Die große Klimaprozession

Es gibt politische Rituale, die inzwischen eine bemerkenswerte Unabhängigkeit von ihren tatsächlichen Ergebnissen entwickelt haben. Sie gleichen mittelalterlichen Wallfahrten, bei denen die Pilger zwar niemals das Gelobte Land erreichen, aber jedes Jahr erneut aufbrechen, um die Reise selbst als Erfolg zu feiern. Zu diesen Ritualen gehört zweifellos die internationale Klimadiplomatie. Während in Bonn die Delegationen zur nächsten Runde der Verhandlungen über Emissionssenkungen, Klimafinanzierung, Anpassungsmaßnahmen und Schadensausgleich zusammentreffen, beginnt erneut jenes Schauspiel, das seit Jahrzehnten die politische Weltbühne beschäftigt: die Suche nach einer Einigung zwischen Staaten, deren Interessen so unterschiedlich sind wie die Temperaturen zwischen Grönland und der Sahara.

Im deutschen Bonn, einst beschauliche Bundeshauptstadt und heute Sitz des Klimasekretariats der Vereinten Nationen, versammeln sich wieder jene Heerscharen von Diplomaten, Experten, Beratern, Aktivisten, Lobbyisten, Delegierten und Kommunikationsstrategen, die inzwischen eine eigene globale Wanderbewegung bilden. Die internationale Klimapolitik hat längst eine Infrastruktur hervorgebracht, die an Größe, Komplexität und Beharrlichkeit beeindruckender erscheint als viele der Maßnahmen, die sie eigentlich hervorbringen soll. Flughäfen, Hotels, Konferenzzentren, Shuttlebusse, Empfänge, Pressezentren, Arbeitsgruppen, Unterarbeitsgruppen und Meta-Arbeitsgruppen arbeiten mit bewundernswerter Effizienz daran, die Voraussetzungen für die Diskussion über Maßnahmen zu schaffen, deren Umsetzung anschließend meist erheblich weniger effizient verläuft.

Die Hohe Liturgie der Klimakonferenzen

Der jährliche Klimagipfel hat sich dabei zu einer Art säkularer Hochmesse entwickelt. Früher pilgerte man nach Rom, Santiago de Compostela oder Jerusalem. Heute reist man nach Dubai, Baku, Scharm El-Scheich, Glasgow oder Antalya. Die Orte wechseln, die Liturgie bleibt gleich. Zu Beginn erfolgt die feierliche Eröffnung. Es folgen Mahnungen zur Dringlichkeit. Danach werden historische Chancen beschworen. Anschließend wird vor den katastrophalen Folgen des Nichthandelns gewarnt. Schließlich verkündet man kurz vor Mitternacht irgendeinen Kompromiss, den alle Beteiligten gleichzeitig als Durchbruch und als unzureichend bezeichnen können.

Der UNO-Klimachef Simon Stiell fordert erwartungsgemäß „maximale Fortschritte“. Das ist eine jener Formulierungen, deren größte Stärke in ihrer völligen Unbestimmtheit liegt. Maximale Fortschritte sind stets willkommen, kosten nichts und lassen sich jederzeit verlangen. Niemand würde ernsthaft „begrenzte Rückschritte“ oder „mäßige Verschlechterungen“ fordern. Die politische Sprache hat hier einen Zustand vollkommener Reinheit erreicht. Sie produziert Sätze, die gleichzeitig bedeutungsvoll klingen und keinerlei Widerspruch zulassen.

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Ähnlich verhält es sich mit den Appellen der Umweltverbände. Entschlossenes Handeln wird gefordert, ambitionierte Ziele werden verlangt, fossile Energien sollen zügig verlassen werden. Das Vokabular ist seit Jahren bekannt, nahezu kanonisiert und besitzt mittlerweile die Wiedererkennbarkeit klassischer Gebete. Wie in jeder Liturgie zählt nicht allein die Aussage, sondern auch ihre regelmäßige Wiederholung. Die politische Gemeinde soll daran erinnert werden, woran sie glaubt.

Die Mathematik der guten Absichten

Das eigentliche Drama beginnt jedoch dort, wo moralische Gewissheiten auf physikalische, wirtschaftliche und geopolitische Realitäten treffen. In den Verhandlungsräumen begegnen sich Staaten, deren Interessen kaum unterschiedlicher sein könnten. Öl exportierende Länder sollen weniger Öl exportieren. Kohle produzierende Staaten sollen weniger Kohle fördern. Industrieländer sollen ihre Wirtschaft dekarbonisieren. Entwicklungsländer sollen zugleich wachsen, Wohlstand schaffen und möglichst dieselben Fehler vermeiden, die den heutigen Industriestaaten ihren Wohlstand ermöglicht haben.

Hier beginnt jene faszinierende Form politischer Mathematik, in der jede Seite erwartet, dass die andere zuerst rechnet. Die Industrieländer verlangen Emissionsminderungen. Die Entwicklungsländer verlangen Geld. Die Inselstaaten verlangen Schutz. Die Schwellenländer verlangen Sonderregelungen. Die Rohstoffexporteure verlangen Übergangsfristen. Am Ende verlangt jeder etwas von jedem, während gleichzeitig versichert wird, dass die globale Solidarität niemals größer gewesen sei.

