Die patriotische Lüge als Fundament der Zivilisation

Die industrielle Fabrikation des Unmenschen

Bereits im Ersten Weltkrieg vollzog sich ein qualitativer Sprung in der Kunst der Kriegshetze, der die bisherigen, eher handwerklichen Formen der Desinformation weit hinter sich ließ. Wo man früher schlicht die eigenen Erfolge übertrieb und die Verluste des Gegners beschönigte, trat nun ein systematisch entwickeltes Verfahren der totalen moralischen Entwaffnung des Feindes in Erscheinung. Dem Gegner wurden nicht nur militärische Niederlagen, sondern vor allem abscheuliche, frei erfundene Verbrechen an Zivilisten unterstellt, die mit allen Mitteln moderner Massenkommunikation in Umlauf gebracht und als unbestreitbare Tatsachen präsentiert wurden. Gefälschte Zeichnungen und später auch fotografische Fälschungen dienten als scheinbar unwiderlegbare Belege. Das Prinzip war ebenso einfach wie wirksam: Indem man den Feind zum Verbrecher an der Menschheit stempelte, erwarb man sich selbst die moralische Vollmacht, jedes Mittel gegen ihn anzuwenden, ohne dabei den eigenen Anspruch auf Freiheit, Gerechtigkeit und Humanität aufgeben zu müssen. Neutralen Völkern und fernen Kontinenten konnte so das Gefühl vermittelt werden, an einem heiligen Kreuzzug gegen die Barbarei teilzunehmen. Wer über globale publizistische Macht verfügte, konnte diese Konstruktion ungehindert verbreiten; wer diese Macht nicht besaß, fand keine Gehör und keine Möglichkeit zur Richtigstellung.

Die moralische Überlegenheit als Lizenz zum eigenen Verbrechen

Diejenigen Mächte, die sich selbst als Verkörperung der Zivilisation und des Fortschritts verstanden, entwickelten diese Technik mit besonderer Konsequenz und ohne jede Scham. Während die deutsche Seite sich auf die Verteidigung bestehender Positionen beschränkte und weder über vergleichbare weltweite Mediennetze noch über das Bedürfnis verfügte, den Gegner systematisch zu entmenschlichen, wurde auf der anderen Seite die Lüge zu einem staatlich geförderten und künstlerisch veredelten Instrument. Ein französischer Beobachter, der die Mechanismen des eigenen Journalismus aus nächster Nähe kannte, beschrieb später mit kühler Präzision, wie man die Lüge zu einem wissenschaftlichen System erhob, sie mit großem finanziellen und organisatorischen Aufwand als Wahrheit über die ganze Welt verbreitete und damit ganze Nationen dazu brachte, für Ziele zu kämpfen, an denen sie selbst nicht das geringste Interesse hatten. Während des Krieges avancierte die Lüge zur patriotischen Tugend. Jedes Wort des Feindes galt per definitionem als Fälschung, jede eigene Fälschung hingegen als notwendige und edle Wahrheit. Alles segelte unter der ehrenwerten Flagge der Propaganda, und wer diese Flagge schwenkte, durfte sich als Verteidiger der Menschlichkeit fühlen.

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Die künstlerische Weihe der Entwürdigung

Besonders aufschlussreich war die Beteiligung der kulturellen Elite an diesem Unternehmen. Die angesehensten französischen Künstler stellten ihr Talent in den Dienst der systematischen Herabwürdigung des Gegners. Es entstand eine Flut von Darstellungen, in denen Deutsche nicht mehr als Menschen, sondern als affenähnliche Kreaturen gezeigt wurden – als Orang-Utangs, die sich an den unschuldigsten Opfern vergehen. Eine offizielle Denkschrift über angebliche deutsche Greueltaten wurde mit vierzig solcher Steinzeichnungen illustriert, deren Motive so geschmacklos waren, dass sie in deutschen Publikationen nicht einmal wiedergegeben werden konnten. Diese Blätter wurden als einzelne Postkarten vervielfältigt und von der französischen Presse ausdrücklich als besonders schönes Neujahrsgeschenk für Familien empfohlen. Die Entmenschlichung des Feindes wurde damit nicht nur staatlich organisiert, sondern auch kulturell geadelt und ins private Wohnzimmer getragen. Was hier geschah, war keine spontane Kriegspsychose, sondern eine bewusst geplante und ästhetisch verfeinerte Kampagne zur Vorbereitung und Rechtfertigung von Maßnahmen, die man andernfalls als Verbrechen hätte bezeichnen müssen.

