Die Ernennung des Brandstifters zum Feuerwehrhauptmann

Es gehört zu den zuverlässigsten Ritualen der internationalen Politik, dass sie ihre eigene Groteske mit ernster Miene vorträgt. Kaum hat sich der Staub der letzten Resolution gelegt, wird schon die nächste Absurdität mit diplomatischer Gravität versiegelt. Die jüngste Volte – die Nominierung der Islamischen Republik Iran zur Mitgestaltung von Politikfeldern wie Frauenrechten, Menschenrechten, Abrüstung und Terrorismus – fügt sich nahtlos in diese Tradition ein. Es ist, als hätte man den Fuchs zum Hüter des Hühnerstalls bestellt und anschließend eine Kommission eingesetzt, die prüft, ob Federn wirklich notwendig sind.

„Die Welt ist eine Bühne“, ließ William Shakespeare einst sagen, doch selbst er hätte Mühe gehabt, diese Inszenierung glaubwürdig zu dramatisieren. Denn hier wird nicht nur gespielt, hier wird eine Parodie zur Realität erklärt. Die Vereinten Nationen, jene ehrwürdige Institution, die sich gern als moralischer Kompass der Menschheit versteht, vollziehen einen Akt, der weniger an Orientierung erinnert als an akute Schwindelanfälle. Der Gedanke, dass ein Staat, dessen Umgang mit Frauenrechten regelmäßig Gegenstand internationaler Kritik ist, nun an der Ausgestaltung eben jener Rechte mitwirken soll, besitzt eine Ironie, die so dick ist, dass sie sich beinahe schneiden ließe.

Die Kunst der moralischen Akrobatik

Es wäre jedoch zu einfach, diese Entscheidung als bloße Fehlleistung abzutun. Vielmehr handelt es sich um ein Meisterstück diplomatischer Akrobatik, bei dem Prinzipien so lange gedehnt werden, bis sie sich in wohlklingende Worthülsen verwandeln. „Dialog ist der Schlüssel“, heißt es dann, als sei der Schlüssel nicht längst verbogen. „Einbindung statt Ausgrenzung“, wird beschworen, als könne Nähe allein die Natur eines Systems verändern.

Die Liste der unterstützenden Staaten liest sich dabei wie ein Who’s who liberaler Demokratien: Vereinigtes Königreich, Spanien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Norwegen, Niederlande, Australien, Schweiz, Österreich, Finnland. Länder, die sich gern als Verteidiger universeller Werte präsentieren, reichen hier gemeinsam die Hand – oder, weniger poetisch formuliert, sie reichen den Stempel. Es ist ein seltenes Schauspiel, bei dem sich Prinzipien und Pragmatismus nicht etwa begegnen, sondern einander höflich aus dem Weg gehen.

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Ein alter diplomatischer Witz besagt: „Wenn alle zustimmen, hat niemand mehr genau hingehört.“ In diesem Fall scheint es eher, als hätten alle sehr genau hingehört – und sich dennoch entschieden, die Lautstärke herunterzudrehen. Denn die Realität stört nur, wenn sie nicht in den Konsens passt.

Die Logik des Absurden als System

Man könnte versucht sein, hierin bloß Heuchelei zu erkennen. Doch das greift zu kurz. Es handelt sich vielmehr um eine eigene Logik, eine Logik des Absurden, die in internationalen Organisationen mit bewundernswerter Konsequenz gepflegt wird. Wer Teil des Systems ist, darf mitgestalten – unabhängig davon, was er gestaltet hat. Oder, wie es ein zynischer Beobachter formulieren könnte: „Legitimität entsteht nicht durch Verhalten, sondern durch Teilnahme.“

Diese Denkweise hat einen gewissen Charme, zumindest aus bürokratischer Perspektive. Sie erlaubt es, Konflikte in Gremien zu verlagern, Probleme in Protokolle zu verwandeln und Widersprüche in Arbeitsgruppen zu parken. Dass dabei bisweilen der Eindruck entsteht, man habe den Bock zum Gärtner gemacht, wird als bedauerliche, aber unvermeidliche Nebenwirkung verbucht.

Ein besonders beliebtes Argument lautet, dass gerade problematische Akteure eingebunden werden müssten, um Fortschritte zu erzielen. Das klingt vernünftig – bis zu dem Punkt, an dem die Grenze zwischen Einbindung und Einflussnahme verschwimmt. Denn wer mitgestaltet, gestaltet mit. Und wer mitgestaltet, prägt Normen, verschiebt Prioritäten, verwässert Definitionen. „Der Teufel steckt im Detail“, heißt es. In diesem Fall sitzt er möglicherweise mit am Tisch und formuliert die Tagesordnung.

Die Dialektik der Selbstentwertung

Das eigentliche Drama liegt jedoch tiefer. Es ist nicht nur die einzelne Entscheidung, die irritiert, sondern die kumulative Wirkung solcher Entscheidungen. Jede dieser Episoden trägt dazu bei, das normative Fundament auszuhöhlen, auf dem Institutionen wie die Vereinten Nationen ruhen. Wenn alles verhandelbar wird, wird irgendwann auch das Unverhandelbare zur Verhandlungsmasse.

Die Dialektik ist dabei von beinahe tragischer Schönheit: Im Versuch, inklusiv zu sein, wird die eigene Glaubwürdigkeit exkludiert. Im Bemühen, alle an einen Tisch zu holen, wird der Tisch selbst instabil. „Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein“, lautet ein Bonmot, das hier eine unangenehme Aktualität gewinnt.

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Dabei wäre es zu billig, einzelne Staaten moralisch zu verurteilen und die Institution selbst aus der Verantwortung zu entlassen. Die Unterstützerländer tragen ihren Teil zu dieser Entwicklung bei – nicht unbedingt aus Zynismus, sondern oft aus einer Mischung aus Realpolitik, Bündnislogik und dem Wunsch, den Laden irgendwie am Laufen zu halten. Doch genau darin liegt das Problem: Wenn das Funktionieren wichtiger wird als die Prinzipien, wird das System funktional – aber nicht mehr legitim.

Das Lächeln der Ironie

Und doch bleibt ein Rest von Humor, ein schiefes, leicht bitteres Lächeln angesichts der Absurdität. Vielleicht ist es genau dieses Lächeln, das die Situation erträglich macht. Denn in der Übertreibung liegt eine gewisse Klarheit. Wenn ein Staat mit zweifelhaftem Ruf in Fragen der Menschenrechte an deren Ausgestaltung mitwirkt, wird die Diskrepanz so offensichtlich, dass sie kaum noch zu übersehen ist.

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, schrieb Ingeborg Bachmann. In diesem Fall ist es weniger die Wahrheit als die Ironie, die zumutbar wird – und vielleicht sogar notwendig. Denn ohne den Blick für das Absurde droht die Gefahr, das Absurde für normal zu halten.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass internationale Politik selten das ist, was sie vorgibt zu sein. Sie ist ein Geflecht aus Interessen, Zwängen, Kompromissen und gelegentlichen Selbstparodien. Die Nominierung der Islamischen Republik Iran zur Mitgestaltung zentraler normativer Politikfelder ist dabei kein Ausrutscher, sondern ein Symptom. Ein Symptom dafür, dass die Weltordnung nicht nur von Konflikten geprägt ist, sondern auch von einem erstaunlichen Talent zur Selbstironie – ob beabsichtigt oder nicht.

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