Die vergessenen Monarchisten

Es gehört zu den bemerkenswerten Eigenheiten der europäischen Erinnerungskultur, dass manche Menschen allein deshalb aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden, weil sie nicht in die ideologischen Schubladen späterer Generationen passen. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus wird heute bevorzugt als republikanisch, sozialistisch, kommunistisch, christlich oder militärisch erzählt. Daran ist nichts falsch. Falsch wird es dort, wo eine historische Wirklichkeit verschwiegen wird, weil sie nicht in das politische Sortiment der Gegenwart passt. Denn ein erheblicher Teil des österreichischen Widerstands gegen Adolf Hitler war legitimistisch, habsburgtreu und monarchistisch geprägt. Es waren Menschen, die weder von einer sozialistischen Zukunft träumten noch von einer nationalen Revolution oder einem demokratischen Neuanfang. Sie wollten etwas retten, das ihrer Ansicht nach bereits existiert hatte: Österreich. Nicht als Verwaltungsbezirk eines großdeutschen Reiches, sondern als eigenständige historische Nation, verkörpert durch die Habsburger.

Die moderne Geschichtsschreibung begegnet solchen Gestalten häufig mit einer gewissen Verlegenheit. Monarchisten wirken in einer Zeit permanenter Gegenwartsvergötterung ungefähr so zeitgemäß wie ein Degen im Laserschwertladen. Das führt zu einem eigentümlichen Paradox. Während jeder noch so kleine Widerstandskreis aus den unterschiedlichsten politischen Lagern ausführlich gewürdigt wird, verschwinden jene Männer und Frauen, die tatsächlich für die Wiederherstellung Österreichs kämpften, oftmals in Fußnoten. Offenbar gilt die Regel, dass Widerstand zwar bewundert werden darf, solange er keine Krone trägt.

Der Kronprinz gegen den Messias des Massenwahns

Otto von Habsburg war kein romantischer Operettenheld, der durch die Alpen ritt und melancholisch auf die verlorene Monarchie zurückblickte. Als Adolf Hitler seinen politischen Aufstieg begann, erkannte der junge Kronprinz bemerkenswert früh die Gefahr. Während viele europäische Politiker noch glaubten, man könne mit dem Nationalsozialismus verhandeln, ihn einhegen oder zivilisieren, sah Otto in ihm eine fundamentale Bedrohung für Österreich und Europa. Er bezeichnete den Nationalsozialismus als „unösterreichische Bewegung“ und erkannte in ihm einen Angriff auf die kulturelle und politische Eigenständigkeit seines Heimatlandes.

Gerade dieser Begriff wirkt heute bemerkenswert aktuell. Denn Hitler präsentierte sich zwar als Österreicher, doch sein politisches Projekt zielte auf die Vernichtung Österreichs als eigenständiger historischer Realität. Die Nationalsozialisten wollten Österreich nicht führen, sondern abschaffen. Sie wollten keine Zusammenarbeit, sondern Verschmelzung. Keine Partnerschaft, sondern Unterwerfung. Keine Geschichte, sondern Gleichschaltung. In einer Zeit, in der viele Zeitgenossen dem politischen Massenrausch verfielen, zeigte Otto von Habsburg jene seltene Eigenschaft, die in Revolutionen stets Mangelware ist: geistige Nüchternheit.

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Als sich die Krise des Jahres 1938 zuspitzte, drängte er Bundeskanzler Kurt Schuschnigg zu entschlossenem Widerstand. Er bot sogar an, selbst die Regierungsverantwortung zu übernehmen, um dem drohenden deutschen Einmarsch entgegenzutreten. Die Erfolgsaussichten eines solchen Vorhabens bleiben Gegenstand historischer Debatten. Entscheidend ist jedoch etwas anderes: Während zahllose Politiker Europas nach Auswegen suchten, suchte Otto nach Widerstand. Während andere über Anpassung nachdachten, dachte er über Verteidigung nach. Das unterschied ihn von vielen Zeitgenossen.

Die Monarchisten, die nicht ins Drehbuch passten

Die Nachkriegserzählung liebt einfache Heldenbilder. Der legitimistische Widerstand eignet sich dafür nur bedingt. Seine Mitglieder waren konservativ, katholisch, monarchistisch und oftmals zutiefst patriotisch. Damit verletzten sie beinahe jedes politische Modegesetz späterer Jahrzehnte. Dennoch gehörten sie zu den aktivsten Gegnern des Regimes.

Legitimistische Netzwerke sammelten Informationen über die deutsche Kriegswirtschaft, über Rüstungsbetriebe, Raketenproduktion und militärische Infrastruktur. Sie lieferten den Alliierten Daten, die für die Zielplanung strategischer Luftangriffe von Bedeutung waren. Gerade weil diese Informationen präziser wurden, konnten Angriffe stärker auf militärische Ziele konzentriert werden. Das bedeutete nicht das Ende ziviler Opfer – Krieg bleibt Krieg –, doch es verringerte vielfach die Gefahr wahlloser Zerstörung.

Noch wichtiger war das Engagement für Verfolgte. Zahlreiche Monarchisten versteckten jüdische Familien, organisierten Fluchtwege, verwalteten Vermögen oder stellten Kontakte bereit. Hier zeigt sich eine historische Ironie von beinahe literarischer Qualität. Ausgerechnet jene politischen Kreise, die später oft als Relikte einer vergangenen Welt belächelt wurden, retteten Menschenleben unter Einsatz des eigenen Lebens. Die angeblich rückwärtsgewandten Monarchisten handelten in diesem Augenblick oft fortschrittlicher als viele selbsternannte Fortschrittsfreunde ihrer Zeit.

