Die erstaunlichste Leistung der modernen Klimadebatte besteht womöglich darin, die Sonne zur Statistin degradiert zu haben. Seit Jahrmilliarden liefert sie zuverlässig nahezu die gesamte Energie für das Klimasystem der Erde, bestimmt Jahreszeiten, Wetterlagen, Vegetationsperioden und Temperaturen – doch in der öffentlichen Debatte tritt sie häufig auf wie ein pensionierter Schauspieler, dessen Name im Programmheft versehentlich vergessen wurde. Stattdessen richtet sich der Scheinwerfer fast ausschließlich auf Kohlendioxid, als wäre der Himmel mittlerweile ein gigantisches Chemielabor und nicht mehr jener gewaltige Fusionsreaktor in 150 Millionen Kilometern Entfernung, dessen Strahlungsenergie jeden Quadratmeter Europas erreicht. Dabei ist seit Jahren bekannt, dass in weiten Teilen Europas aufgrund sauberer Luft und regional veränderter Bewölkung mehr Sonnenstrahlung die Erdoberfläche erreicht als noch vor Jahrzehnten. Weniger Schwebstoffe reflektieren weniger Licht, weniger Wolken lassen mehr Energie bis zum Boden gelangen – und mehr Energie bedeutet zwangsläufig höhere Oberflächentemperaturen. Eigentlich eine physikalische Selbstverständlichkeit. Doch im politischen Theater scheint die Sonne lediglich als dekorative Beleuchtung zugelassen zu sein, während das eigentliche Drehbuch längst geschrieben wurde.
Der Stern am Himmel gegen den Stern im Parteiprogramm
Fast entsteht der Eindruck, als müsse sich die Sonne inzwischen beim zuständigen Ministerium anmelden, bevor sie einen wolkenlosen Julitag veranstalten darf. Ein Hochdruckgebiet wird nicht mehr als meteorologische Wetterlage verstanden, sondern als politisches Statement. Die Sonne erfüllt unbeirrt ihre Aufgabe, sendet ihre Energie aus, trocknet Böden, erwärmt Dächer, füllt gleichzeitig die Solaranlagen mit Rekorderträgen – und wird dennoch erstaunlich selten als ernstzunehmender Bestandteil der öffentlichen Erklärung behandelt. Dabei wirkt die Ironie beinahe poetisch: Dieselbe Sonneneinstrahlung, die als Ursache heißer Sommertage beklagt wird, gilt gleichzeitig als Hoffnungsträger der Energiewende. Tagsüber produziert sie Strom im Überfluss, doch ausgerechnet an diesen Tagen wird der Betrieb von Klimaanlagen gelegentlich moralisch problematisiert. Die Sonne darf Strom erzeugen, aber möglichst nicht zur Kühlung genutzt werden. Es ist eine Logik, die vermutlich nur in jenem politischen Paralleluniversum vollständig nachvollziehbar erscheint, in dem Schatten als nachhaltiger gilt als Klimatisierung.
Anpassung an die Sonne statt Krieg gegen das Wetter
Eine zivilisierte Gesellschaft hat sich niemals dadurch ausgezeichnet, Naturgesetze abzuschaffen, sondern dadurch, sich intelligent an sie anzupassen. Gegen intensive Sonneneinstrahlung helfen Verschattung, kühlere Gebäude, Stadtbegrünung, moderne Lüftungssysteme und vor allem Klimaanlagen in Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern und Pflegeheimen erheblich mehr als tägliche Alarmmeldungen. Die Sonne wird auch künftig aufgehen, unabhängig von Pressekonferenzen, Resolutionen oder moralischen Appellen. Statt den Stern am Himmel zum politischen Gegner zu erklären, wäre es möglicherweise vernünftiger, seine Kraft anzuerkennen und technische Lösungen zu entwickeln, die das Leben unter seinen Strahlen angenehmer machen. Denn die Sonne kennt weder Parteiprogramme noch Koalitionsverträge. Sie scheint – vollkommen unbeeindruckt von politischen Debatten – einfach weiter.