstand zur Werbekampagne und Individualität zur Massenproduktion. Der rebellische Gestus erscheint inzwischen in Hochglanzbroschüren multinationaler Konzerne. Selbst das Nein besitzt einen Sponsoringpartner. Revolutionäre Symbolik schmückt Luxusartikel, und der Aufstand gegen das Establishment findet bevorzugt auf Plattformen statt, die Milliardenumsätze erzielen. Es ist die vielleicht eleganteste Form kultureller Neutralisierung: Jede Opposition wird nicht verboten, sondern in ein Geschäftsmodell verwandelt. Das System bekämpft seine Kritiker nicht mehr. Es verkauft ihnen T-Shirts.

Identität zwischen Traum und Verwaltungsakt

Der Surrealismus glaubte an die Freiheit der Persönlichkeit. Die Gegenwart zerlegt Persönlichkeit mit bemerkenswerter Hingabe in Kategorien, Merkmale, Zuschreibungen und Identitätsfragmente. Nie zuvor wurde so leidenschaftlich über Individualität gesprochen und gleichzeitig so intensiv klassifiziert. Jeder Mensch soll einzigartig sein, allerdings möglichst innerhalb sauber definierter Gruppen. Das Individuum verschwindet hinter Etiketten, bis es gelegentlich den Eindruck gewinnt, hauptsächlich aus Formularfeldern zu bestehen. Breton hätte vermutlich erstaunt festgestellt, dass die moderne Gesellschaft zwar ständig Vielfalt beschwört, dabei aber eine fast obsessive Leidenschaft für Schubladen entwickelt hat.

Die Herrschaft des Narrativs

Besonders surreal erscheint die zunehmende Ersetzung der Wirklichkeit durch das Narrativ. Nicht mehr das Ereignis selbst entscheidet über seine Bedeutung, sondern dessen Einordnung. Sprache wird zum Schlachtfeld, Begriffe zu Waffen und Definitionen zu politischen Grenzbefestigungen. Wer die Begriffe kontrolliert, kontrolliert die Deutung. Das eigentliche Ereignis tritt dahinter zurück. Die Karte ersetzt das Gelände. Die Beschreibung ersetzt die Erfahrung. Irgendwann beginnt sich die Gesellschaft weniger darüber zu streiten, was geschieht, als darüber, welche Worte verwendet werden dürfen, um das Geschehen überhaupt zu benennen. George Orwell hätte sich vermutlich gewundert, wie elegant sprachliche Steuerung inzwischen oft als sprachliche Sensibilität verkauft wird.

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Das endgültige Paradox

Vielleicht liegt die größte Ironie der Kulturgeschichte darin, dass der Surrealismus seinen Sieg genau in dem Augenblick verlor, als seine Grundidee alltäglich wurde. Breton wollte die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit aufheben. Heute verschwimmen die Grenzen zwischen Realität, Inszenierung, Ideologie, Marketing und Unterhaltung tatsächlich. Doch was einst der Befreiung der Fantasie dienen sollte, erzeugt nun häufig Orientierungslosigkeit. Wo alles möglich scheint, wird nichts mehr glaubwürdig. Wo jede Wahrheit nur noch Perspektive ist, verliert auch die Lüge ihren Schrecken. Wo jede Gewissheit dekonstruiert wird, triumphiert am Ende nicht Freiheit, sondern Beliebigkeit.

Schlussbetrachtung

Das Manifest des Surrealismus bleibt deshalb ein erstaunlich aktueller Text – allerdings weniger als Anleitung zur künstlerischen Revolution denn als unfreiwilliger Spiegel einer Epoche, die sich selbst täglich surreal überbietet. Breton wollte den Menschen aus den Fesseln einer mechanischen Vernunft befreien. Die Gegenwart droht dagegen bisweilen an der gegenteiligen Gefahr zu scheitern: an der Auflösung jeder verbindlichen Orientierung zwischen Gefühl, Inszenierung und Wirklichkeit. Der historische Surrealismus war ein kalkulierter Angriff auf den Konformismus seiner Zeit. Der heutige kulturelle Surrealismus entsteht dagegen oft unfreiwillig – aus der Gleichzeitigkeit moralischer Absolutheit und intellektueller Beliebigkeit, aus dem Nebeneinander grenzenloser Information und wachsender Verwirrung, aus der paradoxen Verbindung maximaler Vernetzung mit zunehmender Verständigungslosigkeit. Vielleicht hätte Breton diese Welt fasziniert betrachtet. Vielleicht hätte er sie gefeiert. Wahrscheinlicher jedoch hätte er sein Manifest schweigend geschlossen, einen langen Blick auf die Gegenwart geworfen und leise bemerkt, dass keine Avantgarde der Welt mit einer Realität konkurrieren kann, die ihre eigene Satire längst perfektioniert hat.