Vor sechsundsiebzig Jahren beschlossen die Vereinten Nationen, den jungen Staat Israel als neues Mitglied der internationalen Gemeinschaft willkommen zu heißen – ein Moment von historischem Gewicht, getragen vom Pathos der Nachkriegsordnung, jener großen Theateraufführung der Menschheit, in der ausgerechnet jene Mächte, die eben noch ganze Kontinente in Schutt gelegt hatten, plötzlich als moralische Hausmeister der Zivilisation auftraten. Die UNO erschien damals wie ein frisch eröffnetes Grandhotel der Hoffnung: viel Marmor, viele Erklärungen, sehr viele Fahnen und ein nahezu religiöser Glaube daran, dass Sitzungen mit Namensschildern den barbarischen Instinkt des Homo sapiens dauerhaft domestizieren könnten. Die Charta klang wie eine Mischung aus Bergpredigt und Verwaltungsformular, und in diesem feierlichen Rahmen erhielt Israel seinen Platz – klein, verwundbar, umringt von Feindschaft, aber ausgestattet mit jener geradezu unverschämten Idee, tatsächlich existieren zu wollen. Seither jedoch vollzog sich eine Transformation, die selbst Franz Kafka vermutlich als „etwas zu allegorisch“ abgelehnt hätte. Denn aus dem ehrwürdigen Forum zur Friedenssicherung wurde schrittweise eine Art internationales Kabarett der selektiven Empörung, in dem Resolutionen gegen Israel in einer Frequenz produziert werden, die an industrielle Fließbandarbeit erinnert. Während anderswo Oppositionelle aus Fenstern fallen, Minderheiten verschwinden, Frauen gesteinigt, Journalisten vergiftet und ganze Städte zerbombt werden, tagt die Weltgemeinschaft mit hochkonzentrierter Stirnfalte über den Bau eines Balkons in Jerusalem. Die Statistik, wonach 69 Prozent aller von UN-Gremien beschlossenen Verurteilungen im letzten Jahrzehnt gegen Israel gerichtet waren, wirkt deshalb weniger wie eine politische Kennzahl als wie eine Pointe aus einer besonders bitteren Satire. Surreal ist daran nicht nur die Zahl selbst, sondern die Gelassenheit, mit der sie hingenommen wird – als hätte sich die Welt an den permanenten Ausnahmezustand moralischer Verzerrung längst gewöhnt wie an schlechtes Flughafenessen oder die Durchsage, dass sich der Abflug „leider um wenige Stunden verzögert“.
Die moralische Mathematik der Weltgemeinschaft
Die Vereinten Nationen haben über die Jahrzehnte eine bemerkenswerte Kunst perfektioniert: die Umwandlung komplexer Konflikte in moralische Einbahnstraßen. Israel spielt darin die Rolle des universellen Sündenbocks, jenes politischen Blitzableiters, an dem sich Staaten abreagieren können, deren eigene Menschenrechtsbilanzen eher an Tatorte erinnern. Es gehört zu den großen Ironien der Geschichte, dass Vertreter von Regimen, in denen freie Wahlen ungefähr denselben Stellenwert besitzen wie vegane Optionen auf einem Piratenschiff, mit bebender Stimme Resolutionen über Demokratie, Völkerrecht und Humanität verabschieden. Man stelle sich die Szenerie vor: Delegierte aus Staaten mit Foltergefängnissen und lebenslangen Präsidenten belehren einen pluralistischen Rechtsstaat über Ethik. Das ist ungefähr so, als würde Caligula einen Workshop über Gewaltenteilung anbieten oder Al Capone einen TED-Talk über Steuertransparenz halten.
Der Menschenrechtsrat der UNO entwickelte sich dabei zu einer Institution von fast dadaistischer Qualität. Staaten, deren Regierungen Oppositionelle einsperren, Homosexuelle verfolgen oder Frauen systematisch entrechten, sitzen dort mit staatsmännischer Würde und verurteilen Israel wegen angeblich unzureichender moralischer Hygiene. Der Widerspruch ist so gigantisch, dass er fast wieder Kunst wird. Man könnte ihn in einem Museum ausstellen, zwischen einem vergoldeten Bürokratenstempel und einem tonnenschweren Aktenordner mit der Aufschrift „Prinzipielle Besorgnis“. George Orwell hätte vermutlich still genickt. Nicht aus Überraschung, sondern aus beruflicher Anerkennung.
