Die moderne Gesellschaft liebt Kategorien. Sie liebt sie sogar so sehr, dass sie ohne sie kaum noch atmen kann. Einst sortierte man Menschen nach Stand, Klasse, Religion oder Nation. Später nach Einkommen, Bildung, Geschlecht, Milieu und Konsumverhalten. Heute hingegen ist die höchste Form gesellschaftlicher Erkenntnis offenbar die Frage, ob jemand Migrant oder Nichtmigrant sei. Wer es etwas akademischer mag, spricht von Allochtonen und Autochtonen. Das klingt nach einem seltenen geologischen Phänomen, ist aber lediglich die neue Variante jenes uralten menschlichen Bedürfnisses, die Welt in Schubladen einzuteilen und anschließend überrascht festzustellen, dass die Menschen nicht hineinpassen.
Die große Sortiermaschine
So steht sie nun vor der Öffentlichkeit, die neue Gesellschaft der aufgeklärten Gegenwart: fein säuberlich zerlegt in Herkunftskategorien, statistische Gruppen und identitätspolitische Unterabteilungen. Der Mensch als Individuum wirkt dabei zunehmend wie ein störender Betriebsunfall. Seine Biografie interessiert weniger als seine Zuordnung. Seine Ansichten zählen weniger als seine Herkunft. Sein Charakter wird zweitrangig gegenüber den Etiketten, die ihm angeheftet werden. Die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, die sich einst anschickte, den Menschen von Vorurteilen zu befreien, scheint mittlerweile eine bemerkenswerte Leidenschaft dafür entwickelt zu haben, ihn mit neuen Vorurteilen zu versehen, allerdings in einer Sprache, die sich selbst für besonders aufgeklärt hält.
Vom Universalismus zur Gruppenbuchhaltung
Der alte Traum der Linken bestand einmal darin, Unterschiede zu überwinden. Der Arbeiter aus Turin sollte mit dem Arbeiter aus Dortmund mehr gemeinsam haben als mit dem Fabrikbesitzer seines Heimatortes. Solidarität war die große Zauberformel. Heute hingegen scheint Solidarität häufig nur noch innerhalb sorgfältig definierter Gruppen stattzufinden. Die Gesellschaft zerfällt in eine Art ethnologischen Streichelzoo gegenseitiger Befindlichkeiten, in dem jede Gruppe ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Empfindlichkeiten, ihre eigenen Traumata und ihre eigenen moralischen Sonderrechte kultiviert. Der Universalismus, einst das Kronjuwel progressiven Denkens, wurde offenbar auf dem Dachboden verstaut, irgendwo zwischen den Schriften der Aufklärung und den verblassten Plakaten vergangener Demonstrationen.
Die Herrschaft des Glossars
Besonders faszinierend ist dabei die Sprache. „Migrant“ genügt längst nicht mehr. Das wäre zu einfach. Die moderne Gesellschaft produziert Begriffe mit derselben Begeisterung, mit der mittelalterliche Alchemisten Gold herstellen wollten. Autochthon. Allochthon. People of Color. Postmigrantisch. Strukturell privilegiert. Intersektional. Die Wörter werden länger, während die Gedanken häufig kürzer werden. Wo früher ein Mensch stand, steht heute ein Glossar. Wo früher ein politisches Argument formuliert wurde, findet sich nun oft eine semantische Bedienungsanleitung.
Die Rückkehr der Herkunft
Dabei entsteht ein bemerkenswertes Paradox. Dieselben Kreise, die jahrzehntelang gegen jede Form ethnischer Zuschreibung kämpften, beschreiben die Gesellschaft inzwischen bevorzugt entlang ethnischer Zuschreibungen. Dieselben Stimmen, die den Menschen nicht auf Herkunft reduzieren wollten, diskutieren ihn heute häufig fast ausschließlich über Herkunft. Dieselben Milieus, die einst das Ende kollektiver Zuschreibungen forderten, haben deren Wiederkehr organisiert – nur unter neuer Leitung und mit aktualisiertem Vokabular. Die Verpackung wurde ausgetauscht, der Mechanismus blieb derselbe.
Wie bemerkte bereits der französische Denker Alexis de Tocqueville sinngemäß: Die Leidenschaft für Gleichheit kann so stark werden, dass sie am Ende die Freiheit verdrängt. Im 21. Jahrhundert scheint sich daraus eine neue Leidenschaft entwickelt zu haben – die Leidenschaft für die Einordnung.
Die Pädagogik der Etiketten
Man könnte darüber schmunzeln, wäre die politische Wirkung nicht so bemerkenswert. Denn die neue Sprache der Identitäten erreicht vieles. Sie erzeugt akademische Konferenzen, Förderrichtlinien, Arbeitsgruppen und Leitfäden. Sie produziert Beratungsstellen, Beauftragte und Sensibilisierungsseminare. Sie schafft eine beeindruckende Bürokratie der Zugehörigkeiten. Was sie jedoch erstaunlich selten erreicht, ist die Überzeugung jener Menschen, die sich von dieser Sprache nicht angesprochen fühlen. Dort entsteht stattdessen oft der Eindruck, dass über sie gesprochen wird, ohne mit ihnen zu sprechen; dass sie analysiert, kategorisiert und moralisch vermessen werden, während ihre eigenen Sorgen als Ausdruck mangelnder Einsicht gelten.
