Der Fortschritt auf dem Kopf

Es gibt Epochen, die ihre Orientierung verlieren, ohne es zu bemerken. Gerade darin liegt ihre eigentliche Tragik. Nicht der Irrtum selbst ist das Problem, sondern die unerschütterliche Überzeugung, vollkommen richtig zu liegen. Während frühere Generationen mühsam versuchten, moralische Maßstäbe zu entwickeln, um mit den immer mächtiger werdenden Werkzeugen der Zivilisation verantwortungsvoll umgehen zu können, scheint sich die Gegenwart auf eine bemerkenswerte Umkehrung dieses Prinzips verständigt zu haben. Technologisch wird gebremst, gezögert, reguliert, verboten, misstraut und problematisiert. Gleichzeitig werden im Bereich der Ethik jahrtausendealte Fundamente mit der Geschwindigkeit eines Abrissbaggers eingerissen. Das Ergebnis gleicht einem Formel-1-Rennwagen, dessen Motor aus Angst vor zu hoher Geschwindigkeit auf Mopedniveau gedrosselt wurde, während gleichzeitig sämtliche Bremsen entfernt wurden, um das Fahrerlebnis möglichst grenzenlos erscheinen zu lassen.

Die seltsame Angst vor Maschinen

Noch nie verfügte die Menschheit über derart beeindruckende Möglichkeiten. Künstliche Intelligenz, Robotik, Gentechnik, Quantencomputer, autonome Systeme oder moderne Energiegewinnung könnten Krankheiten besiegen, Hunger reduzieren, Umweltprobleme lösen und den Alltag erleichtern. Doch statt neugieriger Begeisterung dominiert häufig ein nahezu religiös anmutendes Misstrauen gegenüber jeder neuen Technologie. Kaum erscheint eine Innovation, entstehen Kommissionen, Expertengremien, Ethikräte, Nachhaltigkeitsprüfungen, Datenschutzfolgenabschätzungen, Klimabilanzen, Risikoanalysen und vermutlich demnächst noch psychologische Betreuungsteams für besonders sensible Festplatten. Jeder technische Fortschritt wird zunächst behandelt wie ein gefährliches Raubtier, das aus seinem Käfig entkommen ist und nur darauf wartet, die Zivilisation zu verschlingen.

Natürlich sind Regeln notwendig. Jede mächtige Technologie verlangt Verantwortung. Doch zwischen verantwortungsvollem Umgang und institutionalisierter Fortschrittsangst besteht ein erheblicher Unterschied. Während andere Weltregionen neue Entwicklungen testen, experimentieren und verbessern, wird andernorts zunächst untersucht, ob ein Algorithmus möglicherweise Gefühle verletzen könnte. Erst danach folgt eine Arbeitsgruppe zur Evaluierung der Ergebnisse der ersten Arbeitsgruppe, bevor eine Expertenrunde darüber berät, ob eine weitere Expertenrunde notwendig erscheint. Bis dahin hat die Konkurrenz das Produkt bereits in der dritten Generation auf dem Markt etabliert.

Die Revolution gegen das Fundament

Ausgerechnet dort hingegen, wo Zurückhaltung und langfristiges Denken besonders wertvoll wären, regiert erstaunliche Experimentierfreude. Moralische Normen, gesellschaftliche Institutionen und kulturelle Traditionen gelten plötzlich als beliebig formbare Konstruktionen. Was sich über Jahrhunderte entwickelt hat, wird behandelt wie eine fehlerhafte Softwareversion, die dringend ein Update benötigt. Familie, Verantwortung, Pflicht, Verlässlichkeit, Höflichkeit oder Leistung werden nicht mehr selbstverständlich als tragende Säulen betrachtet, sondern häufig zunächst unter Generalverdacht gestellt. Altbewährtes besitzt kaum noch einen Vertrauensvorschuss; neu Erfundenes genießt dagegen beinahe automatisch moralischen Kredit.

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Der britische Philosoph G. K. Chesterton formulierte einst den Gedanken, dass niemals ein Zaun entfernt werden sollte, bevor verstanden wurde, warum er überhaupt errichtet worden war. Genau diese Weisheit scheint aus der Mode gekommen zu sein. Heute wird zunächst der Zaun eingerissen, anschließend diskutiert, weshalb sich plötzlich alle verlaufen, und schließlich eine Arbeitsgruppe gegründet, um die Ursachen der Orientierungslosigkeit wissenschaftlich zu untersuchen.

Die Religion des permanenten Updates

Bemerkenswert ist der Glaube, alles müsse ständig neu definiert werden. Sprache verändert sich im Wochentakt. Begriffe verlieren ihre Bedeutung, erhalten neue Bedeutungen oder verschwinden vollständig aus dem öffentlichen Sprachgebrauch. Wörter altern inzwischen schneller als Smartphones. Während Software-Updates wenigstens Fehler beheben sollen, besteht der gesellschaftliche Fortschritt häufig darin, Definitionen so oft zu verändern, bis niemand mehr sicher weiß, worüber eigentlich gesprochen wird.

