Das Wörterministerium

oder die elegante Kunst, den Käfig Freiheit zu nennen

Es gibt Herrschaftsformen, die marschieren mit Stiefeln, und es gibt Herrschaftsformen, die erscheinen geschniegelt bis in den letzten Halbsatz, mit moralischer Krawatte und demokratischem Lächeln. Die ersten fürchten den Widerspruch, die zweiten umarmen ihn öffentlich, um ihn anschließend in Arbeitskreisen, Expertengremien und sprachlichen Schönheitskliniken so lange umzuerziehen, bis er seine eigene Bedeutung nicht mehr erkennt. Jede Epoche erschafft ihre bevorzugte Waffe. Die Gegenwart hat sich mit bemerkenswerter Konsequenz gegen das Schwert und für das Wörterbuch entschieden. Nicht die Gewehre eröffnen den Angriff, sondern die Definitionen. Nicht Panzer rollen zuerst über die Landschaft, sondern Begriffe. Wer das Vokabular besetzt, muss die Gedanken nicht mehr verbieten; es genügt, ihnen den Boden zu entziehen. Karl Kraus bemerkte einmal: „Die Sprache ist die Mutter, nicht die Magd des Gedankens.“ Gerade deshalb beginnt jede ambitionierte Form politischer Bevormundung dort, wo aus der Mutter eine Dienstmagd der Ideologie gemacht wird. Denn eine Sprache, die sich nicht mehr der Wirklichkeit verpflichtet fühlt, sondern der politischen Zweckmäßigkeit, ist keine Sprache mehr, sondern ein Dekorationsbetrieb für Macht.

Die Wäscherei der Begriffe

Es existiert inzwischen eine eigentümliche Industrie, deren Rohstoff nicht Stahl, Öl oder Silizium ist, sondern Bedeutung. Dort werden Worte gewaschen, gebleicht, parfümiert und anschließend mit neuen Etiketten wieder in Umlauf gebracht. Solidarität kommt hinein und verlässt die Fabrik als Zustimmungspflicht. Gerechtigkeit wird hineingeschoben und kehrt als Ergebnisgleichheit zurück. Verantwortung entwickelt sich zur universellen Verpflichtung, das zu tun, was gerade als alternativlos ausgegeben wird. Offenheit verwandelt sich in einen Raum mit bemerkenswert fest verschlossenen Türen, an denen allerdings groß und freundlich „Willkommen“ angeschrieben steht. Freiheit schließlich wird einer Generalüberholung unterzogen und erscheint danach als das beruhigende Gefühl, ausschließlich zwischen vorher genehmigten Möglichkeiten wählen zu dürfen. Man könnte beinahe Mitleid mit den Begriffen entwickeln. Sie haben jahrhundertelang Philosophen beschäftigt, Revolutionen inspiriert und ganze Verfassungen geprägt, nur um schließlich als Werbeslogans für Verwaltungsakte zu enden.

Die Moral als Hochdruckreiniger des Denkens

Früher musste Macht sich rechtfertigen. Heute genügt es häufig, sich moralisch zu inszenieren. Moral ist zur Universalwährung geworden, mit der politische Rechnungen bezahlt werden, ohne dass noch jemand nach der tatsächlichen Gegenleistung fragt. Wer moralisch spricht, braucht oft keine Argumente mehr, sondern lediglich die passende Stimmlage. Das Vokabular ähnelt dabei einem Weihrauchfass, das so kräftig geschwenkt wird, dass der Nebel jede nüchterne Betrachtung zuverlässig verdeckt. Hinter dem Duft von Menschlichkeit, Fortschritt, Verantwortung und Solidarität verschwindet die profane Frage, wem eine Maßnahme nützt, wer sie kontrolliert und welche Freiheit sie kostet. Der moralische Hochdruckreiniger entfernt nämlich nicht den Schmutz der Politik, sondern sämtliche Fingerabdrücke ihrer Urheber. Was bleibt, ist eine makellos glänzende Oberfläche, auf der sich jeder Zweifel wie eine unanständige Verschmutzung ausnimmt. Der Skeptiker wird nicht widerlegt, sondern desinfiziert.

