Der indigene Mensch als politisches Kunstprodukt

Es gibt Begriffe, die ursprünglich der Beschreibung dienten und sich im Laufe der Zeit zu Instrumenten der moralischen Aufladung entwickelten. „Indigen“ gehört zweifellos in diese Kategorie. Einst ein nüchterner Terminus zur Bezeichnung von Bevölkerungen mit langer historischer Bindung an ein Gebiet, ist er heute ein diskursives Universalwerkzeug, das je nach Bedarf Identität verleiht, moralische Ansprüche begründet oder politische Konflikte strukturiert. Der Begriff ist nicht länger Beschreibung, sondern Auszeichnung – ein Prädikat, das über Opferstatus, historische Schuld und gegenwärtige Ansprüche entscheidet.

Dabei haftet ihm eine eigentümliche Aura des Unantastbaren an. Wer als „indigen“ gilt, scheint automatisch auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, gewissermaßen immun gegen Kritik, geadelt durch eine Vergangenheit, die nicht mehr hinterfragt werden darf. In dieser Logik verwandelt sich Geschichte in eine Art moralisches Kapital, dessen Besitz politische Forderungen legitimiert. Der Begriff wird damit zu einer Art diskursivem Adelstitel, dessen Vergabe weniger von empirischen Befunden als von ideologischen Präferenzen abhängt.

Die Erfindung der Ursprünglichkeit

Die Frage, wer „zuerst da war“, wirkt auf den ersten Blick schlicht, fast kindlich, wie ein Streit um die erste Reihe im Sandkasten der Geschichte. Doch in ihrer politischen Aufladung entfaltet sie eine erstaunliche Sprengkraft. Denn wer als erster gilt, beansprucht nicht nur chronologische Priorität, sondern auch moralische Überlegenheit. Der Erste wird zum Opfer, der Spätere zum Eindringling – ein binäres Schema, das der Komplexität historischer Prozesse mit der Eleganz eines Holzschnitts begegnet.

Tacitus, jener frühe Ethnologe wider Willen, hielt die Germanen für autochthon, weil niemand bei klarem Verstand freiwillig in ihre sumpfigen Wälder gezogen wäre. Eine charmante Theorie, die mehr über römische Selbstwahrnehmung als über tatsächliche Migrationsbewegungen aussagt. Doch sie markiert den Beginn einer langen Tradition: der Projektion von Ursprünglichkeit auf jene, die man zugleich bewundert und belächelt.

In der Moderne hat sich diese Projektion verfeinert. Der „edle Wilde“ trägt heute keine Tierfelle mehr, sondern wird mit kultureller Authentizität ausgestattet, die sich in Trachten, Ritualen und einer vermeintlich ursprünglichen Lebensweise manifestiert. Kathrine Nedrejord erscheint in dieser Logik nicht nur als Schriftstellerin, sondern als kulturelle Repräsentantin einer als „indigen“ etikettierten Identität – eine Rolle, die ebenso sehr Erwartung wie Beschreibung ist.

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Die Sami und die Sehnsucht nach dem Anderen

Die Sami nehmen in diesem Diskurs eine besondere Stellung ein. Sie sind, so scheint es, die idealen „Indigenen Europas“: sichtbar anders, kulturell markant, historisch marginalisiert – kurzum, perfekt geeignet für eine Erzählung, die Europa mit seinen eigenen kolonialen Sünden konfrontieren möchte. Dass diese Erzählung dabei mitunter mehr über die Bedürfnisse der Erzähler als über die Realität der Sami aussagt, wird gern übersehen.

Kerstin Ekman hat in „Geschehnisse am Wasser“ bereits literarisch vorgeführt, wie schnell ethnische Zuschreibungen in narrative Konstruktionen kippen können. Der vermeintliche Same wird zum Projektionsraum für Ängste und Vorurteile – eine Figur, die weniger durch ihre eigene Identität als durch die Zuschreibungen anderer definiert ist. Eine Dynamik, die sich im gegenwärtigen Diskurs auf bemerkenswerte Weise fortsetzt.

Der Same als „Indianer Europas“ ist dabei eine besonders hübsche Erfindung. Sie erlaubt es, ein vertrautes Narrativ – das der kolonialen Unterdrückung indigener Völker – auf europäische Verhältnisse zu übertragen. Dass diese Analogie historisch und kulturell hinkt, stört dabei wenig. Wichtig ist nicht die Genauigkeit, sondern die Anschlussfähigkeit an bestehende moralische Deutungsmuster.

