Die Beschwerdegesellschaft

und der lange Marsch der Empfindlichkeit

Es gehört zu den eigentümlichen Ironien moderner Demokratien, dass sie ihre größten Gefahren zunehmend nicht mehr in Zensur, Unterdrückung oder staatlicher Willkür erkennen, sondern in der Möglichkeit, dass jemand auf einer Gemeinderatssitzung eine unfreundliche Bemerkung machen könnte. Während frühere Generationen die Meinungsfreiheit gegen Monarchen, Diktatoren und Parteiapparate verteidigen mussten, scheint die Gegenwart entschlossen, sie vor den eigenen Bürgern zu schützen. Nicht vor deren Gewalt, nicht vor deren Macht, sondern vor deren Worten. Das Ergebnis ist eine politische Kultur, die mit großem Pathos von Offenheit spricht, während sie gleichzeitig einen immer umfangreicheren Katalog an sprachlichen Verhaltensregeln errichtet. Die moderne Demokratie gleicht dabei zunehmend einem viktorianischen Salon, in dem alle ständig versichern, jede Meinung sei willkommen, solange sie niemanden irritiert, kränkt, verunsichert, erschüttert, emotional belastet oder in seiner persönlichen Wohlfühlatmosphäre beeinträchtigt.

In diesem Klima erhält die Arbeit der Free Speech Union eine bemerkenswerte Bedeutung. Die Organisation entstand im Jahr 2020 als Reaktion auf eine Entwicklung, die viele lange für unmöglich gehalten hatten: die schrittweise Verwandlung der freien Meinungsäußerung von einem Grundrecht in ein Verwaltungsproblem. Was einst als Kernbestandteil demokratischer Gesellschaften galt, wird zunehmend als Risiko betrachtet, das kontrolliert, überwacht und gegebenenfalls sanktioniert werden muss. Besonders sichtbar wird diese Entwicklung auf der Ebene der Kommunalpolitik, also dort, wo Demokratie eigentlich ihre bodenständigste und unmittelbarste Form besitzen sollte. Gemeinderäte, Bezirksvertretungen und lokale Ausschüsse galten einst als Orte robusten Austauschs. Heute erscheinen sie nicht selten als empfindliche Institutionen, deren Vertreter bereits bei stärkerem Gegenwind den Eindruck erwecken, sie befänden sich unter Beschuss feindlicher Artillerie.

Die von der Free Speech Union dokumentierten Fälle zeichnen ein bemerkenswertes Bild. Hunderte Verfahren betreffen Bürger, die mit gewählten Vertretern oder Verwaltungsmitarbeitern in Konflikt geraten sind. Nicht selten handelt es sich dabei um Meinungsäußerungen, die zweifellos scharf, unangenehm oder polemisch sind, deren Schutz durch die Meinungsfreiheit jedoch außer Frage steht. Dennoch werden solche Äußerungen zunehmend in Kategorien umgedeutet, die einen administrativen Eingriff ermöglichen. Aus Kritik wird Belästigung. Aus Widerspruch wird Desinformation. Aus politischer Polemik wird Hassrede. Der bemerkenswerte Vorgang besteht dabei nicht nur in der Existenz solcher Vorwürfe, sondern in ihrer inflationären Verwendung. Wo jede scharfe Formulierung als potenzieller Angriff gilt, verliert der Begriff des Angriffs seinen Sinn. Wo jede Unhöflichkeit als Übergriff erscheint, wird echte Einschüchterung unsichtbar.

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Die Bürokratie der gekränkten Gefühle

Die moderne Verwaltung besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Vermehrung. Wo früher ein Konflikt existierte, entstehen heute Verfahren. Wo einst gestritten wurde, werden Formulare ausgefüllt. Wo Meinungen aufeinanderprallten, treten Compliance-Beauftragte auf den Plan. Die Beschwerde wird dabei zum zentralen politischen Instrument. Sie ersetzt die Debatte nicht vollständig, aber sie umgeht sie geschickt. Wer argumentativ unterliegt, kann administrativ siegen. Wer einen politischen Gegner nicht widerlegen kann, versucht gelegentlich, ihn in ein Verfahren zu verwickeln. Die Beschwerde wird damit zu einer Art bürokratischem Nebelwerfer, der nicht unbedingt der Wahrheitsfindung dient, wohl aber der Einschüchterung.

