und die PR der Betroffenheit
Es gibt Zahlen, die wie Grabsteine wirken. Nicht weil sie besonders groß wären, sondern weil sie in ihrer scheinbaren Nüchternheit das ganze Elend einer Epoche offenbaren. Plus 2,5 Millionen Menschen in Somalia, die tiefer in den Hunger abrutschen. Plus 2,3 Millionen in Afghanistan. Plus 1,3 Millionen in Sri Lanka. Zahlen wie diese erscheinen regelmäßig in Berichten internationaler Organisationen, werden von Nachrichtensprechern mit professioneller Ernsthaftigkeit vorgetragen und verschwinden anschließend wieder in jenem gewaltigen Datenfriedhof, auf dem die Katastrophen der Gegenwart auf ihre Ablösung durch die Katastrophen von morgen warten. Doch hinter jeder dieser Zahlen steht eine Geschichte. Und hinter allen zusammen steht die Geschichte einer Weltordnung, die sich gerne als humanitär versteht, während sie zugleich eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt hat, das Leid anderer Menschen in moralisches Kapital umzuwandeln.
Die Rechnung der Geopolitik
Der neue Bericht über die Auswirkungen der Krise im Nahen Osten beschreibt ein bekanntes Muster. Konflikte treiben Energiepreise in die Höhe, Lieferketten geraten unter Druck, Nahrungsmittel verteuern sich, internationale Hilfsprogramme verlieren Kaufkraft, fragile Staaten werden noch fragiler, und am Ende hungern Menschen, die mit den eigentlichen Konfliktparteien oft nicht das Geringste zu tun haben. Der Bauer in Somalia hat weder Einfluss auf diplomatische Verhandlungen noch auf Raketenstarts. Die Familie in Afghanistan besitzt keine Aktien an Ölkonzernen und keine Sitze in Sicherheitsräten. Die Arbeiterin in Sri Lanka hat keine Gelegenheit, bei geopolitischen Gipfeltreffen das Wort zu ergreifen. Dennoch bezahlen genau diese Menschen die Rechnung. Es ist eine der bemerkenswertesten Eigenschaften der Globalisierung, dass ihre Gewinne konzentriert und ihre Verluste global verteilt werden.
Die Industrie der Betroffenheit
Noch bemerkenswerter ist allerdings die Art, wie über solche Entwicklungen gesprochen wird. Die moderne Kommunikationsgesellschaft hat eine eigene Industrie der Betroffenheit hervorgebracht. Sie produziert Pressemitteilungen, Kampagnenvideos, Hashtags, Aktionswochen, Solidaritätsaufrufe und emotionale Bildwelten in einem Umfang, der frühere Generationen vor Neid hätte erblassen lassen. Kaum erscheint ein neuer Bericht, beginnt die Choreographie der moralischen Selbstdarstellung. Organisationen veröffentlichen dramatische Grafiken. Aktivisten verfassen Appelle. Kommunikationsabteilungen formulieren Sätze, die zugleich alarmierend und spendentauglich klingen müssen. Die eigentliche Tragödie besteht dabei nicht darin, dass auf Missstände hingewiesen wird. Das wäre notwendig und richtig. Die Tragödie besteht vielmehr darin, dass zwischen dem realen Hunger und seiner öffentlichen Darstellung inzwischen eine ganze Industrie entstanden ist, deren Eigeninteressen oft genauso stark wachsen wie die Probleme, die sie angeblich lösen möchte.
Wenn Narrative die Analyse ersetzen
Der französische Schriftsteller und Politiker André Malraux bemerkte einst, dass eine Gesellschaft nicht an ihren Problemen zugrunde gehe, sondern an ihrer Unfähigkeit, sie richtig zu benennen. Genau hier liegt die eigentümliche Schwäche eines großen Teils des heutigen Aktivismus. Statt Ursachen zu analysieren, werden Narrative produziert. Statt Strukturen zu untersuchen, werden Emotionen kuratiert. Statt komplexe Zusammenhänge zu erklären, wird eine möglichst einfache Geschichte gesucht, die sich gut verbreiten lässt. Das Ergebnis ist eine Form moralischer Öffentlichkeitsarbeit, die sich häufig stärker für Aufmerksamkeit interessiert als für Erkenntnis. Hunger wird zur Kampagne. Armut wird zur Kommunikationsstrategie. Elend wird zum Rohstoff einer Industrie, die sich selbst als Gewissen der Menschheit versteht.
Die Sprache der Verantwortungsverdunstung
George Orwell hätte an diesem Schauspiel vermutlich seine helle Freude gehabt. Nicht wegen des Hungers, sondern wegen der sprachlichen Verrenkungen, mit denen über ihn gesprochen wird. Die moderne Krisenkommunikation besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit, Verantwortung zu vernebeln. Wenn Millionen Menschen hungern, ist häufig von „Herausforderungen“, „globalen Entwicklungen“, „komplexen Dynamiken“ oder „systemischen Belastungen“ die Rede. Diese Begriffe haben den großen Vorteil, dass niemand darin vorkommt, der verantwortlich sein könnte. Sie schweben über der Realität wie bürokratische Nebelschwaden. Hunger erscheint dadurch beinahe als Naturereignis, vergleichbar mit einem Monsun oder einem Vulkanausbruch. Dass politische Entscheidungen, Kriege, Korruption, wirtschaftliche Fehlentwicklungen und internationale Machtinteressen meist eine zentrale Rolle spielen, verschwindet hinter einem Wortschleier aus Expertensprache.