Die Fortsetzung der Kriegslüge im Zustand des Friedens

Was im Ersten Weltkrieg als vorübergehende Notmaßnahme begann, erwies sich als äußerst langlebiges Modell. Die gleichen Techniken der systematischen Verzerrung, der selektiven Bildmanipulation und der moralischen Stigmatisierung des Gegners wurden nach 1918 nicht abgeschafft, sondern professionalisiert und auf neue Felder übertragen. Die Lüge verließ die Kriegszeit nicht; sie wanderte in die Monopolmedien des Friedens, in Rundfunk und Fernsehen, und von dort aus in die historisch-politische Literatur. Was früher als Kriegshetze gegolten hätte, wurde nun als seriöse Geschichtsschreibung, als aufklärerische Dokumentation oder als notwendige Erinnerungskultur präsentiert. Die staatliche Macht, die einst die Verbreitung der Lügen koordinierte, sorgt heute dafür, dass abweichende Darstellungen nicht nur marginalisiert, sondern mit den Mitteln des Rechts und der Institutionen unterbunden werden. Die Dogmatisierung ist vollständig: Was einmal als propagandistische Notlüge erfunden wurde, gilt inzwischen als unantastbare historische Wahrheit, deren Infragestellung nicht mehr als wissenschaftliche Debatte, sondern als moralisches Vergehen behandelt wird.

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Die bürokratische Verwaltung der historischen Wahrheit

In der Gegenwart hat sich die alte Technik der Kriegspropaganda in eine dauerhafte Verwaltungsform der Wirklichkeit verwandelt. Die Monopolstellung weniger Medienkonzerne und die enge Verflechtung von Politik, Wissenschaft und Bildungsinstitutionen sorgen dafür, dass bestimmte Narrative nicht nur vorherrschen, sondern als einzig zulässige Version der Vergangenheit und Gegenwart festgeschrieben werden. Abweichende Stimmen werden nicht mehr mit Gegendarstellungen konfrontiert, sondern mit dem Verweis auf die angebliche moralische Unzulässigkeit ihrer Fragestellung zum Schweigen gebracht. Die gleiche Logik, die einst erlaubte, den Feind als Orang-Utang darzustellen, um eigene Verbrechen zu rechtfertigen, wirkt heute in der Weise fort, dass ganze Kapitel der Geschichte unter den Schutz der Staatsräson gestellt werden. Wer nach den Entstehungsbedingungen bestimmter Narrative fragt, wer nach den Interessen fragt, die bei ihrer Durchsetzung im Spiel waren, stößt auf dieselbe Mauer aus Empörung und institutioneller Abwehr, die einst die Kritik an den gefälschten Greuelmeldungen des Ersten Weltkriegs zum Verstummen brachte. Die Lüge hat sich institutionalisiert und trägt nun die Robe der Wissenschaft und der staatlichen Autorität.

Die ironische Vollendung eines alten Prinzips

Was der anonyme französische Beobachter bereits 1925 als düstere Prophezeiung formulierte, hat sich auf eine Weise bewahrheitet, die selbst die Zyniker seiner Zeit überrascht hätte. Die systematische Lüge, einst als Notwehr im Krieg gerechtfertigt, ist zur Normalform der öffentlichen Auseinandersetzung geworden. Sie wird nicht mehr nur im Ausnahmezustand des Krieges, sondern als Dauerbetrieb der Friedensgesellschaft eingesetzt. Die modernen Mittel der Verbreitung – von den elektronischen Monopolmedien bis hin zu den Lehrplänen der Schulen und Universitäten – haben die Reichweite der alten Postkartenpropaganda um ein Vielfaches übertroffen. Gleichzeitig ist die Fähigkeit zur Gegenwehr weiter gesunken, weil jeder Zweifel sofort als Angriff auf die Grundwerte der Gesellschaft selbst denunziert werden kann. Die ehemaligen Kriegshetzer haben damit nicht nur gesiegt, sondern ihr Modell der Wirklichkeitsgestaltung auf Dauer gestellt. Die Orang-Utangs von einst sind verschwunden, doch die Technik, mit der man sie erschaffen hat, regiert weiterhin unangefochten – nun nicht mehr als Kriegsmittel, sondern als Fundament einer dauerhaft verwalteten historischen und politischen Wahrheit.

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