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Das ewige Schauspiel der gegeneinander aufgestellten Menschen

Die älteste Staatskunst besteht darin, Menschen voneinander zu trennen und anschließend als unparteiischer Schiedsrichter zwischen ihnen aufzutreten. Schon die Römer kannten dieses Verfahren, allerdings besaßen sie wenigstens den Anstand, es offen als „divide et impera“ zu bezeichnen. Die Moderne liebt subtilere Verpackungen. Heute zerfällt die Gesellschaft in immer feinere Kategorien, deren Mitglieder sich gegenseitig mit einer Leidenschaft beobachten, die früher nur Nachbarn beim Gardinenzucken entwickelten. Jede Gruppe erhält ihre eigene moralische Sonderwirtschaftszone, ihre eigene Kränkung, ihre eigene historische Rechnung und selbstverständlich ihren eigenen Schuldigen. Während sich alle mit bewundernswerter Energie gegenseitig belehren, empören und katalogisieren, wächst über ihren Köpfen ein Verwaltungsgebäude nach dem anderen empor, in dem mit ernster Miene erklärt wird, leider müsse wegen der zunehmenden gesellschaftlichen Spannungen erneut reguliert, überwacht, dokumentiert und koordiniert werden. Die politische Architektur erinnert dabei an einen Brandstifter, der sich selbst zum Leiter der Feuerwehr ernennt und anschließend stolz verkündet, wie unverzichtbar seine Löschfahrzeuge inzwischen geworden seien.

Die fürsorgliche Entmündigung

Es gehört zu den feinsten Ironien unserer Zeit, dass Entmündigung kaum noch wie Entmündigung aussieht. Sie trägt heute den freundlichen Gesichtsausdruck einer überbesorgten Erzieherin, die jedes Stolpern verhindern möchte, indem sie vorsorglich das Gehen abschafft. Der erwachsene Bürger wird mit einer Hingabe umsorgt, die früher höchstens Säuglingen zuteilwurde. Es wird erklärt, welche Informationen vertrauenswürdig sind, welche Meinungen verantwortbar erscheinen, welche Formulierungen angemessen klingen, welche Risiken akzeptabel seien, welche Entscheidungen vernünftig wirken und welche Zweifel besser gar nicht erst entstehen sollten. Das alles geschieht selbstverständlich ausschließlich im Namen der Freiheit. Es ist die bemerkenswerte Logik eines Zeitalters, das Menschen ständig ihre Mündigkeit bestätigt, während es ihnen gleichzeitig immer detaillierter erklärt, wie diese Mündigkeit korrekt anzuwenden sei. Freiheit gleicht dabei einem Museumsstück: Hinter Glas ausgestellt, liebevoll beleuchtet, jederzeit bewunderbar – aber bitte nicht berühren.

Die Republik der guten Absichten

Noch nie war die Welt so reich an edlen Motiven. Alles geschieht aus den nobelsten Gründen. Kein Eingriff verfolgt Machtinteressen, sondern dient ausschließlich dem Schutz, der Sicherheit, dem Frieden, der Nachhaltigkeit, der Resilienz, der Inklusion oder irgendeinem anderen jener wohlklingenden Substantive, die sich hervorragend als Tarnnetz eignen. Der politische Wortschatz gleicht inzwischen einem botanischen Garten, in dem ausschließlich Tugendpflanzen gedeihen. Nirgendwo wächst Macht. Nirgendwo Ehrgeiz. Nirgendwo Kontrolle. Nur ein dichter Wald aus Fürsorge, Verantwortung und Gemeinwohl, dessen Schatten allerdings erstaunlich häufig dort endet, wo Transparenz beginnen müsste. Man fragt sich gelegentlich, ob Macht überhaupt noch existiert oder ob sie sich lediglich hinter so vielen wohlmeinenden Begriffen versteckt hat, dass sie selbst vergessen hat, wie sie eigentlich aussieht.

