Die mathematische Moral der Gegenwart

Es gehört zu den erstaunlichsten Leistungen der modernen Gesellschaft, dass sie eine Ethik hervorgebracht hat, die sich jeder klassischen Logik mit bewundernswerter Eleganz entzieht. Einst galt der Grundsatz, dass gleiche Maßstäbe für alle gelten sollten. Heute scheint das wahre Ideal darin zu bestehen, möglichst viele Maßstäbe zu besitzen und sie je nach Bedarf auszutauschen wie saisonale Garderobe. Moral ist nicht mehr unbedingt eine Frage des Inhalts, sondern der Zielgruppe. Der Satz entscheidet nicht über seine eigene Qualität; entscheidend ist, gegen wen er gerichtet ist. Dass dieselbe Bemerkung innerhalb weniger Sekunden als mutige Satire oder als unverzeihliche Menschenfeindlichkeit bewertet werden kann, gilt längst nicht mehr als Widerspruch, sondern als Ausdruck besonderer gesellschaftlicher Sensibilität. Wer diese Logik hinterfragt, erhält meist keine Antwort, sondern einen Etikettenaufkleber. Schließlich lebt jede stabile Ideologie davon, Fragen als Verdachtsmomente und Zweifel als Charakterschwäche zu behandeln.

Das Einbahnstraßenschild der Satire

So entstand eine bemerkenswerte Verkehrsordnung des Humors. Über Weiße darf gelacht werden, denn das gilt als Kritik an Privilegien. Über Schwarze zu lachen, verwandelt denselben Witz plötzlich in ein moralisches Verbrechen. Über Männer zu spotten, gilt häufig als gesellschaftliche Selbstverteidigung. Über Frauen dieselbe Pointe zu formulieren, führt rasch zur Diagnose der Misogynie. Heterosexuelle erscheinen gelegentlich als legitime Zielscheibe allgemeiner Belustigung, homosexuelle Menschen hingegen als schützenswerte Ausnahmezone, in der jede Pointe zunächst ein Gutachten benötigt. Nicht der Witz entscheidet über seine Qualität, sondern das Personaldatenblatt des Publikums. Es ist eine Satire, die ihre Pointe erst nach einer demografischen Auswertung freigibt.

Natürlich existieren reale Formen von Rassismus, Sexismus und Homophobie. Niemand mit ernsthaftem Interesse an einer zivilisierten Gesellschaft muss deren Existenz leugnen. Gerade deshalb wirkt die inflationäre Ausweitung dieser Begriffe auf jede unpassende Bemerkung so unerquicklich. Begriffe verlieren ihre Schärfe, wenn sie nicht mehr zwischen Bosheit, Geschmacklosigkeit und Ironie unterscheiden. Wer jedes Sandkorn zum Gebirge erklärt, steht irgendwann ratlos vor einem echten Berg.

TIP:  Meinungsmache für Superreiche

Die Hierarchie der Empfindlichkeiten

Die moderne Empörung arbeitet mit einer Art gesellschaftlichem Punktesystem, das nie veröffentlicht wurde und dennoch erstaunlich zuverlässig funktioniert. Offenbar existiert eine geheime Tabelle, in der jede Gruppe ihren moralischen Börsenwert besitzt. Je höher der Status als schützenswerte Kategorie, desto niedriger die zulässige Humorquote. Andere Gruppen hingegen scheinen über eine unerschöpfliche satirische Belastbarkeit zu verfügen. Dort ist beinahe alles erlaubt, solange der Vortragende die richtigen politischen Vokabeln benutzt.

So entsteht ein kurioses Schauspiel. Dieselbe Pointe wandert wie ein Schauspieler durch verschiedene Theaterstücke. Einmal erhält sie Applaus, ein anderes Mal einen Shitstorm, ein drittes Mal den Besuch der Faktenprüfer, Moralexperten und berufsmäßigen Kontextlieferanten. Offenbar besitzt Humor inzwischen eine politische Staatsbürgerschaft. Seine Gültigkeit endet an der Grenze bestimmter Identitäten.

Die Mehrheit als erlaubtes Ziel

Besonders interessant ist die Erfindung der moralisch freigegebenen Mehrheit. Über Mehrheiten darf gelacht werden, weil sie als robust gelten. Mehrheiten können offenbar nichts übelnehmen, nichts verletzen und keine Würde besitzen, da ihre bloße zahlenmäßige Existenz sie automatisch immunisiert. Minderheiten dagegen erscheinen bisweilen als Wesen von beinahe kristalliner Zerbrechlichkeit, deren gesellschaftliches Wohlbefinden von jedem misslungenen Kalauer abhängt.

Diese Vorstellung enthält einen merkwürdigen paternalistischen Unterton. Ausgerechnet jene Gruppen, deren Gleichberechtigung betont werden soll, werden manchmal so behandelt, als könnten sie keine Ironie aushalten. Damit wird ihnen paradoxerweise genau jene Robustheit abgesprochen, die man jedem souveränen Bürger zutrauen sollte. Die Gleichheit endet dort, wo unterschiedliche Maßstäbe beginnen.

