Es gibt Menschen, die ihrer Zeit voraus sind. Es gibt Menschen, die ihre Zeit missverstehen. Und dann gibt es jene seltenen Figuren, die von ihrer Zeit beschimpft, verlacht und als hysterische Schwarzseher abgetan werden, nur um Jahre später festzustellen, dass die Wirklichkeit beschlossen hat, ihre Fußnoten in Schlagzeilen zu verwandeln. Christopher Hitchens gehörte zu dieser unangenehmen Kategorie. Er war kein Heiliger, kein unfehlbarer Orakelsprecher und gewiss kein Mann, der jemals den Wunsch verspürt hätte, von allen geliebt zu werden. Im Gegenteil: Er schien regelrecht davon zu leben, die empfindlichsten Nerven seiner Epoche mit chirurgischer Präzision freizulegen und anschließend mit einem Vorschlaghammer darauf einzuschlagen. Gerade deshalb bleibt sein Vermächtnis bemerkenswert. Nicht weil er immer recht hatte, sondern weil er dort recht behielt, wo die Mehrheit lieber die Augen schloss.
Als Hitchens vor mehr als zwei Jahrzehnten begann, die politische und gesellschaftliche Bedeutung des Islamismus und die Schwierigkeiten einer liberalen Gesellschaft im Umgang mit religiösen Absolutheitsansprüchen zu thematisieren, begegnete ihm ein eigentümliches Ritual der Verdrängung. Nicht die Argumente wurden geprüft, sondern die Motive. Nicht die Analyse wurde widerlegt, sondern der Analytiker pathologisiert. Wer auf Probleme hinwies, galt selbst als Problem. Wer Widersprüche benannte, wurde zum Widerspruch erklärt. Die Debatte entwickelte eine bemerkenswerte Fähigkeit, jede Kritik in den Kritiker zurückzuspiegeln, wie ein intellektueller Jahrmarktsspiegel, der jeden Einwand in ein moralisches Fehlverhalten verwandelte.
Die Religion der Nichtbenennung
Der eigentliche Gegenstand der Kritik war dabei oft weniger der Islam als Religion als vielmehr die westliche Kultur der Selbstzensur. Hitchens verstand früh, dass moderne Gesellschaften nicht unbedingt durch offene Verbote verstummen. Häufig genügt die Erzeugung eines Klimas, in dem bestimmte Fragen als unanständig gelten. Die effektivste Zensur besteht nicht darin, Bücher zu verbrennen, sondern Menschen davon zu überzeugen, dass bestimmte Bücher niemals hätten geschrieben werden dürfen.
Hier lag die eigentliche Sprengkraft seiner Warnungen. Die berühmte Aussage: „Das ist eine sehr dringende Angelegenheit, meine Damen und Herren. Ich flehe euch an: Lehnt euch dagegen auf, solange ihr noch könnt. Lehnt euch dagegen auf, solange ihr noch könnt. Denn sobald euch das Recht auf Kritik genommen wird, sobald Zensur zur Normalität wird, werdet ihr es nicht zurückbekommen“, zielte nicht auf eine bestimmte Glaubensgemeinschaft, sondern auf eine allgemeine politische Dynamik. Freiheit stirbt selten unter Trompetenklängen. Meist verschwindet sie in Verwaltungsvorschriften, sozialen Sanktionen, unausgesprochenen Tabus und jener lähmenden Angst, von den falschen Leuten missverstanden zu werden.
Die Ironie der Geschichte besteht darin, dass viele jener Institutionen, die sich einst als Verteidiger freier Rede verstanden, zunehmend damit beschäftigt waren, die Rede zu katalogisieren, zu überwachen, zu regulieren und zu therapieren. Der moderne Zensor trägt keinen schwarzen Mantel. Er tritt als Fürsorger auf. Er erklärt nicht, dass etwas verboten sei. Er erklärt lediglich, dass verantwortungsvolle Menschen so etwas nicht sagen würden. Die Wirkung ist dieselbe, nur die Verpackung wurde verbessert.
Die Karriere eines Vorwurfs
Besonders präzise war Hitchens bei der Vorhersage eines Mechanismus, der inzwischen nahezu automatisiert wirkt. „Man wird euch sagen, ihr dürft euch nicht beschweren, weil ihr islamfeindlich seid.“ Der Satz beschreibt eine rhetorische Technik, die sich weit über die Islamdebatte hinaus ausgebreitet hat. Kritik wird nicht mehr anhand ihres Inhalts beurteilt, sondern anhand der vermuteten moralischen Identität des Kritikers. Die Frage lautet nicht: Stimmt das? Die Frage lautet: Darf diese Person das überhaupt sagen?
So entstand eine bemerkenswerte Form des Diskurses, in der Fakten wie ungeladene Gäste behandelt werden. Wer sie mitbringt, riskiert, als unhöflich zu gelten. Es entwickelte sich eine Kultur, die zwischen Analyse und Feindseligkeit nicht mehr unterscheiden wollte, weil diese Unterscheidung unbequem geworden war. Wer auf religiösen Fanatismus hinwies, wurde mitunter behandelt, als habe er ihn erfunden. Wer auf Integrationsprobleme aufmerksam machte, galt schnell als deren Ursache. Wer über Gewalt sprach, wurde verdächtigt, die Gewalt durch das bloße Benennen hervorzurufen.
Das erinnert an einen Arzt, der wegen schlechter Blutwerte verklagt wird. Nicht die Krankheit soll verschwinden, sondern der Befund.