Aktivismus als moralische Markenpflege
Besonders faszinierend ist dabei die zunehmende Verschmelzung von Aktivismus und Öffentlichkeitsarbeit. Früher bestand der Zweck von PR darin, Interessen möglichst positiv darzustellen. Heute besteht der Zweck vieler Kampagnen darin, Interessen möglichst moralisch darzustellen. Die Methoden unterscheiden sich kaum. Auch hier werden Zielgruppen analysiert, Botschaften getestet, Emotionen kalkuliert und Aufmerksamkeit optimiert. Der Unterschied liegt lediglich darin, dass früher Zahnpasta, Automobile oder Versicherungen verkauft wurden, während heute moralische Identitäten vermarktet werden. Die Kampagne ersetzt die Analyse, die Haltung ersetzt das Argument und die richtige Gesinnung ersetzt nicht selten die mühsame Arbeit des Verstehens.
Die Ökonomie der Empörung
Der britische Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton schrieb einmal, das eigentliche Problem bestehe nicht darin, dass Menschen aufhören zu glauben, sondern dass sie plötzlich alles glauben. Diese Beobachtung wirkt in der Ära digitaler Empörung erstaunlich aktuell. Jeder Bericht wird sofort Teil eines größeren moralischen Narrativs. Jede Krise dient als Beleg für eine bereits feststehende Weltanschauung. Jeder neue Datensatz wird in ein vorgefertigtes Erklärungsmuster eingeordnet. Die Wirklichkeit erscheint nicht mehr als Gegenstand der Untersuchung, sondern als Material für die Bestätigung bereits vorhandener Überzeugungen.
Hashtags machen nicht satt
Währenddessen bleibt der Hunger bemerkenswert unbeeindruckt von all diesen Kommunikationsleistungen. Kinder werden nicht durch Hashtags satt. Felder werden nicht durch Pressekonferenzen bewässert. Lieferketten stabilisieren sich nicht durch moralische Appelle. Die Kalorienzahl einer Mahlzeit steigt nicht proportional zur Reichweite einer Kampagne. Das klingt trivial, scheint aber in manchen Debatten beinahe vergessen worden zu sein. Die moderne Welt besitzt eine enorme Fähigkeit, über Probleme zu sprechen. Ihre Fähigkeit, sie tatsächlich zu lösen, wirkt dagegen gelegentlich erstaunlich bescheiden.
Die Selbstvermehrung des Krisengeschäfts
Besonders unerquicklich wird die Lage dort, wo die öffentliche Darstellung des Leids allmählich wichtiger wird als seine Verringerung. Dann entsteht jene eigentümliche Dynamik, bei der Katastrophen zugleich beklagt und benötigt werden. Denn jede Krise erzeugt Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit erzeugt Reichweite, Reichweite erzeugt Einfluss, und Einfluss sichert die Existenz jener Organisationen und Akteure, die von der Krise leben, ohne sie verursacht zu haben. Das bedeutet keineswegs, dass Hilfsorganisationen oder Aktivisten absichtlich an Problemen festhalten würden. Es bedeutet lediglich, dass jedes institutionelle System dazu neigt, Bedingungen zu reproduzieren, die seine eigene Bedeutung bestätigen.
Die Unsichtbaren im Zentrum der Aufmerksamkeit
Die eigentliche Ironie besteht darin, dass die Hungernden in Somalia, Afghanistan oder Sri Lanka am Ende oft die kleinste Rolle in den Debatten über ihren eigenen Hunger spielen. Sie erscheinen als Symbole, als Statistiken, als Gesichter auf Plakaten, als Objekte moralischer Kommunikation. Selten jedoch als handelnde Menschen mit eigenen Interessen, eigenen Perspektiven und eigenen Vorstellungen von Entwicklung. Die Öffentlichkeit diskutiert über sie, für sie und in ihrem Namen. Mit ihnen spricht sie vergleichsweise selten.
Das große Theater der Humanität
Der neue Bericht ist daher weit mehr als eine Warnung vor steigenden Hungerzahlen. Er ist ein Spiegel. Er zeigt eine Welt, in der geopolitische Konflikte globale Folgen erzeugen, in der die Schwächsten die höchsten Kosten tragen und in der die öffentliche Debatte zunehmend von einer aktivistischen PR-Kultur geprägt wird, die Aufmerksamkeit oft erfolgreicher produziert als Lösungen. Die Zahlen aus Somalia, Afghanistan und Sri Lanka erzählen deshalb nicht nur von Hunger. Sie erzählen von einer Epoche, die das Mitgefühl professionalisiert, die Betroffenheit industrialisiert und die moralische Kommunikation perfektioniert hat – während die Menschen, um die es eigentlich geht, weiterhin darauf warten, dass aus all den Erklärungen, Kampagnen und Stellungnahmen irgendwann etwas Essbares wird.