Der Held wider Willen

oder Wie man aus einem Schlusslicht eine Hauptfigur schnitzt

Es gehört zu den großen Errungenschaften spätmoderner Demokratien, dass sie in der Lage sind, aus politischer Bedeutungslosigkeit ästhetischen Mehrwert zu generieren. Wo früher Wahlergebnisse nüchtern zur Kenntnis genommen wurden, beginnt heute die eigentliche Arbeit erst nach dem Abpfiff: die kuratorische Veredelung des Verlierers. „Der Wahlkampf“ – schon der Titel klingt wie ein Versprechen, das sich selbst nicht ganz ernst nimmt – widmet sich ausgerechnet jener Figur, die im politischen Ranking eher als Fußnote denn als Kapitelüberschrift firmierte. Nicht der mutmaßliche Sieger, nicht der Amtsinhaber, sondern der Mann aus der dritten Reihe, der nun plötzlich ins Zentrum der filmischen Aufmerksamkeit rückt, als hätte die Realität nur darauf gewartet, von der Kunst korrigiert zu werden.

Andreas Babler erscheint in diesem Setting weniger als politischer Akteur denn als Projekt: ein Rohmaterial, das erst durch die Linse jene Konturen erhält, die ihm im politischen Alltag offenbar fehlten. „Man muss ihm nur Zeit geben“, könnte eine wohlmeinende Stimme aus dem Off säuseln, und man ahnt, dass diese Zeit vor allem aus sorgfältig geschnittenen Einstellungen besteht, die aus Unsicherheit Authentizität und aus Beliebigkeit Bodenständigkeit destillieren. Der Außenseiter wird so zum tragischen Helden umgedeutet, nicht weil er es ist, sondern weil es dramaturgisch schlicht reizvoller erscheint.

Die Kamera lügt nicht – sie lässt nur das Entscheidende weg

Der Dokumentarfilm, dieses angebliche Bollwerk der Wirklichkeit, erweist sich einmal mehr als Meister der selektiven Wahrnehmung. Die Kamera begleitet, sie beobachtet, sie nickt gewissermaßen zustimmend, während ihr Protagonist sich durch einen Wahlkampf bewegt, der in der Realität eher als mühsames Abtasten denn als heroische Reise wahrgenommen wurde. Doch im Film gilt eine andere Logik: Hier wird jeder halbwegs gelungene Satz zur rhetorischen Sternstunde, jede Begegnung zum Beweis politischer Erdung.

Was nicht ins Bild passt, verschwindet elegant im Off, wo es niemanden stört. Zweifel, strategische Schwächen, das gelegentlich spürbare Vakuum hinter den Parolen – all das bleibt der unsichtbare Elefant im Schneideraum. „Es geht um die Geschichte, nicht um die Statistik“, könnte ein Regisseur erklären, und man möchte ergänzen: vor allem nicht um jene Statistik, die den Protagonisten zuverlässig ans Ende der Tabelle verbannt hat. So entsteht ein Porträt, das weniger mit der politischen Figur Babler zu tun hat als mit der Sehnsucht nach einem solchen Typus: ehrlich, nahbar, und vor allem – ungefährlich.

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Förderpolitik oder Die hohe Kunst des wohltemperierten Wohlwollens

Dass ein derartiges Projekt nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern auf den Schultern öffentlicher Förderstrukturen ruht, verleiht der Angelegenheit eine zusätzliche Note, die irgendwo zwischen Farce und Folklore oszilliert. Ein Kulturministerium mit ausgeprägtem Sinn für die richtige Form von Relevanz, ein städtischer Filmfonds, der sich seiner politischen DNA nicht schämt, und ein Bundesland, dessen zuständiger Landesrat zufällig aus demselben politischen Biotop stammt wie der porträtierte Protagonist – es ist ein Ensemble, das in seiner Harmonie fast schon rührend wirkt.

„Wir fördern Inhalte, keine Personen“, lautet die offizielle Devise, und selten klang ein Satz so sehr nach gepflegter Selbstberuhigung. Denn natürlich ist es ein Inhalt, der hier gefördert wird – ein Inhalt namens Babler, sorgfältig verpackt in die Ästhetik des Dokumentarischen. Die strukturelle Nähe wird dabei nicht als Problem, sondern als Qualität begriffen: Man kennt einander, man versteht einander, und vor allem weiß man, welche Geschichten erzählt werden sollen. Dass dabei ausgerechnet der politisch Schwächste zur Hauptfigur avanciert, wirkt weniger wie ein Zufall als wie ein Akt wohlwollender Korrektur der Realität.

Der kleine Mann ganz groß oder Die Infantilisierung der Politik

Besonders bemerkenswert ist die Art und Weise, wie Babler im filmischen Kontext aufgeladen wird. Aus dem eher blassen Oppositionspolitiker wird ein „Mann aus dem Volk“, ein Kämpfer gegen die Widrigkeiten eines Systems, das ihn – welch Überraschung – bislang nicht an die Spitze gespült hat. Diese Erzählung hat etwas zutiefst Tröstliches: Wenn schon der Erfolg ausbleibt, dann soll wenigstens die Geschichte stimmen.

„Er sagt, was Sache ist“, könnte ein begeisterter Unterstützer in die Kamera raunen, während der Film alles daransetzt, genau diesen Eindruck zu erzeugen – unabhängig davon, ob tatsächlich etwas von Substanz gesagt wird. Die Grenze zwischen Authentizität und Einfalt verschwimmt dabei auf eine Weise, die fast schon poetisch wirkt. Der Politiker wird zum Sympathieträger reduziert, zur Figur, die man mögen soll, gerade weil sie nicht allzu sehr herausfordert. Es ist die Infantilisierung des Politischen: Komplexität wird durch Nähe ersetzt, Inhalt durch Haltung, und am Ende bleibt ein freundliches Gesicht, das sich hervorragend in Großaufnahme macht.

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Preisreif oder Die Selbstfeier des Systems

Bleibt die Frage nach der Krönung dieses sorgfältig inszenierten Unternehmens. Ein Filmpreis, so scheint es, wäre nur folgerichtig – nicht unbedingt als Auszeichnung für künstlerische Kühnheit, sondern als Bestätigung eines Systems, das sich in solchen Projekten selbst erkennt und belohnt. Man stelle sich die Jury vor, die mit ernster Miene über die „gesellschaftliche Relevanz“ debattiert, während im Hintergrund bereits die Sektgläser bereitstehen.

„Ein wichtiger Beitrag zur demokratischen Kultur“, wird es heißen, und man wird kaum widersprechen können – wenn man darunter versteht, dass Demokratie hier vor allem als Bühne für wohlfinanzierte Selbstvergewisserung dient. Der Film über Babler wäre dann weniger ein Porträt eines Politikers als ein Denkmal für jene Strukturen, die es ermöglichen, aus politischer Schwäche ästhetische Stärke zu konstruieren.

Und so endet das Ganze, wie es begonnen hat: mit einem leisen, aber hartnäckigen Zweifel. Nicht daran, dass ein solcher Film existieren darf – im Gegenteil, seine Existenz ist geradezu symptomatisch –, sondern daran, was er über das Verhältnis von Politik, Kunst und Öffentlichkeit verrät. Vielleicht liegt die eigentliche Pointe nämlich darin, dass hier nicht ein Politiker verklärt wird, sondern ein ganzes System sich selbst beim Schönreden zusieht – und dafür auch noch Applaus erwartet.

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