Denn das Entscheidende ist nicht die Kritik an Israel an sich. Kritik ist legitim, notwendig und in Israel selbst geradezu Nationalsport. Kaum ein Land führt derart erbitterte Debatten über die eigene Regierung, die eigene Armee, die eigene Identität. Das eigentlich Absurde liegt in der grotesken Unverhältnismäßigkeit, in der ritualisierten Obsession, mit der sich internationale Gremien auf diesen einen Staat fixieren, als hinge das moralische Schicksal der Menschheit ausschließlich an Straßensperren im Westjordanland. Während in anderen Regionen ethnische Säuberungen stattfinden, Frauen wie Eigentum behandelt oder ganze Bevölkerungen terrorisiert werden, starrt die Weltgemeinschaft mit tunnelartiger Hingabe auf Israel wie ein Hypochonder auf einen Mückenstich.
Der bequeme Jude unter den Staaten
Es gibt in der internationalen Politik eine Figur, die seit Jahrhunderten erstaunlich konstant geblieben ist: der Jude als Projektionsfläche. Früher geschah dies religiös, später rassistisch, heute bevorzugt geopolitisch codiert. Der Mechanismus blieb derselbe. Die Welt liebt komplizierte Probleme, solange sich ein einfacher Schuldiger benennen lässt. Israel erfüllt diese Funktion mit beinahe tragischer Perfektion. Es ist westlich genug, um kritisierbar zu erscheinen, demokratisch genug, um sich verteidigen zu müssen, und jüdisch genug, um alte Reflexe in neuem Gewand hervorzurufen. Der moderne Antisemitismus trägt heute oft Maßanzug, spricht die Sprache internationaler Konferenzen und verwendet Vokabeln wie „asymmetrische Eskalationsdynamik“. Aber hinter den akademisch polierten Formulierungen lugt gelegentlich noch immer derselbe primitive Instinkt hervor: die obsessive Sonderbehandlung des jüdischen Staates.
Natürlich wird dies empört bestritten. Man sei lediglich „kritisch gegenüber israelischer Politik“. Das mag vielfach sogar stimmen. Doch wenn ein Staat mit knapp zehn Millionen Einwohnern mehr Aufmerksamkeit erhält als Diktaturen mit Massengräbern, entsteht irgendwann ein Missverhältnis, das nicht mehr politisch, sondern psychologisch erklärungsbedürftig wird. Die Vereinten Nationen wirken dabei wie ein gigantischer literarischer Salon, in dem alle Anwesenden demonstrativ auf denselben Gast einschlagen, während im Nebenzimmer das Gebäude brennt.
Besonders grotesk erscheint diese Dynamik angesichts der historischen Entstehung Israels. Der Staat entstand nicht trotz der Geschichte Europas, sondern wegen ihr. Nach Jahrhunderten von Pogromen, Entrechtung und schließlich industriellem Massenmord versprach die Weltgemeinschaft implizit: Nie wieder. Kaum war Israel jedoch gegründet, begann ein bemerkenswerter Prozess internationaler Ermüdung. Aus Mitgefühl wurde Skepsis, aus Skepsis Gereiztheit und aus Gereiztheit jene Mischung aus moralischer Überheblichkeit und politischer Kurzsichtigkeit, die heute viele Debatten prägt. Der Jude unter den Staaten sollte gefälligst vorbildlich sterben oder wenigstens still leiden – aber bitte nicht bewaffnet zurückschießen, Grenzen kontrollieren oder Sicherheitsinteressen formulieren. Das irritiert das romantische Bedürfnis vieler Beobachter nach klar verteilten Rollen.
