Die ausführliche Würdigung der Trauerfeier

Vier Monate nach dem Tod des Obersten Führers des iranischen Regimes berichten deutsche Medien mit bemerkenswerter Ausführlichkeit über die Trauerzeremonien in Teheran. Kameras schwenken über die Massen, die sich vor dem Sarg versammeln, Kommentatoren erläutern die protokollarischen Feinheiten, die Rolle der Revolutionsgarden und die symbolische Bedeutung der Veranstaltung für die Stabilität des Systems. Man erfährt Details über die Route des Leichenzugs, die Ansprachen hoher Funktionäre und die internationale Beteiligung oder das demonstrative Fernbleiben bestimmter Staaten. Diese Berichterstattung folgt einer gewissen journalistischen Routine: Wo ein Staatsoberhaupt stirbt, wird der Staatsakt dokumentiert, als handele es sich um einen neutralen historischen Vorgang. Die Trauerfeier wird zur Bühne, auf der das Regime seine Kontinuität inszeniert – und die Medien liefern die Kulisse, ohne allzu tief in die Kulissen zu blicken.

Das auffällige Schweigen über die Bilanz der Herrschaft

Während die Zeremonie in allen Facetten ausgeleuchtet wird, bleibt die lange, blutige Bilanz der Herrschaft merkwürdig unterbeleuchtet. Es ist, als hätte der Verstorbene ein langes, ereignisarmes Leben als weiser Patriarch verbracht, statt als zentrale Figur eines theokratischen Systems, das seit Jahrzehnten Tausende Hinrichtungen durchführen ließ, politische Gegner systematisch verfolgte und Protestbewegungen mit äußerster Brutalität niederschlug. Die Erinnerung an die Massenexekutionen politischer Gefangener in den späten achtziger Jahren, an die Folter und Hinrichtungen in den Gefängnissen, an die Zehntausenden, die in den Wellen der Proteste von 2009, 2019 oder 2022 ihr Leben verloren, wird kaum wachgerufen. Stattdessen dominiert die protokollarische Beschreibung einer staatlichen Veranstaltung, als sei die Frage nach Verantwortung und Opfern sekundär gegenüber der Würde des Amtes. Die Opfer bleiben Statisten in einem anderen Narrativ – jenem der Stabilität eines Regimes, das seine Macht durch Terror sichert.

Die selektive Erinnerungskultur der Berichterstattung

Diese Diskrepanz ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer selektiven Erinnerungskultur, die bei autoritären Regimen je nach geopolitischer oder ideologischer Nähe unterschiedlich streng verfährt. Während andere Diktatoren oder Regime in der Berichterstattung schnell mit ihren Verbrechen konfrontiert werden – mit Archiven von Massengräbern, mit Zeugenaussagen von Überlebenden, mit Statistiken über Hinrichtungen und Inhaftierungen –, scheint beim iranischen System eine gewisse Zurückhaltung geboten. Die Trauerfeier wird als Staatsakt behandelt, der Respekt verdient, während die Verbrechen als interne Angelegenheiten oder als bedauerliche Begleiterscheinungen einer komplexen Region abgetan werden. Man berichtet über die Anwesenheit von Vertretern des Regimes bei der Zeremonie, ohne ausführlich daran zu erinnern, dass eben diese Vertreter für die Niederschlagung von Frauenprotesten gegen die Zwangshijab-Pflicht oder für die Inhaftierung und Folter von Dissidenten verantwortlich zeichnen. Die Erinnerung wird so fragmentiert: Die Zeremonie ist sichtbar, die Gräueltaten bleiben im diffusen Hintergrund.

