Döp Dö Dö Dö Döp war gestern, F****! Sch*****! B****! ist heute

oder die Apokalypse trägt Basecap und streamt auf Dauerschleife

Es gehört zu den besonders liebenswerten Eigentümlichkeiten moderner Gesellschaften, den kulturellen Verfall stets dort zu vermuten, wo ältere Generationen gerade ohnehin Kopfschmerzen bekommen. Früher war es Elvis, dessen Hüftschwung angeblich den Untergang des Abendlandes einleitete; später waren es Heavy Metal, Videospiele, Pokémon-Karten und vermutlich zeitweise sogar Skateboards. Heute sitzt die Kulturkritik allerdings vor einem etwas unerquicklicheren Phänomen: Deutschrap. Jenem musikalischen Paralleluniversum, in dem Menschen in Trainingsanzügen mit der Mimik gelangweilter Immobilienmakler die immergleichen Vokabeln in die Kamera pressen, während hinter ihnen Luxusautos stehen, die ungefähr so subtil sind wie ein Vorschlaghammer im Porzellanladen.

Nun wäre es leicht, in jenes hysterische Dauerraunen einzustimmen, das beim bloßen Wort „Rap“ sofort den „Untergang unserer Demokratie“ ausruft. Dieses Land liebt schließlich den Alarm. Kaum fällt irgendwo eine Schimpfwort-Salve, springen sofort Menschen hervor, die aussehen, als hätten sie seit 1987 dieselbe Feuilletonbrille getragen, und erklären mit Grabesstimme, Goethe rotiere bereits mit Überlichtgeschwindigkeit im Grab. Aber die Sache ist komplizierter. Und gerade deshalb unerquicklich.

Denn irgendwann kommt der Moment, an dem die Ironie erschöpft ist. Der Moment, in dem der satirische Reflex stolpert. Der Moment, in dem selbst ein abgeklärter Beobachter innehält und sich fragt, ob sich hinter der kulturellen Selbstinszenierung vielleicht doch ein tieferes Problem verbirgt.

Wenn in Songtexten Sätze auftauchen wie: „Bring deine Alte mit, sie wird im Backstage zerfetzt ganz normal“, wenn „Schlag dir die Zähne raus, man hört nur noch dein Fotzengeschrei“ als lyrische Ausdrucksform verkauft wird oder „Die Bitch muss bügeln“ den Rang einer halbphilosophischen Lebensbetrachtung erhält, dann handelt es sich nicht bloß um die Frage schlechter Poesie. Dann steht etwas anderes im Raum: die erstaunliche Fähigkeit einer Gesellschaft, sich an Sprachgewalt zu gewöhnen.

Die große Verharmlosungsmaschine

Es folgt dann zuverlässig das Ritual der Verteidigung. Deutschrap verfügt inzwischen über ein Arsenal an Rechtfertigungen, das komplexer wirkt als die Steuertricks internationaler Konzerne.

  • Erstes Argument: Kunstfreiheit.
  • Zweites Argument: Das sei alles Ironie.
  • Drittes Argument: Kunstfigur.
  • Viertes Argument: Straße.
  • Fünftes Argument: Wer das nicht verstehe, habe Hip-Hop nie verstanden.
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Es handelt sich um eine faszinierende rhetorische Maschine. Je grotesker die Aussage, desto energischer wird ihre Bedeutung verneint. Der Rapper sagt etwas, aber gemeint sei es natürlich nicht. Es sei gespielt, stilisiert, überzeichnet. Gewaltphantasien? Kunstfigur. Frauenverachtung? Kunstfigur. Erniedrigung? Kunstfigur. Beleidigungen? Kunstfigur.

Diese Kunstfigur besitzt erstaunliche Fähigkeiten. Sie sagt alles und haftet für nichts. Sie ist gewissermaßen der steuerfreie Offshore-Staat der Verantwortung.

Besonders beeindruckend ist dabei die Vorstellung, Jugendliche könnten diese Trennung mühelos vollziehen. Dass ein Fünfzehnjähriger problemlos zwischen Rollenprosa, Metaebene, gesellschaftlicher Überspitzung und performativer Überzeichnung differenziere. Jugendliche, die ihre Hausaufgaben vergessen, den Geschirrspüler wie eine archäologische Ausgrabungsstätte behandeln und in sozialen Netzwerken Nachrichten wie „ok“ oder „lol“ als vollständige Kommunikationsakte ansehen, sollen plötzlich hochkomplexe Literaturtheorie betreiben.

Eine bemerkenswert optimistische Anthropologie.

Die Universität der beiläufigen Verrohung

Denn Rap ist längst keine Randerscheinung mehr. Es ist keine Untergrundkultur, die in verrauchten Kellern von wenigen Eingeweihten gepflegt wird. Deutschrap ist heute Hintergrundmusik des Alltags. Er läuft in Jugendzimmern, auf Schulhöfen, in Autos, auf Smartphones, in Fitnessstudios und vermutlich sogar in Wartezimmern, falls dort einmal sämtliche Verantwortlichen den Verstand verlieren sollten.