Der Exilant, der Österreich retten wollte

Nach dem Anschluss musste Otto von Habsburg ins Ausland fliehen. Schließlich gelangte er in die Vereinigten Staaten. Dort begann ein politischer Kampf, der weniger spektakulär wirkte als militärische Operationen, aber langfristig von enormer Bedeutung war. Es ging um die Frage, ob Österreich nach dem Krieg überhaupt wieder entstehen würde.

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Heute erscheint die Existenz Österreichs selbstverständlich. Doch während des Krieges war dies keineswegs ausgemacht. Zahlreiche Stimmen betrachteten Österreich als dauerhaft im Deutschen Reich aufgegangen. Otto von Habsburg setzte sich mit großer Beharrlichkeit dafür ein, Österreich als erstes Opfer nationalsozialistischer Aggression darzustellen und die Wiederherstellung eines unabhängigen Staates auf die alliierte Agenda zu setzen.

Hier begegnet man einem bemerkenswerten Gegensatz. Der staatenlose Kronprinz kämpfte für die Wiedererrichtung eines Landes, das ihn selbst offiziell ausgeschlossen hatte. Die Republik hatte die Habsburger verbannt. Dennoch arbeitete der prominenteste Habsburger unermüdlich für die Wiederherstellung eben dieser Republik. Die Geschichte besitzt bisweilen einen Sinn für Ironie, den kein Satiriker übertreffen kann.

Die Angst Stalins vor den Toten der Geschichte

Als der Krieg endete, kehrte Otto von Habsburg nach Innsbruck zurück und wurde vielerorts enthusiastisch empfangen. Die Erinnerung an die Monarchie war keineswegs verschwunden. Österreich war verwüstet, traumatisiert und politisch orientierungslos. In dieser Situation erschien manchen Zeitgenossen die Wiedererrichtung einer habsburgischen Monarchie als denkbare Alternative.

Aus heutiger Perspektive wirkt diese Möglichkeit beinahe unglaublich. Die politische Klasse des 21. Jahrhunderts betrachtet Monarchien häufig wie historische Möbelstücke: interessant für Touristen, aber ungeeignet für den Gebrauch. Doch unmittelbar nach dem Krieg war die Frage durchaus offen. Österreich hatte seine Identität verloren und suchte nach einem Fundament. Die Habsburger standen für eine übernationale Tradition, für historische Kontinuität und für eine politische Ordnung, die älter war als die Katastrophen des 20. Jahrhunderts.

Genau darin lag das Problem für Joseph Stalin. Der sowjetische Diktator fürchtete nicht die militärische Macht eines restaurierten Habsburgerstaates. Er fürchtete dessen Symbolkraft. Eine Rückkehr der Dynastie hätte Signale nach Ungarn, in die Tschechoslowakei, nach Kroatien und in andere Teile des ehemaligen Donauraums senden können. Die Habsburger waren geschlagen, enteignet und vertrieben worden – aber sie waren nicht vergessen. Und für totalitäre Systeme gibt es kaum etwas Gefährlicheres als Erinnerungen, die sich der staatlichen Kontrolle entziehen.

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So verhinderte die geopolitische Wirklichkeit des Kalten Krieges letztlich jede ernsthafte Restauration. Österreich wurde Republik bleiben. Die Krone blieb Geschichte.

Die Sieger der Erinnerung

Die eigentliche Niederlage der legitimistischen Widerstandsbewegung erfolgte jedoch nicht 1945, sondern in den Jahrzehnten danach. Sie verlor den Kampf um die Erinnerung. Nicht weil ihre Mitglieder versagt hätten, sondern weil sie nicht mehr zum ideologischen Geschmack späterer Generationen passten.

Moderne Gesellschaften lieben die Illusion, Geschichte sei ein stetiger Fortschrittsmarsch. Monarchisten stören diese Erzählung. Sie erinnern daran, dass Menschen auch aus konservativen Motiven gegen Tyrannei kämpfen können. Dass Loyalität zu Traditionen nicht zwangsläufig in Autoritarismus mündet. Dass Patriotismus und Humanität einander nicht ausschließen müssen. Dass der Widerstand gegen Hitler kein Monopol irgendeiner politischen Richtung war.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung Otto von Habsburgs und des legitimistischen Widerstands. Sie zeigen, dass die Frontlinien der Geschichte komplizierter verlaufen als die moralisch sauber sortierten Regale späterer Erinnerungspolitik. Zwischen Demokratie und Diktatur, Freiheit und Terror, Menschlichkeit und Barbarei verliefen die entscheidenden Grenzen. Nicht zwischen Monarchie und Republik.

Der österreichische legitimistische Widerstand erinnert daran, dass Geschichte kein Schulbuch ist, in dem die Guten stets die richtigen Parteibücher besitzen. Manchmal tragen die Gegner der Tyrannei eine Krone im Wappen, einen Rosenkranz in der Tasche und eine Vorstellung von Europa im Kopf, die älter ist als die meisten politischen Bewegungen der Gegenwart. Gerade deshalb verdienen sie einen Platz im Gedächtnis. Nicht als nostalgische Randfigur einer versunkenen Welt, sondern als Teil jener Minderheit, die früh erkannte, wohin der nationalsozialistische Wahnsinn führen würde, und die den Mut besaß, sich ihm entgegenzustellen, als dies noch lebensgefährlich war und keineswegs den Beifall der Nachwelt versprach.