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Die Gründe für die beschönigende oder ausweichende Haltung

Die Ursachen dieser Haltung liegen in einer Mischung aus diplomatischer Rücksichtnahme, wirtschaftlichen Interessen und ideologischer Ambivalenz. Ein Regime, das trotz Sanktionen über bedeutende Ressourcen verfügt und als regionaler Akteur Einfluss ausübt, wird nicht gerne mit allzu harten Worten konfrontiert, solange Verhandlungen über Atomprogramme oder regionale Stabilität laufen. Hinzu kommt eine gewisse ideologische Scheu, ein theokratisches System, das sich als antiimperialistisch und antiwestlich positioniert, allzu deutlich als Unterdrückungsapparat zu brandmarken. Die Brutalität gegenüber eigenen Bürgern – Hinrichtungen von Protestierenden, Inhaftierung von Journalisten und Aktivisten, systematische Diskriminierung von Frauen und religiösen Minderheiten – wird dann als „innere Angelegenheit“ oder als Folge „äußerer Bedrohungen“ relativiert. Die Medien, die sonst bei jedem Anlass die universellen Menschenrechte beschwören, scheinen hier vor allem darauf bedacht, die protokollarische Fassade zu wahren und unangenehme Fragen nach Mitverantwortung oder nach der Kontinuität des Terrors zu vermeiden. Der Zynismus liegt darin, dass diese Zurückhaltung nicht als Schwäche, sondern als journalistische Professionalität verkauft wird.

Die vergessenen Opfer und die fortgesetzte Unterdrückung

Unterdessen bleiben die Opfer dieser Herrschaft in der öffentlichen Erinnerung marginalisiert. Tausende politische Gefangene, die über Jahrzehnte in den Kerkern des Regimes litten oder starben, Hunderte junge Menschen, die bei den jüngsten Protestwellen erschossen oder erhängt wurden, Frauen, die wegen des Tragens eines falschen Kopftuchs oder wegen Widerstands gegen die moralische Polizei bestraft wurden – sie alle treten hinter der ausführlichen Schilderung der Trauerfeier zurück. Die Medien, die vier Monate später noch immer die Details der Zeremonie ausbreiten, finden wenig Raum für Porträts der Ermordeten, für Berichte über die anhaltende Repression oder für die Stimmen der Exil-Iraner, die von Folter, Hinrichtungen und der systematischen Zerstörung von Lebensentwürfen erzählen. Stattdessen wird das Regime als monolithischer Akteur dargestellt, dessen interne Machtkämpfe und symbolischen Akte mehr Aufmerksamkeit verdienen als die menschlichen Kosten seiner Existenz. Die Trauerfeier wird so zur Bühne einer kollektiven Amnesie: Man gedenkt des Toten in seiner amtlichen Funktion, nicht der Toten, die er hinterließ.

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Der satirische Spiegel der doppelten Standards

Am Ende offenbart diese Berichterstattung einen tiefen Zynismus der öffentlichen Wahrnehmung. Ein Regime, das seine Macht durch Massenhinrichtungen, politische Säuberungen und die brutale Niederschlagung jeder Form von Protest aufrechterhält, wird in dem Moment, in dem sein Oberhaupt stirbt, vor allem als Träger einer staatlichen Würde behandelt. Die Trauerfeier wird zum Ereignis, während die Verbrechen zur Fußnote schrumpfen. Man könnte ironisch anmerken, dass die Medien hier eine Form von Höflichkeit walten lassen, die sie gegenüber anderen Diktatoren selten aufbringen – als sei der theokratische Charakter des Systems ein mildernder Umstand oder als verdiene ein Regime, das Frauen unterdrückt, Dissidenten foltert und Terrorgruppen unterstützt, eine besonders respektvolle Abschiedszeremonie. Die Opfer bleiben stumm in dieser Inszenierung. Sie haben keine Trauerfeier in den deutschen Medien, keine ausführliche Würdigung ihrer Leiden, keine prominenten Porträts vier Monate nach dem Tod des Mannes, der ihr Schicksal besiegelte. Stattdessen bleibt die Empfehlung implizit: Gehen Sie weiter, hier wird eine staatliche Zeremonie dokumentiert – die Frage nach den Gräueltaten kann warten, oder besser: Sie wird gar nicht erst gestellt. So wird aus der Erinnerung an einen Diktator eine weitere Etappe der Verdrängung, während die Realität der Unterdrückung in den iranischen Gefängnissen und auf den Straßen weitergeht.