Das Theater der Resolutionen
UN-Resolutionen besitzen häufig den Charakter liturgischer Handlungen. Sie werden verlesen, abgestimmt, archiviert und anschließend mit feierlicher Nutzlosigkeit versehen. Kaum irgendwo zeigt sich dies deutlicher als im Nahostkomplex. Dort produziert die internationale Diplomatie Texte in jener einzigartigen Sprache, die gleichzeitig maximal bedeutungsschwer und vollkommen folgenlos klingt. Jeder Satz riecht nach Konferenzkaffee und Teppichboden. „Tiefe Besorgnis“, „ernsthafte Verurteilung“, „dringender Appell“ – die Vokabeln kreisen wie müde Geier über einem Konflikt, den niemand lösen kann, den aber alle kommentieren möchten, weil moralische Entrüstung billiger ist als politische Verantwortung.
Israel dient in diesem Schauspiel oft als idealer Antagonist, weil es sichtbar, streitbar und westlich anschlussfähig bleibt. Über nordkoreanische Gulags lässt sich schwer debattieren, weil niemand hineinkommt. Über syrische Massaker nur begrenzt, weil die geopolitischen Interessen zu kompliziert sind. Israel hingegen liefert täglich Bilder, Stellungnahmen, Prozesse, Opposition, Zeitungsartikel, Demonstrationen und öffentliche Selbstkritik. Kurz gesagt: Transparenz. Und Transparenz ist in der internationalen Politik häufig keine Tugend, sondern eine Einladung zur Daueranklage.
So entsteht ein groteskes Ungleichgewicht. Die UNO gleicht zunehmend einem Arzt, der bei einem Patienten obsessiv den Blutdruck misst, während im Nebenzimmer jemand mit einer Axt herumläuft. Doch die Axt ist diplomatisch unangenehm, während der Blutdruck immerhin messbar bleibt. Also tagt man weiter, verabschiedet weitere Resolutionen und simuliert moralische Produktivität. Bürokratien lieben quantifizierbare Empörung.
Die melancholische Komik der Weltordnung
Das Tragikomische an der gesamten Konstellation liegt letztlich darin, dass alle Beteiligten die Absurdität erkennen und dennoch weiterspielen. Die UNO weiß um ihre strukturellen Widersprüche. Die Mitgliedstaaten wissen um die Doppelmoral. Israel weiß um die ritualisierte Isolation. Und trotzdem setzt sich das Schauspiel fort wie eine besonders langlebige Boulevardkomödie mit nuklearer Kulisse. Die Weltgemeinschaft hält Sonntagsreden über Frieden und toleriert gleichzeitig Regime, die Frieden ungefähr so attraktiv finden wie Vegetarismus bei einem Grillfest.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe der Geschichte: dass die Institution, die einst gegründet wurde, um die Schrecken des 20. Jahrhunderts zu überwinden, heute oft selbst zur Bühne jener alten Reflexe geworden ist, die sie eigentlich bekämpfen sollte. Nicht offen, nicht plump, nicht in den primitiven Parolen vergangener Jahrhunderte, sondern subtiler, technokratischer, geschniegelt wäre hier das falsche Wort, vielmehr geschniegelt wirkend in seiner bürokratischen Eleganz – nur eben ohne die offene Brutalität früherer Zeiten. Die Sprache wurde höflicher, die Mechanismen blieben erschreckend vertraut.
Und so sitzt die Menschheit weiterhin in ihren Konferenzsälen, hebt Tafeln mit „Ja“, „Nein“ oder „Enthaltung“, produziert Resolutionen im Akkord und verwechselt Aktivität mit Moral. Draußen dreht sich die Welt indessen unbeirrt weiter: chaotisch, gefährlich, widersprüchlich. Israel existiert noch immer. Die UNO ebenfalls. Beide verbindet inzwischen eine Beziehung, die an eine dysfunktionale Ehe erinnert, in der jede Partei behauptet, ausschließlich aus Prinzip zu bleiben. Das Ergebnis ist ein Schauspiel von fast literarischer Qualität – irgendwo zwischen Orwell, Ionesco und einer besonders schwarzen Folge politischer Satire. Surreal? Allerdings. Aber Surrealismus war selten so institutionell organisiert.