Energiewende, aber bitte mit Verstand und einem Minimum an Ironieresistenz

Es gehört mittlerweile zum guten Ton, die „Energiewende“ mit der gleichen Inbrunst zu beschwören wie einst mittelalterliche Bußprediger das Jüngste Gericht: pathetisch, alternativlos, moralisch unangreifbar – und leider oft ebenso unerquicklich in der praktischen Umsetzung. Wer es wagt, die liturgischen Formeln zu hinterfragen, riskiert umgehend den Verdacht, heimlich Kohle zu streicheln oder nachts Ölraffinerien zu umarmen. Dabei wäre es doch, nüchtern betrachtet, geradezu ein Gebot der intellektuellen Redlichkeit, den Unterschied zwischen Wunschbild und Wirklichkeit nicht vollständig dem politischen Marketing zu überlassen. „Die Energiewende ist machbar“, heißt es dann. Gewiss. Auch eine Mondkolonie ist machbar. Die Frage ist lediglich: zu welchem Preis, mit welchen Mitteln – und vor allem mit welchem Maß an Selbsttäuschung?

Der Charme der Verdrängung

Die derzeitige Praxis gleicht einer Mischung aus moralischem Hochamt und infrastrukturellem Blindflug. Windräder werden errichtet, wo der Wind gelegentlich vorbeischaut, Solarpaneele installiert, wo die Sonne im Winter höflich abwesend ist, und Speicherlösungen werden beschworen wie Einhörner in energiepolitischen Märchenbüchern. „Der Markt wird das schon regeln“, lautet ein oft zitierter Satz, der in seiner naiven Gelassenheit beinahe poetische Qualität besitzt. Der Markt, dieses mythische Wesen, das offenbar gleichzeitig allwissend und vollkommen desinteressiert an physikalischen Realitäten ist.

Dabei wäre die Ausgangslage denkbar einfach: Energie muss jederzeit verfügbar sein, nicht nur dann, wenn es politisch opportun oder meteorologisch günstig ist. Diese banale Tatsache wird jedoch gerne als technisches Detail abgetan, das die große Vision nicht unnötig stören soll. Es ist, als würde man beschließen, ein Orchester ohne Dirigenten spielen zu lassen, weil Harmonie ja ein moralisch erstrebenswerter Zustand ist.

Fracking, das böse Wort mit dem praktischen Nutzen

In diesem Kontext wirkt der kategorische Verzicht auf heimische Schiefergasreserven in Österreich und Deutschland wie ein Akt geradezu rührender Selbstverleugnung. „Zu riskant“, heißt es, „zu umweltschädlich“, „gesellschaftlich nicht akzeptabel“. Gleichzeitig wird Gas importiert, vorzugsweise aus Regionen, in denen Umweltstandards eher als lose Empfehlung denn als verbindliche Regel verstanden werden. Diese Form der moralischen Arbeitsteilung hat eine gewisse Eleganz: Die eigene Weste bleibt weiß, während anderswo die Realität die Drecksarbeit erledigt.

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Ein „kontrollierter Abbau heimischer Ressourcen“ könnte hingegen als das gelten, was er ist: ein pragmatischer Übergangsschritt. Modernste Technologien, strenge Auflagen, transparente Verfahren – all das ließe sich implementieren, wenn der politische Wille nicht bereits im Vorfeld an der eigenen Symbolpolitik scheitern würde. Doch stattdessen wird das Thema behandelt wie ein ungebetener Gast, den man möglichst schnell wieder zur Tür hinauskomplimentiert, bevor er unangenehme Fragen stellt.

CO₂-Abscheidung, der verbotene Zaubertrick

Noch faszinierender ist die beinahe dogmatische Ablehnung der CO₂-Abscheidung. Dabei handelt es sich um eine Technologie, die – man höre und staune – tatsächlich Emissionen reduziert, ohne gleichzeitig die industrielle Basis zu zerlegen. „Zu teuer“, „zu ineffizient“, „lenkt vom eigentlichen Ziel ab“ – die Liste der Einwände ist so lang wie vorhersehbar. Und doch bleibt der Eindruck, dass hier weniger technische als vielmehr ideologische Barrieren am Werk sind.