Und genau hier beginnt die eigentliche Frage.

Nicht: Macht Rap Menschen gewalttätig?

Diese Frage klingt ohnehin nach den kulturkritischen Panikattacken vergangener Jahrzehnte.

Die interessantere Frage lautet: Was geschieht, wenn eine Sprache alltäglich wird, die Frauen permanent als Material, Besitz, Ware oder Zielscheibe behandelt?

Sprache ist ein seltsames Wesen. Sie wirkt nicht wie ein Vorschlaghammer. Sie wirkt wie Regen. Einzelne Tropfen erscheinen harmlos. Irgendwann stellt man fest, dass ganze Landschaften verändert wurden.

Die Auswertung von zehntausenden Liedtexten zeigt, dass sexistische Sprache im Deutschrap keine zufällige Verirrung einzelner Künstler ist. Sie gehört zur Tradition. Zur Routine. Zum Inventar. Sie ist keine Betriebsstörung; sie ist Betriebsmodus.

Und irgendwann wird aus Provokation Gewohnheit.

Aus Schock Routine.

Aus Grenzüberschreitung Kulisse.

Die Revolution der kleinen Sprachautomaten

Jugendliche übernehmen Sprache. Das ist weder neu noch überraschend. Seit Generationen wird elterliche Sprache gegen neue Codes eingetauscht. Früher waren es Jugendslang, Rockmusik oder amerikanische Filmzitate. Heute kommen Wörter und Haltungen aus Musikvideos.

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Idole sind keine pädagogischen Einrichtungen. Niemand verlangt von Rappern, Ersatzsozialarbeiter zu werden. Niemand erwartet moralische Sonntagsreden.

Aber Idole funktionieren trotzdem.

Die Vorstellung, Menschen würden permanent Figuren verehren, imitieren, zitieren und nachahmen – nur ausgerechnet bei Sprache bliebe alles folgenlos –, gehört zu den besonders kuriosen Glaubenssätzen unserer Zeit.

Wenn Jugendliche Frauen als „Bitches“ bezeichnen, weil dies zum normalen Vokabular gehört; wenn Herabsetzung zur coolen Pointe wird; wenn Beleidigung lässig wirkt; wenn Dominanz attraktiver erscheint als Respekt – dann entsteht kein diktatorisches Schreckensregime. Es passiert etwas viel Langweiligeres und deshalb Gefährlicheres:

Es wird normal.

Die größte Revolution geschieht nie durch Panzer. Sie geschieht durch Gewöhnung.

Die Poesie des maximalen Minimalismus

Und dann bleibt natürlich noch die ästhetische Frage.

Man könnte sich nämlich gelegentlich fragen, was ausgerechnet an Teilen des Deutschrap als sprachliche Großtat gefeiert wird.

Literatur kämpfte jahrhundertelang darum, menschliche Erfahrungen in Bilder zu verwandeln. Goethe, Heine, Bachmann oder Enzensberger suchten nach Nuancen, Brüchen, Mehrdeutigkeiten.

Und dann tritt plötzlich ein Mann vor die Kamera und erklärt in verschiedenen Variationen, dass jemandes Mutter beleidigt werde, jemand erschossen werde, jemand reich sei und Frauen dekorative Randerscheinungen des eigenen Erfolges seien.

Der sprachliche Aufwand erinnert stellenweise an eine literarische Form, die irgendwo zwischen Faust I und einer besonders aggressiven To-do-Liste pendelt.

Es ist eine eigentümliche Reduktion menschlicher Existenz: Geld. Gewalt. Status. Frauen als Trophäen. Wiederholen. Bass drunterlegen.

Die Erzählung des Menschen als Einkaufszettel toxischer Männlichkeit.

Der demokratische Weltuntergang fällt heute leider aus

Nein, Deutschrap wird nicht die Demokratie zerstören. Demokratien sind robuster als empörte Kolumnisten manchmal glauben möchten.

Der Untergang beginnt nicht, weil irgendwo „F****! Sch*****! B****!“ gebrüllt wird.

Aber Kultur wirkt. Sprache wirkt. Wiederholung wirkt.

Und wenn eine Gesellschaft beginnt, die dauerhafte sprachliche Erniedrigung von Frauen als Hintergrundrauschen abzulegen wie Verkehrslärm oder schlechtes Wetter, dann sollte wenigstens gelegentlich jemand die Stirn runzeln.

Nicht aus hysterischer Moralpanik.

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Sondern aus einem simplen Grund:

Weil Aufmerksamkeit vielleicht die letzte Tugend einer Zeit ist, die sich daran gewöhnt hat, selbst die hässlichsten Dinge irgendwann bloß noch zu überhören.

Und irgendwo, tief im kulturellen Maschinenraum, läuft der Beat weiter.

Döp Dö Dö Dö Döp.

Nur dass inzwischen niemand mehr fragt, was eigentlich dazu gesagt wird.