Die Statistik als höflich lächelnder Türsteher der Gedanken

Es gibt Zahlen, die treten auf wie Buchhalter in schlecht sitzenden Anzügen: sachlich, emotionslos, scheinbar harmlos. Sie klopfen nicht laut an die Tür der öffentlichen Aufmerksamkeit; sie räuspern sich allenfalls diskret. Und doch tragen manche Zahlen eine stille Sprengkraft in sich. Die Zahl 12.183 gehört zu dieser Sorte. Im Jahr 2023 gab es 12.183 Festnahmen – ungefähr 33 pro Tag – im Zusammenhang mit Delikten nach dem Communications Act 2003 und dem Malicious Communications Act 1988. Es geht dabei um „grob beleidigende“, bedrohliche oder einschüchternde Nachrichten. Eine Nachricht also, ein Satz, eine Formulierung, ein digitaler Auswurf menschlicher Gereiztheit, und irgendwo beginnt ein Verwaltungsprozess. Jeden Tag durchschnittlich 33 Mal. Die moderne Welt hat es geschafft, der Sprache eine eigene Verkehrspolizei zuzuteilen.

Es ist eine Entwicklung von eigentümlicher Poesie. Jahrhunderte lang galt Sprache als das große Freiheitsinstrument des Menschen: Literatur, Philosophie, Satire, Schmähschrift, Polemik, Streitkultur. Die Geschichte des Geistes ist auch die Geschichte schlecht gelaunter Menschen, die Dinge aufschrieben. Ohne Beleidigung keine Feuilletons, ohne Kränkung keine politische Debatte, ohne verletzte Eitelkeiten wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte aller philosophischen Schulen. Arthur Schopenhauer war keineswegs berühmt für seine warmherzige Umarmung der Menschheit; Karl Kraus behandelte seine Zeitgenossen oft wie sprachliche Schädlinge; Friedrich Nietzsche schrieb gelegentlich Sätze, die heute vermutlich bereits eine interne Risikobewertung durchlaufen würden. Die Kulturgeschichte ist voll von Denkern, deren Verhältnis zur Mitmenschheit schwankte zwischen Verachtung, Sarkasmus und geistigem Flammenwerfer.

Und nun erscheint eine neue historische Figur auf der Bühne: der empfindliche Leviathan. Ein Staat, der sich zunehmend nicht mehr nur als Hüter von Straßen, Grenzen oder Eigentum versteht, sondern als Hausmeister des zwischenmenschlichen Tons. Eine Art moralischer Concierge, der gelegentlich mit ernster Miene erklärt, dass die Luft im gesellschaftlichen Treppenhaus zu gereizt geworden sei. Ausgerechnet die Sprache, einst Inbegriff der Freiheit, wird zu einer Art hygienischem Risikobereich erklärt. Die Worte sollen künftig sauber sein, ungefährlich, weich gespült wie Hotelhandtücher.

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Die Bürokratie der Kränkung

Das Zeitalter besitzt eine seltene Begabung: Es verwandelt nahezu alles in Verwaltung. Früher gab es Streit. Heute gibt es Kategorien. Früher wurde geschimpft. Heute erfolgt eine Einordnung nach rechtlicher Relevanz. Und irgendwo in dieser Evolution vom Wirtshausscharmützel zur institutionellen Sprachvermessung sitzt vermutlich ein Beamter vor einem Bildschirm und liest sich durch den digitalen Schutt der Gegenwart: beleidigte Kommentare, aggressive Nachrichten, zusammengefaltete Egos in Großbuchstaben.

Es besitzt einen bitteren Humor, dass die Menschheit zunächst das Internet als grenzenlose Agora der Freiheit feierte. Ein globales Forum! Ein Marktplatz der Ideen! Ein Triumph des freien Austauschs! Und kaum hatte sich diese digitale Utopie entfaltet, stellte sich heraus, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung die neue Freiheit vor allem dazu nutzte, fremden Menschen um drei Uhr morgens mitzuteilen, sie seien Idioten, Versager oder auf biologisch rätselhafte Weise misslungen.

Thomas Hobbes hätte vermutlich trocken genickt. Der Naturzustand des Menschen, so seine wenig schmeichelhafte Diagnose, sei ein Krieg aller gegen alle. Vielleicht hätte er heute ergänzt: und zusätzlich ein Kommentarbereich.

Doch die eigentliche Satire beginnt dort, wo eine Gesellschaft glaubt, aus diesem Zustand nicht etwa durch Erziehung, Kultur oder Selbstbeherrschung herauszukommen, sondern durch die Errichtung immer komplexerer Mechanismen zur Verwaltung des Gekränktseins. Denn die Frage lautet nicht bloß: Was ist bedrohlich? Das wäre noch verhältnismäßig klar. Auch nicht: Was ist einschüchternd? Darüber ließe sich streiten. Nein – besonders faszinierend wird die Kategorie des „grob Beleidigenden“.

Ein Ausdruck, der eine bemerkenswerte Elastizität besitzt. „Grob beleidigend“ klingt wie eine Formulierung, die in ihrer endgültigen Fassung aus einer Sitzung hervorging, in der mehrere Juristen und drei Ausschussmitglieder bereits dringend nach Hause wollten. Eine juristische Wolke mit administrativem Charme. Groß genug, um vieles aufzunehmen, vage genug, um Interpretationen einzuladen.