Die Ironie ist schwer zu übersehen: Während man sich öffentlich zur Reduktion von Emissionen bekennt, wird eine der wenigen verfügbaren Technologien, die genau das leisten könnte, mit bemerkenswerter Konsequenz ignoriert oder gar verboten. Es ist, als würde ein Feuerwehrmann den Einsatz von Wasser ablehnen, weil es nicht aus erneuerbaren Quellen stammt.

Atomkraft, das ungeliebte Arbeitstier

Und dann wäre da noch die Atomkraft – jenes energiepolitische Reizthema, das zuverlässig jede sachliche Diskussion in ein emotionales Schlachtfeld verwandelt. „Zu gefährlich“, „nicht nachhaltig“, „gesellschaftlich nicht akzeptiert“ – die bekannten Argumente stehen bereit wie sorgfältig polierte Requisiten. Dabei wird gerne übersehen, dass moderne Reaktortechnologien mit den Anlagen vergangener Jahrzehnte nur noch den Namen gemein haben.

Atomkraft liefert, was erneuerbare Energien oft nicht können: konstante, planbare, CO₂-arme Energie in großen Mengen. Sie ist, um im Bild zu bleiben, der unscheinbare, aber verlässliche Arbeiter im Maschinenraum, während auf Deck die symbolträchtigen Segel im Wind flattern. Dass dieser Arbeiter systematisch aus dem Dienst entlassen wird, während gleichzeitig die Versorgungssicherheit beschworen wird, verleiht der gesamten Debatte eine fast schon tragikomische Note.

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Das radikale Umdenken, das keines sein darf

„Ein radikales Umdenken ist notwendig“, lautet eine oft wiederholte Forderung. Doch was darunter verstanden wird, bleibt bemerkenswert einseitig. Radikal bedeutet offenbar: mehr vom Gleichen, nur entschlossener. Mehr Subventionen, mehr Ausbau, mehr moralischer Druck – aber bitte keine unangenehmen Fragen zu Versorgungssicherheit, Kosten oder technologischer Offenheit.

Ein tatsächlich radikales Umdenken würde hingegen bedeuten, die Energiewende als das zu begreifen, was sie ist: ein komplexes, technisch anspruchsvolles Großprojekt, das weder mit Wunschdenken noch mit ideologischen Scheuklappen zu bewältigen ist. Es würde bedeuten, Optionen nicht nach ihrer symbolischen Reinheit, sondern nach ihrer praktischen Wirksamkeit zu bewerten. Es würde bedeuten, sich von der Vorstellung zu verabschieden, dass gute Absichten allein physikalische Gesetze außer Kraft setzen können.

Optimismus mit Bodenhaftung

Und dennoch – bei aller Polemik, bei allem berechtigten Spott – bleibt ein vorsichtiger Optimismus. Denn die notwendigen Lösungen existieren bereits, zumindest in Ansätzen. Eine Kombination aus erneuerbaren Energien, heimischer Ressourcen, CO₂-Abscheidung und moderner Kernenergie könnte tatsächlich eine stabile, nachhaltige und wirtschaftlich tragfähige Energieversorgung ermöglichen. Es wäre, um es pathetisch zu formulieren, eine Energiewende, die diesen Namen auch verdient.

„Technologieoffenheit“, „Pragmatismus“, „Realismus“ – Worte, die derzeit eher nach Randnotiz als nach Leitprinzip klingen, könnten dabei zu zentralen Begriffen werden. Vorausgesetzt, man erlaubt ihnen, die Bühne zu betreten, anstatt sie hinter den Kulissen der politischen Inszenierung zu verstecken.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Energiewende kein Glaubensbekenntnis ist, sondern eine ingenieurtechnische Herausforderung. Und wie jede solche Herausforderung verlangt sie weniger Pathos und mehr Präzision, weniger Symbolik und mehr Substanz. Oder, um es mit einem gewissen trockenen Humor zu sagen: Es wäre durchaus hilfreich, wenn die Energiepolitik sich gelegentlich an der Realität orientieren würde – sie hat sich bislang als erstaunlich resistent gegenüber politischen Beschlüssen erwiesen.

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