Die neue Unantastbarkeit

Es gehört zu den eigentümlichen Ironien der Gegenwart, dass ausgerechnet jene Institutionen, die sich historisch als Bollwerke gegen Machtmissbrauch, Propaganda und ideologische Verhärtung verstanden wissen wollten, eine Aura der Unantastbarkeit ausgebildet haben, die jeder Kritik eine verdächtige Färbung verleiht. Einst war es die Armee, deren Infragestellung als Sakrileg galt – wer den Generalstab kritisierte, galt als potenzieller Landesverräter. Heute scheint sich diese Logik, in zivilisierterem Tonfall, aber mit kaum geringerer moralischer Schwere, auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk übertragen zu haben. Wer an ARD, ZDF, SRG oder ORF rührt, rührt – so die implizite Botschaft – nicht nur an Programmschemata oder Gebührenordnungen, sondern am Fundament der demokratischen Ordnung selbst.

Diese diskursive Immunisierung ist bemerkenswert effektiv. Kritik wird nicht mehr primär inhaltlich beantwortet, sondern kontextualisiert, moralisch eingeordnet, etikettiert. Wer fragt, ob ein System mit Dutzenden Sendern und Milliardenbudgets womöglich überdimensioniert sei, stellt sich – so die subtile Verschiebung – nicht gegen Strukturen, sondern gegen Werte. Und Werte, das weiß jede halbwegs geschulte Öffentlichkeit, sind sakrosankt.

Das Bullshit-Bingo der Abwehr

Wenn Florian Hager den Vorwurf, der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei zu groß oder politisch einseitig, als „politisches Bullshit-Bingo“ abtut, dann liegt darin mehr als nur eine flapsige Pointe. Es ist eine rhetorische Strategie, die Kritik nicht widerlegt, sondern trivialisiert. Die Argumente erscheinen nicht falsch, sondern unerquicklich banal – ein immergleiches Störgeräusch aus der Peripherie der Vernunft.

Das Raffinierte daran: Wer sich dennoch weiter äußert, bestätigt unfreiwillig die Diagnose. Wieder ein Bingo-Feld angekreuzt. Wieder ein Beweis dafür, dass hier keine ernsthafte Auseinandersetzung gesucht wird, sondern – so die implizite Unterstellung – ein politisches Projekt der Delegitimierung betrieben wird. Kritik wird damit in eine Art semantisches Hamsterrad eingespannt: Jede Wiederholung entwertet sie weiter.

Dass diese Haltung nach „75 Jahren“ immer wieder auftauche, wie Hager bemerkt, ließe sich auch anders lesen – etwa als Hinweis darauf, dass bestimmte Fragen offenbar nie ganz verschwinden. Doch diese Lesart würde voraussetzen, dass Wiederkehr nicht nur als Störung, sondern auch als Symptom begriffen wird. Eine solche Selbstreflexion ist im Modus institutioneller Selbstverteidigung naturgemäß selten.

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Die Reise ins politisch Richtige

Die von Lucien Scherrer zitierte Reportage von Franziska Ramser folgt einem dramaturgisch durchaus eleganten Muster: Man besucht die üblichen Verdächtigen, spricht mit Vertretern von AfD und FPÖ, reist nach Wien, konsultiert einen Politologen und den ORF-Moderator Dieter Bornemann, der den Qualitätsjournalismus zum „größten Feind der Populisten“ erklärt, und endet schließlich bei der autoritativen Stimme des Systems selbst.

Das Ergebnis ist vorhersehbar und gerade deshalb wirkungsvoll: Die Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk erscheint eingebettet in ein Milieu, das bereits diskreditiert ist. Die argumentative Kette funktioniert weniger durch Beweis als durch Assoziation. Wer kritisiert, steht – zumindest implizit – in einer Reihe mit Alice Weidel, Donald Trump oder Elon Musk. Und wer möchte schon freiwillig in einer solchen Gesellschaft gesehen werden?

So entsteht ein diskursives Klima, in dem nicht mehr nur die Frage zählt, was gesagt wird, sondern wer es sagt – und mit wem man dadurch vermeintlich gemeinsam spricht. Die alte Logik der Kontaktschuld, geschniegelt und gebügelt für das Zeitalter der Medienethik.

Größe als Tugend, Vielfalt als Argument

Die Zahlen wirken zunächst beeindruckend: 21 Fernsehsender, über siebzig Radioprogramme, ein Budget von rund zehn Milliarden Euro. Doch in der Argumentation wird aus Quantität rasch Qualität. Größe wird zur Voraussetzung von Vielfalt, Vielfalt zur Voraussetzung von Demokratie, und Demokratie – nun ja, die steht bekanntlich über jeder Kritik.

Dass ein System dieser Dimensionen auch Trägheiten, Redundanzen und institutionelle Eigenlogiken entwickelt, wird selten thematisiert. Stattdessen dominiert die Vorstellung, dass mehr Angebot automatisch mehr Pluralismus bedeute. Eine These, die so eingängig ist wie ein Werbeslogan – und ähnlich selten empirisch hinterfragt wird.

Dabei wäre die Frage, ob strukturelle Größe tatsächlich zu inhaltlicher Vielfalt führt oder eher zu einer Homogenisierung durch gemeinsame Milieus und Denkweisen, durchaus legitim. Doch sie bleibt oft im Schatten der moralischen Großthese: Wer Vielfalt infrage stellt, stellt sich gegen die Vielfalt selbst.

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Der Kulturkampf als Spiegel

Die vielleicht eleganteste Wendung besteht darin, jede Kritik als Teil eines „Kulturkampfs von rechts“ zu rahmen. Damit wird das Problem nicht gelöst, sondern verschoben – von der Sachebene auf die Ebene politischer Motive. Kritik ist dann nicht mehr ein möglicher Beitrag zur Verbesserung, sondern ein Symptom ideologischer Verirrung.

Das hat einen doppelten Effekt: Zum einen immunisiert es die Institution gegen externe Einwände. Zum anderen stabilisiert es das Selbstbild als letzte Bastion gegen irrationale Kräfte. In dieser Konstellation wird jede Kritik paradoxerweise zum Beweis der eigenen Notwendigkeit.

So schließt sich der Kreis. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk verteidigt sich gegen seine Kritiker, indem er sie in ein Narrativ einordnet, das seine eigene Existenz rechtfertigt. Kritik wird zur Bestätigung, Opposition zur Legitimation.

Ein System ohne Außen?

Am Ende bleibt die Frage, ob ein System, das Kritik primär als Angriff interpretiert, noch über ein echtes Außen verfügt – oder ob es sich in einer diskursiven Selbstreferenz eingerichtet hat, in der jede Abweichung bereits eingeplant ist. Die Pointe ist so schlicht wie unerquicklich: Ein System, das sich gegen jede Kritik immunisiert, braucht keine Zensur mehr. Es genügt, die Kritiker zu etikettieren.

Und so steht der öffentlich-rechtliche Rundfunk heute in einer eigentümlichen Doppelrolle: als Hüter der offenen Gesellschaft – und als Institution, die sich selbst zunehmend gegen Offenheit abschirmt. Eine Konstellation, die weniger durch ihre Widersprüchlichkeit irritiert als durch ihre erstaunliche Stabilität.

Vielleicht ist das die eigentliche Meisterleistung: nicht die Abwehr der Kritik, sondern ihre Integration in ein Narrativ, das jede Kritik schon im Voraus erklärt – und damit entkräftet, ohne sie je wirklich zu widerlegen.

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