Der französische Schriftsteller Alexis de Tocqueville warnte bereits im 19. Jahrhundert vor einer neuen Form des sanften Despotismus. Nicht der Henker bedrohe die Freiheit, sondern eine allgegenwärtige Verwaltung, die den Bürger behutsam leite, beaufsichtige und korrigiere. Tocquevilles Vision wirkt heute erstaunlich modern. Der zeitgenössische Bürger wird selten verhaftet. Er wird vielmehr belehrt, geschult, verwarnt, sensibilisiert und dokumentiert. Er lebt nicht unter einem Polizeistaat, sondern unter einer Kultur permanenter Verhaltensbeobachtung. Die Folge ist nicht unbedingt Schweigen, sondern Selbstzensur. Die Menschen lernen, welche Meinungen riskant sind, welche Formulierungen Aufmerksamkeit erzeugen und welche Themen besser gemieden werden. Freiheit verschwindet dann nicht durch Verbote. Sie verdunstet durch Vorsicht.

Wenn die Polizei an der Tür klingelt

Besonders symbolträchtig wirken jene Fälle, in denen staatliche Institutionen in politische Meinungsäußerungen hineingezogen werden. Wenn Polizeibeamte bei einer Großmutter erscheinen, weil sie den Rücktritt lokaler Politiker gefordert hat, entsteht ein Bild, das selbst Satirikern übertrieben erschienen wäre. Die Szene besitzt etwas Kafkaeskes. Da steht keine Revolutionärin mit Molotowcocktails vor der Tür, sondern eine Rentnerin mit einer Meinung. Dennoch erscheint die Staatsmacht. Vielleicht höflich, vielleicht korrekt, vielleicht ohne jede böse Absicht. Doch die symbolische Botschaft bleibt dieselbe: Die Grenze zwischen Kritik und Problemfall wird unscharf.

George Orwell bemerkte einst, dass Freiheit bedeute, den Menschen sagen zu dürfen, was sie nicht hören wollen. Gerade dieser Satz wirkt heute erstaunlich aktuell. Denn das eigentliche Problem moderner Demokratien besteht selten darin, dass sie Zustimmung unterdrücken. Zustimmung wird gefeiert. Gelobt wird die Vielfalt der Perspektiven – solange die Perspektiven ausreichend kompatibel sind. Die wahre Belastungsprobe beginnt dort, wo Bürger Dinge sagen, die als störend, lästig oder unbequem empfunden werden. Dort zeigt sich, ob Meinungsfreiheit als Recht verstanden wird oder lediglich als Privileg für gesellschaftlich akzeptierte Ansichten.

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Die Erfindung der Belästigung als Universalwaffe

Besonders faszinierend ist die Karriere des Begriffs „Belästigung“. Ursprünglich bezeichnete er Verhaltensweisen, die Menschen tatsächlich einschüchtern, verfolgen oder bedrängen. Inzwischen scheint er gelegentlich jede Form unerwünschter Kommunikation zu umfassen. Der Bürger kritisiert einen Gemeinderat? Belästigung. Der Anwohner widerspricht einer Verkehrsmaßnahme? Belästigung. Der Steuerzahler stellt unbequeme Fragen? Potenziell ebenfalls Belästigung.

Die inflationäre Ausweitung solcher Begriffe ähnelt der Geldpolitik eines bankrotten Staates. Je mehr Banknoten gedruckt werden, desto weniger wertvoll wird jede einzelne. Je mehr Handlungen als Belästigung definiert werden, desto bedeutungsloser wird der Begriff. Am Ende entsteht eine paradoxe Situation: Ausgerechnet jene Instrumente, die echte Opfer schützen sollen, verlieren an Glaubwürdigkeit, weil sie für alltägliche politische Konflikte eingesetzt werden.