Es ist ein bemerkenswertes System. Die Menschheit hat noch nie eine so umfassende Sprache der gemeinsamen Verantwortung entwickelt und gleichzeitig so viele nationale Interessen verteidigt. Jede Delegation erscheint mit dem festen Vorsatz, die Welt zu retten – allerdings vorzugsweise auf Kosten anderer Staaten, anderer Steuerzahler oder anderer Legislaturperioden.

Die Klimafinanzierung als globale Wunderquelle

Besonders faszinierend ist die Debatte über die Klimafinanzierung. Geld besitzt in der internationalen Klimapolitik mittlerweile Eigenschaften, die einst nur religiösen Wundern zugeschrieben wurden. Es soll gleichzeitig Armut bekämpfen, Emissionen senken, Küsten schützen, Infrastruktur modernisieren, soziale Gerechtigkeit herstellen und historische Verantwortung ausgleichen.

Dabei entsteht bisweilen der Eindruck, als verfüge die Weltgemeinschaft über einen gigantischen Geldtopf, der lediglich noch nicht entdeckt worden sei. Die Diskussion ähnelt der Suche nach einem sagenhaften Schatz, von dessen Existenz alle überzeugt sind, dessen genauer Standort jedoch unbekannt bleibt. Sobald neue Summen genannt werden, erscheinen sie zunächst gewaltig. Wenige Monate später gelten dieselben Beträge als völlig unzureichend. Milliarden werden zu Milliarden, Hundertmilliarden zu Mindestforderungen, und irgendwann bewegen sich die Zahlen in Dimensionen, die selbst erfahrene Finanzminister nur noch mit respektvoller Verwirrung betrachten.

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Die politische Debatte hat dabei eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt, Geld als moralische Maßeinheit zu behandeln. Je größer die geforderte Summe, desto größer scheint die Tugendhaftigkeit der Forderung. Dass Ressourcen begrenzt sind, Staatshaushalte unter Druck stehen und Volkswirtschaften nicht ausschließlich aus Klimafonds bestehen, wird gelegentlich als störendes Detail wahrgenommen.

Der Ausstieg aus den fossilen Energien

Über allem schwebt die Forderung nach dem Ausstieg aus fossilen Energien. Sie bildet das große Leitmotiv der internationalen Klimapolitik. Der Gedanke besitzt eine elegante Einfachheit. Die Emissionen stammen aus fossilen Energieträgern, also müssen fossile Energieträger verschwinden. Das Problem beginnt dort, wo sich herausstellt, dass moderne Zivilisationen in erheblichem Umfang auf eben jenen Energieträgern beruhen.

Die Weltwirtschaft gleicht einem gigantischen Organismus, dessen Adern über Jahrzehnte mit Kohle, Öl und Gas gefüllt wurden. Der Wunsch nach einer Umstellung ist nachvollziehbar. Die Geschwindigkeit, mit der sie erfolgen soll, wird dagegen zum Gegenstand heftiger Kontroversen. Während Aktivisten oft den Eindruck vermitteln, jede weitere Tonne CO₂ sei ein unmittelbarer Schritt in die Apokalypse, betrachten viele Regierungen die Angelegenheit weniger metaphysisch und deutlich pragmatischer. Für sie geht es um Arbeitsplätze, Energiepreise, Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und soziale Stabilität.

Die politische Rhetorik liebt einfache Lösungen. Die technische Wirklichkeit bevorzugt komplizierte Antworten. Zwischen beiden entsteht jenes Spannungsfeld, in dem sich die Klimapolitik seit Jahren bewegt. Die Debatte erinnert manchmal an einen Architekten, der ein Haus renovieren möchte, während die Bewohner gleichzeitig darin schlafen, arbeiten, kochen und ihre Rechnungen bezahlen müssen.

Die Republik der Konferenzräume

Vielleicht liegt die größte Ironie der internationalen Klimadiplomatie darin, dass sie unablässig die Dringlichkeit beschwört und gleichzeitig nach den Regeln einer Institution arbeitet, die Zeit in geologischen Dimensionen wahrzunehmen scheint. Jede Konferenz bereitet die nächste Konferenz vor. Jede Erklärung verweist auf kommende Verhandlungen. Jede Roadmap führt zu einer weiteren Roadmap. Das politische System hat eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt, Bewegung zu simulieren, ohne notwendigerweise Geschwindigkeit zu erzeugen.

TIP:  YEAHH KAPITALISMUS!

Dennoch wäre es zu einfach, das gesamte Unterfangen als bloße Farce abzutun. Die Klimakonferenzen sind zugleich ernsthaft und absurd, notwendig und frustrierend, ambitioniert und ernüchternd. Sie spiegeln die Menschheit selbst wider: voller guter Absichten, voller Widersprüche, voller Hoffnungen und voller Eigeninteressen.

So beginnt in Bonn erneut die große Klimaprozession. Delegationen werden verhandeln, Aktivisten werden mahnen, Funktionäre werden appellieren, Experten werden Modelle präsentieren und Journalisten werden über historische Momente berichten. Die Teilnehmer werden erklären, dass die Zeit drängt. Sie werden versichern, dass entscheidende Fortschritte möglich sind. Sie werden betonen, dass die Welt an einem Wendepunkt steht.

Und irgendwann wird die Karawane weiterziehen, von Bonn nach Antalya und von Antalya zu den nächsten Gipfeln, den nächsten Deklarationen, den nächsten Dringlichkeitsappellen. Die Atmosphäre wird dabei geduldig bleiben. Sie hat schließlich schon ganz andere Epochen erlebt als die Republik der Konferenzräume.