Die Republik der empfindsamen Sensoren

Die moderne Gesellschaft entwickelt zunehmend eine Beziehung zur Sprache wie ein Rauchmelder mit Nervenzusammenbruch. Überall Sensoren. Überall Alarmbereitschaft. Überall die Möglichkeit, dass ein Wort, ein Tonfall oder eine Formulierung plötzlich als gesellschaftliches Erdbeben eingestuft wird.

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Dabei entfaltet sich eine paradoxe Bewegung. Noch nie wurde so viel gesprochen, gepostet, kommentiert, veröffentlicht und gesendet wie heute. Gleichzeitig scheint die Angst vor dem falschen Satz zu wachsen wie eine Zimmerpflanze auf Steroiden. Die Kommunikationsmöglichkeiten explodieren, während die kommunikative Gelassenheit gelegentlich den Eindruck macht, in einer entlegenen Höhle Asyl beantragt zu haben.

George Orwell schrieb einst: „Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.“ Dieser Satz besitzt heute beinahe die Aura einer Antiquität. Er stammt aus einer Zeit, in der man Freiheit primär als Schutz vor Macht verstand. Heute scheint gelegentlich die Vorstellung vorzuherrschen, Freiheit müsse vor allem vor Unbehagen schützen.

Und damit entsteht eine merkwürdige Kultur. Eine Kultur, in der Menschen gleichzeitig glauben, Sprache sei unendlich mächtig und vollkommen bedeutungslos. Wörter seien bloß Wörter – außer in jenen Momenten, in denen sie zu psychischen Massenvernichtungswaffen erklärt werden.

Die Satire vor Gericht und der Witz auf Bewährung

Besonders unerquicklich wird diese Entwicklung für die Satire. Satire lebte immer von Übertreibung, Verzerrung, Bosheit und jener kalkulierten Respektlosigkeit, die höfliche Menschen in nervöses Räuspern versetzt. Karl Kraus hätte vermutlich bereits nach wenigen Wochen in modernen Kommentarlandschaften einen Zustand erreicht, den Mediziner als permanente Augenrollverletzung diagnostizieren würden.

Denn Satire ist kein Möbelstück mit abgerundeten Ecken. Sie ist oft ungerecht, verletzend und schmerzhaft. Sie funktioniert gerade deshalb, weil sie Grenzen überschreitet und den Finger dort hineinlegt, wo gesellschaftliche Nerven blankliegen.

Die Pointe der Geschichte besteht darin, dass eine Gesellschaft, die ständig Toleranz predigt, gelegentlich eine auffällige Intoleranz gegenüber den traditionellen Werkzeugen intellektueller Reibung entwickelt. Ironie wird verdächtig. Polemik wirkt riskant. Sarkasmus erhält den Status einer potentiellen Gefahrensubstanz.

Und plötzlich steht die unausgesprochene Frage im Raum: Welche Art von Öffentlichkeit entsteht eigentlich, wenn die Menschen zunehmend lernen, nicht das zu sagen, was sie denken, sondern das, was administrativ am risikoärmsten erscheint?

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Vielleicht entsteht eine bemerkenswert höfliche Welt. Eine Welt voller diplomatischer Formulierungen. Eine Welt, in der niemand mehr grob beleidigt wird.

Vielleicht entsteht aber auch etwas anderes: eine Gesellschaft der permanenten Selbstzensur, in der die Sprache ihre Wildheit verliert und Gespräche den Charakter sorgfältig formulierter Versicherungsanträge annehmen.

Die Zivilisation des Wattepapiers

Die eigentliche Tragikomödie liegt womöglich nicht in Gesetzen oder Statistiken. Sie liegt im Menschen selbst. Der moderne Mensch scheint eine eigentümliche Doppelrolle einzunehmen: Er verlangt maximale Ausdrucksfreiheit für die eigenen Empfindungen und maximale Kontrolle über die Empfindungen anderer.

Das Resultat ähnelt einem gigantischen Theaterstück, in dem jeder Schauspieler gleichzeitig Revolutionär und Sicherheitsbeauftragter sein möchte.

Und irgendwo sitzt die Statistik: 12.183 Festnahmen. 33 täglich. Eine Zahl, sachlich und still.

Vielleicht ist sie Ausdruck notwendiger Schutzmaßnahmen. Vielleicht Symptom einer Gesellschaft, die reale Bedrohungen ernst nimmt. Vielleicht auch ein Hinweis auf eine Kultur, die zunehmend Schwierigkeiten hat, zwischen Gefahr und Ärgernis, zwischen Gewalt und Geschmacklosigkeit, zwischen Angriff und Ärger zu unterscheiden.

Der Zyniker würde vermutlich sagen: Die Menschheit hat Jahrtausende gebraucht, um die Kunst des Sprechens zu entwickeln – und nun arbeitet sie mit beeindruckender Entschlossenheit an der Verwaltung des Missfallens.

Der Satiriker würde hinzufügen: Falls die Geschichte jemals endgültig im Absurden ankommt, wird vermutlich nicht der letzte große Tyrann erscheinen. Es wird ein Formular erscheinen. Mit drei Durchschlägen. Zuständig für sprachliche Auffälligkeiten.

Und darunter steht in nüchterner Schrift: „Bitte sachlich bleiben.“