Der Humor unter Quarantäne

Humor war einst das anarchische Kind der Sprache. Er verspottete Könige, Bettler, Priester, Professoren und den eigenen Nachbarn mit bemerkenswerter Gleichgültigkeit gegenüber deren sozialem Rang. Heute scheint der Humor zunächst einen Ethikantrag stellen zu müssen. Danach folgt eine Risikoanalyse, eine Diversitätsprüfung und gegebenenfalls eine sprachliche Dekontamination. Erst wenn alle Formulare ordnungsgemäß abgestempelt wurden, darf vielleicht gelächelt werden – allerdings vorzugsweise über jene Personengruppen, deren Verspottung offiziell als pädagogisch wertvoll gilt.

TIP:  "Schon Wieder" statt "Nie Wieder"!

Die Satire verwandelt sich dadurch in eine Art staatlich geprüften Labradoodle. Freundlich, harmlos, gut erzogen und garantiert allergikergeeignet. Niemand soll erschrecken, niemand soll überrascht werden. Das Ergebnis ist ungefähr so rebellisch wie eine Sicherheitsbelehrung im Flugzeug.

Die politische Algebra

Noch faszinierender wird die Angelegenheit im Bereich der Parteipolitik. Über konservative oder rechte Positionen zu spotten gilt häufig als Ausdruck demokratischer Wachsamkeit. Über linke Positionen zu spotten wird dagegen nicht selten mit Begriffen bedacht, die historisch ein ganz anderes Gewicht besitzen. Plötzlich verwandelt sich Ironie in Ideologie und Spott in Systemgefahr.

Diese sprachliche Inflation besitzt allerdings einen Nebeneffekt. Wer jede unliebsame Kritik mit maximalen historischen Begriffen beantwortet, erzeugt irgendwann eine semantische Hyperinflation. Wörter verlieren ihren Wert wie Banknoten in einer Wirtschaftskrise. Wenn jede Meinungsverschiedenheit bereits als Faschismus bezeichnet wird, stellt sich irgendwann die Frage, welcher Begriff noch übrig bleibt, wenn tatsächlich autoritäre Bewegungen auftreten.

Die Moral als Wetterbericht

Die eigentliche Pointe liegt darin, dass diese Regeln selten offen ausgesprochen werden. Niemand veröffentlicht das offizielle Handbuch mit dem Titel Wer darf worüber lachen?. Stattdessen entsteht eine Atmosphäre, in der jeder intuitiv zu erraten versucht, welche Pointe heute zulässig ist. Moral wird zum Wetterbericht. Gestern war Sonnenschein für Sarkasmus, heute herrscht Sturmwarnung für Ironie, morgen gilt möglicherweise wieder Humorverbot mit regionalen Ausnahmen.

Dabei wechseln die Fronten schneller als Modetrends. Was gestern progressiv war, kann morgen problematisch sein. Was heute als diskriminierend gilt, war vorgestern noch Kabarett. Der gesellschaftliche Kompass dreht sich mit einer Geschwindigkeit, gegen die ein Wetterhahn wie ein Monument der Beständigkeit wirkt.

Die Gleichheit vor dem Gelächter

Vielleicht besteht die eigentliche Ironie darin, dass eine wirklich gleiche Gesellschaft nicht dadurch entstünde, einzelne Gruppen dauerhaft unter eine Glasglocke zu stellen. Gleichheit bedeutet nicht, verschiedene Menschen unterschiedlich zu behandeln, sondern gleiche Regeln für alle anzuwenden. Wer Satire ernst nimmt, muss akzeptieren, dass sie grundsätzlich jeden treffen kann – Mächtige ebenso wie Ohnmächtige, Mehrheiten ebenso wie Minderheiten, Männer ebenso wie Frauen, Heterosexuelle ebenso wie Homosexuelle, Linke ebenso wie Rechte. Nicht jede Pointe ist gut, nicht jede Provokation klug und nicht jeder Witz geschmackvoll. Doch die Beurteilung sollte sich am Inhalt orientieren und nicht an einer moralischen Buchhaltung der Identitäten.

TIP:  Die Verwandlung der Ideologien

Vielleicht wäre das die eigentliche Revolution einer Zeit, die ständig von Vielfalt spricht: nicht unterschiedliche Maßstäbe für unterschiedliche Menschen, sondern denselben Maßstab für alle. Eine Gesellschaft, die über jeden lachen kann, ohne deshalb jemanden seiner Würde zu berauben, wäre vermutlich freier als eine Gesellschaft, die unablässig darüber verhandelt, welche Personengruppen offiziell als humorresistent gelten. Bis dahin bleibt das öffentliche Gelächter ein hochregulierter Wirtschaftszweig mit komplizierten Einfuhrbestimmungen, wechselnden Zolltarifen und einer Moralverwaltung, deren wichtigste Aufgabe darin besteht, täglich neu zu entscheiden, wer heute beleidigt werden darf und wer ausschließlich das Recht besitzt, beleidigt zu sein.