Der Sonntag als moralische Dauerwerbesendung

Sonntag, 20 Uhr 15, jene sakrosankte Stunde, in der sich die Nation vor dem Bildschirm versammelt, als wäre es ein säkulares Hochamt, zelebriert von Drehbuchautorinnen und -autoren, die zugleich Priester, Moralpädagogen und Sozialkundelehrer sein möchten. Es ist die Stunde des Krimis, genauer: des moralisch aufgeladenen Fernsehkrimis, der nicht nur unterhalten, sondern auch bilden, erziehen und im besten Fall gleich die Welt retten soll – oder zumindest die eigene moralische Selbstvergewisserung. Dass dabei die Figurenkonstellationen bisweilen den Charme eines pädagogischen Lehrstücks entwickeln, das mit der Holzhammermethode arbeitet, wird großzügig in Kauf genommen. Denn wer wollte schon Spannung ohne Haltung? Wer wollte schon Ambivalenz, wenn es doch so viel befriedigender ist, die Welt in sauber beschriftete Schubladen zu sortieren?

Es ist ein Theater der Vorhersehbarkeit, das sich als mutige Gegenwartsdiagnose ausgibt. Kaum hat der Vorspann seine wohlige Beklemmung entfaltet, liegt das Personal bereits wie ein aufgeschlagenes Soziologie-Lehrbuch vor dem Publikum: das Mordopfer ein schwuler Sexarbeiter, die Zeugin eine Schwarze Frau ohne gesicherten Aufenthaltsstatus, irgendwo zwischen Angst, Prekarität und dramaturgischer Zweckmäßigkeit eingefroren. Dazu die Nachbarin, jene kleingeistige Inkarnation des Ordnungswahns, die selbstverständlich „verraten“ wird, alldieweil Verrat hier weniger Handlung als moralische Pflichtübung ist. Man kennt das alles, und genau darin liegt die Pointe: Es wird nicht erzählt, es wird abgearbeitet.

Die Dramaturgie der guten Absichten

Was hier als gesellschaftliche Relevanz verkauft wird, ist in Wahrheit eine Art didaktischer Zwangsjacke, die jede Figur enger schnürt als jede Handschelle. Der schwule Sexarbeiter ist nicht einfach ein Mensch, sondern ein Symbol mit Puls, eine Projektionsfläche für Betroffenheit, sorgfältig kuratiert zwischen Empathie und kalkulierter Tragik. Die Schwarze Zeugin wiederum trägt nicht nur ihre eigene Geschichte, sondern gleich das gesamte Gewicht migrationspolitischer Debatten auf den Schultern, als hätte man beschlossen, dass Individualität in diesem Format ohnehin nur stört.

Die Pointe ist dabei von einer so zuverlässigen Mechanik, dass man sie fast mitsprechen kann: Die bedrohte Frau muss sich verstecken, das Kind blickt mit großen Augen in eine Zukunft, die dramaturgisch exakt bis zur nächsten Werbepause reicht, und irgendwo im Hintergrund knirscht das System, das natürlich schuld ist – aber bitte so, dass es niemandem wirklich weh tut. Kritik, ja, aber in homöopathischer Dosierung, sorgfältig abgestimmt auf die Verdauungsfähigkeit eines Publikums, das sich zwar erschüttern lassen möchte, jedoch nicht nachhaltig.

TIP:  Der virtuelle Brandherd

Moral als Kulisse

Es ist die eigentümliche Ironie dieses Formats, dass es sich selbst für mutig hält, während es doch in Wahrheit die sichersten aller Wege beschreitet. Die Auswahl der Themen wirkt wie ein algorithmisch optimierter Katalog zeitgenössischer Empörungswürdigkeit: Diversität, Diskriminierung, soziale Ungleichheit – alles vorhanden, alles korrekt etikettiert, alles so arrangiert, dass es weder überrascht noch verstört. Die Welt erscheint komplex, aber nur bis zu dem Punkt, an dem sie wieder in klare moralische Linien zerfällt, die man bequem vom Sofa aus nachzeichnen kann.

Dabei wird das Elend ästhetisiert, als wäre es ein besonders anspruchsvolles Bühnenbild. Die Bedrohung der „Ausweisung“ fungiert weniger als reale Angst denn als dramaturgischer Verstärker, ein Signal, das sofort verstanden wird: Hier geht es um mehr als nur einen Mordfall, hier geht es um das große Ganze. Und doch bleibt dieses große Ganze seltsam abstrakt, eine Kulisse, vor der sich Figuren bewegen, die nie ganz zu Menschen werden dürfen, weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, Bedeutung zu tragen.

Das Publikum als stiller Komplize

Das eigentlich Faszinierende ist jedoch die Rolle des Publikums, das sich in dieser Inszenierung zugleich als Richter, Zeuge und moralische Instanz wiederfindet. Man erkennt die Muster, man durchschaut die Konstruktion – und genießt sie gerade deshalb. Es ist ein Einverständnis, das nie ausgesprochen werden muss: Natürlich ist das alles vorhersehbar, natürlich sind die Figuren Schablonen, aber genau darin liegt der Komfort. Die Welt ist kompliziert genug, da darf die Fiktion ruhig ein wenig Ordnung schaffen.

Und so sitzt man also da, Sonntag, 20 Uhr 15, und verfolgt die nächste Variation eines längst bekannten Stücks, in dem die Rollen fest verteilt sind und die Überraschungen sich auf Nuancen beschränken. Man kennt das, selbstverständlich kennt man das. Und vielleicht ist es genau diese Vertrautheit, die den größten Erfolg des Ganzen ausmacht: die Fähigkeit, Komplexität zu simulieren, ohne sie wirklich zu riskieren, und dabei ein Gefühl von moralischer Wachheit zu erzeugen, das so angenehm ist wie ein gut temperierter Raum.

TIP:  Korrelation ist kein Kausalitätsbeweis,

Die Kunst der kalkulierten Betroffenheit

Am Ende bleibt ein merkwürdiger Nachgeschmack, irgendwo zwischen Bewunderung für die handwerkliche Präzision und einem leisen Zweifel an der Aufrichtigkeit des Ganzen. Denn was hier geboten wird, ist weniger eine Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit als eine perfekt choreografierte Übung in Betroffenheit, ein Ritual, das sich Woche für Woche erneuert und dabei stets genau das liefert, was erwartet wird.

Kennt doch jeder, oder? Genau darin liegt das Problem.