Die seltsame Allianz der Frommen und der Fortschrittlichen
Eine der bizarrsten Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte bestand in der Entstehung einer merkwürdigen Allianz zwischen religiösem Absolutismus und säkularem Relativismus. Die einen erklärten ihre Wahrheiten für unantastbar, die anderen erklärten sich für unfähig, überhaupt noch über Wahrheit zu urteilen. Das Ergebnis war eine Partnerschaft, die auf den ersten Blick unmöglich erscheint und auf den zweiten Blick erschreckend logisch wirkt.
Hitchens beobachtete dieses Schauspiel mit sichtbarer Verachtung. Während Islamisten offen verkündeten, welche Regeln sie durchsetzen wollten, beschäftigten sich viele ihrer westlichen Verteidiger damit, zu erklären, warum es anmaßend sei, diese Ankündigungen ernst zu nehmen. Man begegnete ideologischer Härte mit akademischer Weichzeichnung. Fanatismus wurde zum kulturellen Ausdruck umetikettiert. Frauenunterdrückung wurde als Sensibilität behandelt. Autoritäre Forderungen erschienen plötzlich als Ausdruck von Diversität.
Es war eine Epoche, in der manche Intellektuelle jeden Machtanspruch kritisierten – außer jenen, die ausdrücklich religiös begründet wurden. Ausgerechnet jene Menschen, die jeden traditionellen Autoritätsanspruch dekonstruierten, schienen vor religiösen Autoritäten in eine eigentümliche Ehrfurcht zu verfallen. Das Theaterstück hatte etwas Komisches, wäre sein Gegenstand nicht so ernst gewesen.
Der Preis der Feigheit
Die berühmte Formulierung „Gib es auf, oder übergib es deinem schlimmsten Feind und bezahle für den Strick, der dich erwürgen wird“ besitzt die Übertreibung guter Polemik. Doch gerade Übertreibungen überleben oft deshalb, weil sie einen wahren Kern freilegen. Hitchens meinte damit die Neigung freier Gesellschaften, ihre eigenen Prinzipien aus schlechtem Gewissen zu relativieren. Nicht aus Großzügigkeit, sondern aus Unsicherheit. Nicht aus Stärke, sondern aus Furcht, als intolerant zu erscheinen.
Die Geschichte liefert genügend Beispiele dafür, dass Freiheit selten durch ihre erklärten Gegner zerstört wird. Gefährlicher sind oft jene, die sie verteidigen sollen, während sie sich gleichzeitig für sie entschuldigen. Eine Gesellschaft, die sich ihrer eigenen Werte schämt, befindet sich in einer merkwürdigen Lage. Sie besitzt eine Festung, hält sie aber für moralisch fragwürdig und beginnt deshalb, die Mauern selbst abzutragen.
Dabei geht es nicht um Feindschaft gegenüber Gläubigen. Es geht um die einfache Einsicht, dass jede Idee, jede Institution und jede Religion Gegenstand kritischer Prüfung bleiben muss. Sobald irgendeine Lehre einen Sonderstatus erhält, beginnt die intellektuelle Erosion. Der Anspruch auf Immunität ist stets der erste Schritt zur Autorität und häufig der erste Schritt zur Einschüchterung.
Die Rache der Wirklichkeit
Vielleicht besteht die größte Tragik vieler Debatten darin, dass die Wirklichkeit keinerlei Interesse an moralischen Wunschvorstellungen besitzt. Sie verhält sich gegenüber Ideologien ähnlich wie ein Felsbrocken gegenüber poetischen Argumenten. Sie bleibt liegen. Jahrzehntelang konnte man warnende Stimmen als Panikmacher darstellen. Doch Ereignisse besitzen die unangenehme Angewohnheit, sich nicht an die Regeln akademischer Höflichkeit zu halten.
Das bedeutet nicht, dass jede Warnung automatisch bestätigt wurde oder jede Prognose zutraf. Es bedeutet lediglich, dass viele der Fragen, die einst als unzulässig galten, heute selbstverständlich diskutiert werden. Genau darin liegt die späte Genugtuung von Hitchens. Nicht darin, dass er als Sieger hervorgeht, sondern darin, dass die Debatte schließlich dort angekommen ist, wo er sie von Anfang an führen wollte: bei den Argumenten.
Schlussbemerkung über die Freiheit des Ärgerns
Christopher Hitchens verstand etwas, das moderne Gesellschaften regelmäßig vergessen. Freiheit bedeutet nicht, niemals beleidigt zu werden. Freiheit bedeutet, dass auch beleidigende, provozierende, respektlose und unangenehme Gedanken ausgesprochen werden dürfen. Die Alternative besteht nicht in Harmonie, sondern in Schweigen. Und Schweigen hat die bemerkenswerte Eigenschaft, stets die Falschen zu schützen.
Wer eine freie Gesellschaft erhalten möchte, muss daher mit einem paradoxen Umstand leben: Die Freiheit der Rede schützt auch Reden, die unerquicklich sind. Die Freiheit der Kritik schützt auch Kritiken, die empören. Die Freiheit des Denkens schützt auch Gedanken, die als Zumutung erscheinen.
Hitchens war in vieler Hinsicht eine Zumutung. Gerade deshalb bleibt er aktuell. Nicht weil er unfehlbar war, sondern weil er auf einem Grundsatz bestand, den jede freie Gesellschaft früher oder später neu lernen muss: Keine Idee darf so heilig werden, dass sie vor Kritik geschützt wird. Denn in dem Augenblick, in dem eine Gesellschaft beschließt, bestimmte Fragen nicht mehr stellen zu dürfen, hat sie bereits begonnen, die Antworten zu verlieren.