Warum Gegner nicht verschwinden
Genau an diesem Punkt beginnt die Ironie der Geschichte. Denn politische Gegner verschwinden nicht dadurch, dass man neue Begriffe für sie erfindet. Eine Meinung verliert nicht an Attraktivität, weil sie als problematisch etikettiert wird. Ein Wähler gibt seine Überzeugungen nicht auf, weil ein Universitätsseminar ihn statistisch neu eingeordnet hat. Die Geschichte ist voller Beispiele dafür, dass Menschen sich umso stärker an eine Identität klammern, je häufiger ihnen erklärt wird, warum sie diese eigentlich überwinden sollten. Wer politische Mehrheiten gewinnen möchte, muss überzeugen. Wer lediglich kategorisiert, verwaltet am Ende oft nur die eigene Blase.
Der Waldbrand und die Umbenennung der Bäume
Die Vorstellung, rechte Bewegungen ließen sich durch immer feinere Herkunftsdefinitionen kleinhalten, besitzt deshalb etwas Rührendes. Sie erinnert an den Glauben, einen Waldbrand durch die Umbenennung von Bäumen löschen zu können. Während akademische Debatten neue Begriffe hervorbringen, sprechen politische Realitäten ihre eigene Sprache. Der Arbeiter in einer Kleinstadt, die Angestellte in einem Vorort, der Handwerker, der Rentner oder die Krankenschwester verschwinden nicht aus der Wirklichkeit, nur weil ihre Einordnung in das aktuelle Theoriegebäude Schwierigkeiten bereitet. Die Wahlurne zeigt regelmäßig jene Grausamkeit, die demokratische Institutionen gegenüber ideologischen Wunschvorstellungen entwickeln können.
Die paradoxe Vielfalt
So entsteht das eigentümliche Bild einer Gesellschaft, die sich für bunt erklärt und gleichzeitig immer neue Einheitskategorien hervorbringt. Jeder soll einzigartig sein, allerdings bitte innerhalb der vorgesehenen Schublade. Jeder soll individuell sein, aber nur in einer Weise, die sich statistisch erfassen lässt. Vielfalt wird gefeiert, während die Menschen gleichzeitig auf einige wenige Identitätsmerkmale reduziert werden. Ausgerechnet die Epoche, die sich selbst als Zeitalter der Diversität versteht, entwickelt eine erstaunliche Begabung zur Vereinheitlichung.
Der Bürger als Datensatz
Das Ergebnis wirkt bisweilen wie eine merkwürdige Mischung aus Verwaltungsakt und Morallehre. Die Gesellschaft wird nicht mehr als Gemeinschaft unterschiedlicher Individuen betrachtet, sondern als Ansammlung von Gruppenvertretern. Der Bürger verwandelt sich in einen Träger von Merkmalen. Die Person wird zum Datensatz. Das Individuum löst sich auf in einer Wolke aus Kategorien, Quoten und Zuschreibungen. Aus dem lebendigen Menschen wird eine Excel-Tabelle mit Meinungspflicht.
Hier hätte vermutlich George Orwell seine Freude gehabt. Nicht weil seine Dystopien exakt eingetroffen wären, sondern weil jede Epoche ihre eigene Kunst entwickelt, Menschen sprachlich neu zu ordnen und anschließend zu behaupten, damit sei die Wirklichkeit besser verstanden.
Das neue Einheitsgrau
Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe der Gegenwart. Während unablässig von Vielfalt gesprochen wird, breitet sich ein neues Einheitsgrau aus. Manchmal erscheint es sogar ein wenig bräunlich, weil jede Politik, die Menschen vor allem über Abstammung, Herkunft und Gruppenzugehörigkeit definiert, unweigerlich in gefährliche gedankliche Nachbarschaften gerät – unabhängig davon, von welcher politischen Seite sie ursprünglich aufgebrochen ist. Die Farbe der Fahne mag wechseln, die Versuchung zur Kategorisierung bleibt erstaunlich konstant.
Die Komödie der Schubladen
Und so steht am Ende eine unbequeme Erkenntnis: Eine Gesellschaft wird nicht freier, weil sie mehr Etiketten besitzt. Sie wird nicht gerechter, weil sie ihre Bürger in immer kleinere Gruppen aufteilt. Sie wird nicht toleranter, weil sie Herkunft zum zentralen politischen Bezugspunkt erhebt. Sie wird vor allem komplizierter. Und gelegentlich auch unfreiwillig komisch. Denn nichts besitzt eine größere satirische Kraft als eine Epoche, die sich selbst für den Höhepunkt individueller Freiheit hält, während sie ihre Menschen mit wachsender Begeisterung in Schubladen einsortiert und anschließend verwundert fragt, warum sich manche weigern, darin Platz zu nehmen.
Liebe Linke, auf diese Weise lässt sich vieles erreichen: neue Begriffe, neue Studiengänge, neue Kommissionen, neue Handreichungen, neue moralische Hierarchien und neue Formen der gesellschaftlichen Selbstbetrachtung. Eines jedoch lässt sich so kaum erreichen: politische Gegner verschwinden zu lassen. Rechte Bewegungen werden nicht kleiner, weil die Gesellschaft in immer feinere Herkunftskategorien zerlegt wird. Nicht wenige Menschen empfinden gerade diese Entwicklung als Bestätigung ihrer Kritik. Die Geschichte der Politik ist voller Irrtümer, doch einer der hartnäckigsten besteht in der Annahme, Widerspruch lasse sich durch Umbenennung beseitigen. Er lässt sich allenfalls umetikettieren.