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Die Inflation der Tugend

Wie jede Währung verliert auch Moral ihren Wert, wenn sie grenzenlos gedruckt wird. Wer ununterbrochen Solidarität verlangt, macht sie zur Steuer. Wer permanent Gerechtigkeit ruft, entwertet ihren Sinn. Wer jede politische Entscheidung mit Menschlichkeit etikettiert, verwandelt Menschlichkeit in ein amtliches Formular. Tugenden funktionieren nur freiwillig. Werden sie administriert, mutieren sie zu Pflichten. Die Geschichte kennt zahllose Beispiele dafür, dass die lautesten Prediger des Guten nicht selten die eifrigsten Produzenten des Zwangs waren. Der Unterschied zwischen einer Tugend und einer Vorschrift besteht nämlich darin, dass die erste aus Überzeugung entsteht und die zweite aus Formularen.

Die Sprache als letzte freie Provinz

Deshalb beginnt der eigentliche Widerstand nicht mit Transparenten, sondern mit Präzision. Wer sich weigert, Begriffe kampflos auszuliefern, verteidigt mehr als bloße Semantik. Er verteidigt die Möglichkeit unabhängigen Denkens. Denn jedes Wort, das seine ursprüngliche Bedeutung verliert, zieht einen Gedanken mit sich in den Abgrund. Wird Solidarität zum Synonym für Unterordnung, Gerechtigkeit zur Chiffre für politische Zweckmäßigkeit und Offenheit zum Decknamen einer neuen Form geistiger Einbahnstraßen, dann verändert sich nicht lediglich das Vokabular. Es verändert sich das Koordinatensystem einer Gesellschaft. Der Verlust beginnt unmerklich, beinahe höflich, fast elegant. Niemand verlangt zunächst die Aufgabe der Freiheit. Es genügt vollkommen, ihre Definition langsam zu verändern.

Der höfliche Totalitarismus des Lächelns

Die vielleicht größte Satire unserer Zeit besteht darin, dass autoritäre Versuchungen kaum noch autoritär auftreten. Sie tragen keine Uniform, sondern Kommunikationsabteilungen. Sie veröffentlichen keine Drohungen, sondern Leitlinien. Sie sprechen nicht von Unterordnung, sondern von Verantwortung. Nicht Zensur steht auf der Verpackung, sondern Qualitätsstandards. Nicht Bevormundung, sondern Orientierungshilfe. Nicht Gleichschaltung, sondern gesellschaftlicher Konsens. Der Fortschritt besteht offenbar darin, dass der Käfig inzwischen ergonomisch gestaltet wurde. Seine Gitter sind weich gepolstert, nachhaltig produziert, klimaneutral lackiert und mit motivierenden Zitaten versehen. Wer darin lebt, soll sich nicht gefangen fühlen, sondern gut aufgehoben. Und falls dennoch jemand bemerkt, dass es sich um einen Käfig handelt, wird nicht mehr gefragt, ob er recht hat. Es wird gefragt, weshalb er so negativ sei.

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Die Pflicht zum Misstrauen

Vielleicht liegt die eigentliche Bürgerpflicht einer freien Gesellschaft heute weniger darin, jedem neuen politischen Versprechen begeistert zu applaudieren, als vielmehr jedem allzu vollkommen klingenden Begriff mit höflichem, aber hartnäckigem Misstrauen zu begegnen. Denn Macht liebt nichts mehr als Wörter, die so schön klingen, dass niemand mehr ihren Inhalt überprüft. Die Freiheit stirbt selten unter Kanonendonner. Sie verlässt die Bühne gewöhnlich leise, geschniegelt, geschniegelt bis in die Grammatik, begleitet vom höflichen Beifall einer Öffentlichkeit, die längst vergessen hat, dass Worte nicht dazu geschaffen wurden, Menschen an die Leine zu legen, sondern sie zu befähigen, denjenigen zu widersprechen, die genau das versuchen. Erst wenn Begriffe wieder das bedeuten dürfen, was sie bedeuten, verliert Macht ihre eleganteste Tarnkappe. Und genau deshalb beginnt jede Verteidigung der Selbstbestimmung mit einem unscheinbaren, aber folgenreichen Satz: Die Sprache gehört nicht den Herrschenden. Sie gehört der Wahrheit – oder sie gehört am Ende niemandem mehr.