Fast scheint es, als habe sich die Idee etabliert, Stabilität sei grundsätzlich verdächtig. Was lange Bestand hatte, müsse zwangsläufig ungerecht gewesen sein. Dauer wird mit Unterdrückung verwechselt, Kontinuität mit Rückständigkeit und Erfahrung mit Starrsinn. Der Begriff „Tradition“ klingt in manchen Debatten bereits wie eine seltene Krankheit, gegen die dringend geimpft werden müsse.

Fortschritt ohne Richtung

Technischer Fortschritt ist ein Werkzeug. Moral liefert die Richtung. Fehlt die Richtung, entsteht Beliebigkeit. Fehlt das Werkzeug, bleibt Stillstand. Gerade deshalb wirkt die gegenwärtige Prioritätensetzung so eigentümlich. Ausgerechnet der Kompass wird ständig neu geeicht, während gleichzeitig das Schiff freiwillig den Motor abstellt.

Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain bemerkte einst sinngemäß, dass Geschichte sich nicht wiederhole, aber häufig reime. Vielleicht gilt Ähnliches für Zivilisationen. Viele große Kulturen scheiterten nicht an mangelnder Intelligenz, sondern daran, dass sie irgendwann den Unterschied zwischen Mittel und Zweck aus den Augen verloren. Technik wurde vernachlässigt oder Moral relativiert. Besonders unerquicklich wird es allerdings, wenn beides gleichzeitig geschieht: moralische Orientierung wird beliebig, technologischer Ehrgeiz verschwindet.

Die Bürokratie des Fortschrittsverzichts

Hinzu tritt ein bemerkenswertes Schauspiel administrativer Kreativität. Wo früher Ingenieure Maschinen konstruierten, entstehen heute Verordnungen über die korrekte Nutzung der Maschinen. Innovation wird nicht mehr an Patenten gemessen, sondern an der Anzahl begleitender Leitfäden. Jeder Durchbruch benötigt zunächst eine Gebrauchsanweisung für den verantwortungsvollen Umgang mit der Gebrauchsanweisung.

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Die eigentliche Produktivkraft moderner Gesellschaften scheint inzwischen das Formular zu sein. Während Computer immer schneller rechnen könnten, wachsen Genehmigungsprozesse mit bewundernswerter Geschwindigkeit. Vielleicht wird eines Tages ein Museum eröffnet, das den letzten mutigen Erfinder zeigt, der tatsächlich etwas entwickelte, bevor eine Risikoanalyse abgeschlossen war.

Der Mut zum Bewährten

Konservativ zu sein bedeutet ursprünglich nicht, alles Alte unkritisch festzuhalten. Es bedeutet, das Wertvolle zu bewahren, solange kein überzeugenderer Ersatz existiert. Ebenso bedeutet technologischer Fortschritt nicht, jeder Neuerung blind hinterherzulaufen, sondern offen für Verbesserungen zu bleiben. Gerade diese Kombination erscheint erstaunlich vernünftig: moralisch vorsichtig, technisch mutig.

Wer ein Flugzeug konstruiert, ersetzt schließlich auch nicht den physikalischen Auftrieb durch ein besonders inspirierendes Gefühl. Ebenso wenig sollten gesellschaftliche Grundprinzipien beliebig austauschbar sein, nur weil eine Modeerscheinung gerade intellektuell attraktiver wirkt. Fortschritt ohne Fundament gleicht einem Wolkenkratzer, dessen Architekt stolz erklärt, aus statischen Gründen vollständig auf das lästige Erdgeschoss verzichtet zu haben.

Das große Paradox der Gegenwart

Vielleicht wird diese Epoche später einmal als Zeitalter der vertauschten Prioritäten beschrieben werden. Maschinen wurde misstraut, Menschen dagegen eine nahezu grenzenlose moralische Selbstoptimierung zugetraut. Computer galten als gefährlich, Ideologien hingegen als therapeutische Maßnahme. Der technische Werkzeugkasten wurde abgeschlossen, während gleichzeitig am Fundament der gemeinsamen Zivilisation mit Presslufthammern gearbeitet wurde.

Die eigentliche Ironie besteht darin, dass beides gar kein Widerspruch sein müsste. Eine Gesellschaft könnte durchaus ethisch konservativ und technologisch progressiv sein. Sie könnte ihre Werte schützen und gleichzeitig ihre Möglichkeiten erweitern. Sie könnte Tradition als Fundament begreifen und Innovation als Werkzeug. Stattdessen entsteht häufig der Eindruck eines Hauses, dessen Bewohner stolz verkünden, endlich sämtliche tragenden Wände entfernt zu haben, während gleichzeitig das Dach aus Sicherheitsgründen mit zusätzlichen Stützpfeilern gegen den Wind abgesichert wird.

Vielleicht besteht genau darin die präziseste Beschreibung der Gegenwart: Die Leitplanken werden dort eingerissen, wo sie Orientierung geben, und dort errichtet, wo sie Bewegung ermöglichen. Das moralische Fundament wird als überholt erklärt, während jeder technische Schritt von Warnschildern, Kontrollinstanzen und Genehmigungsverfahren begleitet wird. Am Ende entsteht eine Gesellschaft, die alles darf, solange sie nichts Neues erfindet – ein bemerkenswertes Kunststück, das vermutlich nur einer hochentwickelten Zivilisation gelingen kann, die den Fortschritt konsequent auf den Kopf gestellt hat.