Der Schriftsteller H. L. Mencken beschrieb einst den Puritanismus als die nagende Angst, irgendwo könne jemand glücklich sein. Die moderne Variante scheint die Sorge zu sein, irgendwo könne jemand widersprochen werden. Widerspruch wird dabei zunehmend als gesellschaftliches Risiko behandelt, obwohl er in Wahrheit der Sauerstoff demokratischer Systeme ist. Eine Politik ohne Widerspruch ähnelt einem Krankenhaus ohne Krankheiten: theoretisch angenehm, praktisch jedoch ein Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt.

Die Republik der dünnhäutigen Titanen

Bemerkenswert bleibt die zunehmende Empfindlichkeit vieler öffentlicher Akteure. Nie zuvor verfügten Politiker, Verwaltungen und Institutionen über derart mächtige Kommunikationsmittel. Sie besitzen Pressestellen, Social-Media-Abteilungen, juristische Berater und professionelle Öffentlichkeitsarbeit. Gleichzeitig entsteht oft der Eindruck, als seien sie von der verletzlichen Konstitution eines viktorianischen Porzellanhundes. Ein kritischer Facebook-Kommentar wird behandelt wie ein Angriff auf die verfassungsmäßige Ordnung. Eine energische Wortmeldung auf einer Bürgerversammlung erhält den Charakter einer existenziellen Bedrohung.

Hier offenbart sich ein grundlegender Widerspruch der Gegenwart. Politische Institutionen verlangen von Bürgern Resilienz gegenüber steigenden Preisen, gesellschaftlichen Umbrüchen, technologischen Revolutionen und geopolitischen Krisen. Dieselben Institutionen reagieren jedoch mitunter erstaunlich empfindlich auf scharfe Kritik. Der Bürger soll robust sein. Der Funktionär möchte geschützt werden. Diese Asymmetrie erzeugt jenes Gefühl, das viele Menschen intuitiv wahrnehmen, auch wenn sie es selten präzise formulieren können.

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Die Freiheit als lästiger Störenfried

Meinungsfreiheit war niemals bequem. Sie wurde nicht geschaffen, um angenehme Gespräche zu ermöglichen. Für angenehme Gespräche benötigt niemand ein Grundrecht. Meinungsfreiheit existiert für die unangenehmen Fälle. Für die störenden Stimmen. Für die exzentrischen Ansichten. Für die nervigen Bürger. Für jene Menschen, die auf Gemeinderatssitzungen aufstehen und Dinge sagen, die alle anderen lieber nicht hören würden.

Gerade deshalb ist die Versuchung groß, dieses Recht durch administrative Verfahren einzuschränken. Nicht offen, nicht brutal, nicht spektakulär. Sondern schrittweise, höflich und mit den besten Absichten. Die Geschichte der Freiheit zeigt allerdings eine unbequeme Wahrheit: Die meisten Einschränkungen beginnen nicht mit der Erklärung, Freiheit sei schlecht. Sie beginnen mit dem Hinweis, Freiheit müsse verantwortungsvoll ausgeübt werden. Kurz darauf wird festgelegt, wer Verantwortung definiert. Wenig später wird bestimmt, welche Meinungen verantwortungslos sind. Am Ende bleibt die Freiheit zwar offiziell bestehen, bewegt sich jedoch in einem so engen Korridor, dass sie kaum noch von Zustimmung zu unterscheiden ist.

Die Debatte, die Lord Young im Oberhaus angesprochen hat, reicht daher weit über lokale Kommunalpolitik hinaus. Sie betrifft die grundlegende Frage, ob demokratische Gesellschaften den Bürger noch als mündigen Teilnehmer betrachten oder zunehmend als potenziellen Störfaktor. Zwischen diesen beiden Vorstellungen liegt der Unterschied zwischen einer lebendigen Demokratie und einer verwalteten Konsensmaschine. Die eine produziert gelegentlich Lärm, Streit und Ärger. Die andere produziert Ruhe. Geschichte und Literatur legen allerdings nahe, dass von beiden Zuständen der erste langfristig deutlich gesünder ist.