Das ist rational nicht mehr begreifbar!

Es gibt Momente, in denen die Wirklichkeit eine Groteske aufführt, so überzeichnet, dass selbst ein geübter Satiriker kurz innehält, den Füllfederhalter absetzt und sich fragt, ob nicht doch jemand heimlich das Drehbuch ausgetauscht hat. Ein Mord, brutal, familiär, unerquicklich konkret: ein Mann tötet seine Frau, verletzt die eigene Tochter schwer – ein Ereignis, das jede noch so routinierte Nachrichtenspalte aus der Bahn werfen sollte, weil es in seiner Tragik die üblichen Schablonen sprengt. Und doch folgt auf diese Tat kein Schweigen, kein tastendes Suchen nach angemessener Sprache, sondern ein pädagogischer Reflex, der so zuverlässig einsetzt wie das Glockenspiel eines gut geölten Uhrwerks. Trauer wird verwaltet, Entsetzen kanalisiert, und das Unbegreifliche wird, wie es scheint, in ein bereits vorbereitetes Deutungsraster gepresst, dessen Existenz offenbar unabhängig vom konkreten Anlass gesichert ist.

An einer Schule – einem Ort also, der sich gern als Brutstätte des Denkens und als Zuflucht vor der Rohheit der Welt versteht – wird nicht etwa der Versuch unternommen, das Geschehene in seiner individuellen, verstörenden Eigenart zu begreifen. Stattdessen wird eine Veranstaltung angesetzt, verpflichtend, versteht sich, denn wer wollte schon freiwillig an der richtigen Gesinnung zweifeln. Geladen sind die Omas gegen Rechts, eine Gruppierung, die sich selbstbewusst in den moralischen Vorhof der Republik gestellt hat, mit der festen Überzeugung, dass die Welt vor allem an der falschen politischen Einstellung krankt – und weniger an der Unberechenbarkeit menschlicher Gewalt.

Die große Umdeutung: Von der Tat zur These

Hier beginnt das eigentliche Schauspiel. Denn während der konkrete Anlass – ein Mord, begangen im engsten sozialen Raum – nach einer differenzierten Betrachtung schreit, wird die Bühne flugs neu dekoriert. Das Thema lautet nicht etwa: familiäre Gewalt, patriarchale Strukturen, Integrationsprobleme oder psychische Abgründe. Nein, das Thema ist größer, abstrakter, moralisch erhabener: Angriffe auf Geflüchtete, die angebliche Deportationslust der AfD und das Vordringen des Rechtsextremismus in die gesellschaftliche Mitte.

TIP:  Diversion ist kein Freispruch, liebe ÖVP!

Man reibt sich die Augen. Nicht, weil diese Themen per se irrelevant wären, sie gehören zweifellos in den Diskurs einer offenen Gesellschaft. Sondern weil sich hier ein eigenartiger Kurzschluss vollzieht: Ein konkretes Verbrechen wird zum Anlass genommen, über etwas ganz anderes zu sprechen. Als hätte die Realität den falschen Stichwortzettel geliefert und müsse nun nachträglich korrigiert werden. Der Mord wird so zum bloßen Stichwortgeber, zur dramaturgischen Rampe für eine bereits feststehende Botschaft. Das Individuelle verschwindet hinter dem Allgemeinen, das Unbequeme hinter dem Bekannten.

Moral als Pflichtfach

Zwar könnte man dies, mit einem Schuss Wokeness, als gut gemeinten (als Gegenteil von gut) Versuch interpretieren, Orientierung zu geben. Doch schon der verpflichtende Charakter der Veranstaltung verleiht der Angelegenheit einen anderen Ton. Hier wird nicht eingeladen zum Nachdenken, sondern angeleitet zum richtigen Denken. Es ist die Pädagogik der fertigen Antwort, die sich nicht mehr mit der Unsicherheit der Frage aufhalten möchte. Wer trauert, soll zugleich lernen; wer erschüttert ist, soll bitte auch die korrekte politische Einordnung mitnehmen – am besten im selben Atemzug.

Die Philosophin Hannah Arendt, deren Name die Schule trägt, hätte womöglich leise die Stirn gerunzelt. Sie, die das Denken als eine Tätigkeit verstand, die gerade im Angesicht des Ungeheuerlichen nicht aufhören darf, hätte sich vielleicht gewundert über diese bemerkenswerte Eile, mit der das Ereignis in ein vertrautes Narrativ überführt wird. Denn Denken, so Arendt, beginnt dort, wo die Routine versagt – nicht dort, wo sie triumphiert.

Die Unfähigkeit zur Zumutung

Was hier sichtbar wird, ist weniger ein politisches Problem als ein kulturelles: die zunehmende Unfähigkeit, Widersprüche auszuhalten. Ein Mord durch einen Geflüchteten passt nicht reibungslos in das Bild der Schutzbedürftigen; ebenso wenig passt er in das einfache Gegenbild der pauschalen Verurteilung. Er ist, mit anderen Worten, unerquicklich komplex. Und genau diese Komplexität scheint unerträglich geworden zu sein. Also wird sie umgangen, umgedeutet, überblendet.

TIP:  Die große Umstellung der Moralmaschine

Satirisch betrachtet hat das etwas Tröstliches: Die Welt bleibt überschaubar, solange sie sich in bekannte Kategorien einordnen lässt. Tragisch ist nur, dass dabei das eigentliche Ereignis – das Leiden der Betroffenen, die verstörte Schulgemeinschaft, die unbequemen Fragen nach Ursachen und Konsequenzen – zur Randnotiz verkommt. Es ist, als würde man auf einen Brand mit einem Vortrag über Brandschutzverordnungen reagieren, ohne das Feuer selbst zu löschen.

Der Triumph der richtigen Absicht

Am Ende steht eine seltsame Form von moralischem Selbstgewinn. Man hat reagiert, man hat Haltung gezeigt, man hat – und das ist in Zeiten wie diesen vielleicht das Wichtigste – auf der richtigen Seite gestanden. Dass dabei die Verbindung zwischen Anlass und Botschaft brüchig bleibt, wird zur Nebensache. Die Absicht heiligt die didaktische Konstruktion.

Und so bleibt ein schaler Nachgeschmack, der sich nicht ganz vertreiben lässt. Nicht, weil Engagement verwerflich wäre oder politische Bildung überflüssig. Sondern weil hier der Eindruck entsteht, dass das Denken durch ein vorgefertigtes Skript ersetzt wurde. Ein Skript, das zuverlässig abgespult wird, unabhängig davon, was tatsächlich geschehen ist.

Vielleicht liegt die eigentliche Irrationalität also nicht in der Welt selbst, die schon immer zu grausamen Überraschungen fähig war. Sondern in dem hartnäckigen Versuch, sie um jeden Preis in ein Raster zu zwingen, das beruhigt, ordnet und – vor allem – die eigene moralische Position bestätigt. Ein Raster, das mehr über diejenigen verrät, die es anwenden, als über die Wirklichkeit, die es zu erklären vorgibt.

Please follow and like us:
Pin Share