Die Genetik als Störenfried

Während der Diskurs sich in immer feineren moralischen Kategorien verliert, meldet sich ausgerechnet die Naturwissenschaft mit einer gewissen Unhöflichkeit zu Wort. Die Paläogenetik, jene Disziplin, die mit DNA-Proben und statistischen Modellen arbeitet, zeigt ein Bild der europäischen Bevölkerungsgeschichte, das mit den einfachen Erzählungen von „Ureinwohnern“ und „Eindringlingen“ wenig gemein hat.

Migration, Vermischung, Austausch – dies sind die Konstanten der menschlichen Geschichte. Die Vorstellung klar abgegrenzter, seit Jahrtausenden unveränderter Populationen erweist sich als romantische Fiktion. Der sogenannte „Kennewick Man“, der nach genetischer Analyse als Vorfahr heutiger indigener Amerikaner identifiziert wurde, obwohl sein Erscheinungsbild anderes vermuten ließ, ist nur eines von vielen Beispielen für die Diskrepanz zwischen biologischer Realität und kultureller Zuschreibung.

In Europa zeigt sich ein ähnliches Bild: Die Bevölkerung ist das Ergebnis zahlreicher Wanderungsbewegungen, von der neolithischen Expansion bis zu den Migrationen der Bronzezeit. Wer hier von „Indigenität“ spricht, bewegt sich zwangsläufig auf unsicherem Terrain. Denn wenn alle von Migration geprägt sind, wird der Begriff des Ursprünglichen zu einer leeren Hülle.

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Der politische Gebrauch der Vergangenheit

Doch gerade diese Unschärfe macht den Begriff so attraktiv für politische Zwecke. „Indigen“ wird zur Chiffre für Legitimität, zur rhetorischen Waffe in Konflikten um Land, Macht und Deutungshoheit. Adam Kirsch hat in „Siedlerkolonialismus“ treffend beschrieben, wie historische Narrative genutzt werden, um gegenwärtige politische Positionen zu untermauern.

Die Gleichung ist dabei ebenso einfach wie wirkungsvoll: Indigene = Opfer, Kolonialmacht = Täter. Wer diese Rollen besetzt, gewinnt die moralische Oberhand. Dass die Realität oft komplexer ist, wird dabei als störend empfunden und entsprechend ausgeblendet. Der Diskurs verlangt nach Klarheit, nicht nach Differenzierung.

Diese Logik zeigt sich besonders deutlich in internationalen Konflikten, in denen historische Ansprüche zur Legitimation politischer Forderungen herangezogen werden. Die Frage, wer „zuerst da war“, wird dabei zur entscheidenden Variable – eine Variable, die sich erstaunlich flexibel interpretieren lässt.

Alle oder keiner

Am Ende führt die konsequente Anwendung des Begriffs zu einer paradoxen Erkenntnis: Entweder sind alle indigen oder niemand. Wenn Indigenität an eine lange historische Präsenz geknüpft wird, dann trifft sie auf nahezu alle Bevölkerungen zu. Wird sie hingegen exklusiv definiert, verliert sie ihre empirische Grundlage und wird zum reinen politischen Konstrukt.

Der Begriff „autochthon“ wirkt in diesem Kontext fast schon wie ein bescheidener Gegenentwurf – weniger aufgeladen, weniger moralisch überhöht, dafür näher an der Beschreibung dessen, was tatsächlich ist: Menschen, die irgendwo leben, seit mehr oder weniger langer Zeit.

Die Ironie des edlen Diskurses

Es bleibt die Ironie, dass ein Begriff, der ursprünglich dazu diente, marginalisierte Gruppen sichtbar zu machen, selbst zu einem Instrument der Vereinfachung geworden ist. Im Streben nach Gerechtigkeit wird Geschichte selektiv gelesen, im Bemühen um Anerkennung werden Unterschiede nivelliert.

Der „indigene Europäer“ existiert in diesem Diskurs nicht – oder vielmehr: Er existiert in zu großer Zahl, um noch als Kategorie zu taugen. Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe: Dass der Versuch, Geschichte in moralische Kategorien zu pressen, am Ende mehr über die Gegenwart aussagt als über die Vergangenheit.

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Und so bleibt der Begriff „indigen“ ein faszinierendes Beispiel für die Macht der Sprache – ein Wort, das mehr verbirgt als es erklärt, mehr behauptet als es beschreibt, und das in seiner schillernden Unschärfe gerade deshalb so erfolgreich ist. Ein kleines Meisterwerk politischer Semantik, das mit großer Geste auftritt und bei näherem Hinsehen vor allem eines offenbart: die unstillbare Sehnsucht nach einfachen Antworten in einer komplexen Welt.

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