Es gehört zu den stabilsten Errungenschaften spätmoderner Gesellschaften, dass sie sich eine fein austarierte Hierarchie der Empörung leisten: eine moralische Preisliste, auf der sich das Entsetzen in unterschiedlichen Währungen taxieren lässt. Dort, wo das Grauen alltäglich wird, sinkt sein Kurs; wo es hingegen selten, abstrakt oder symbolisch aufgeladen erscheint, schießt der Wert ins Spekulative. „Man kann sich an alles gewöhnen, selbst an den Abgrund, solange er zuverlässig zur gleichen Uhrzeit vorbeischaut“, heißt es in einem jener Sätze, die man gerne zitiert, wenn man sich selbst nicht allzu sehr erschrecken möchte. Täglich zwei Gruppenvergewaltigungen. Egal. Das Wort „täglich“ wirkt wie ein Weichzeichner, der das Ungeheuerliche in die Routine überführt. Es ist der Takt der Nachrichtenschleife, der das Entsetzen in Verwaltungsvorgänge verwandelt.
Die Bürokratisierung des Schreckens
Sexuelle Übergriffe auf Schutzbefohlene, von Behörden vertuscht – ein Stoff, aus dem früher Staatsaffären gewoben wurden, heute eher Fußnoten. „Es wird geprüft“ ist die liturgische Formel, mit der man das moralische Erdbeben in einen Aktenvermerk überführt. Die Verwaltung hat gelernt, dass nichts so effektiv beruhigt wie der Anschein von Verfahren. Die eigentliche Pointe besteht darin, dass das Verfahren selbst zum Ersatz der Gerechtigkeit geworden ist. „Der Vorgang ist in Bearbeitung“ – ein Satz, der zugleich alles und nichts bedeutet, und vor allem eines: Zeitgewinn. Zeit, in der die Aufmerksamkeit weiterzieht, wie ein nervöser Vogel, der sich nicht länger als einen Augenblick auf einen Ast setzen mag.
Die große Egalisierung
Eine Regierung, die Sondervermögen veruntreut. Egal. Deindustrialisierung. Egal. Galoppierende Inflation. Egal. Überteuerte Spritpreise. Egal. Ein Kanzler, der Wahlversprechen bricht. Egal. Die Aufzählung liest sich wie ein Requiem, allerdings eines, das mit der Monotonie eines Metronoms vorgetragen wird. „Alles fließt“, schrieb schon der alte Heraklit, und im gegenwärtigen Diskurs fließt vor allem die Bedeutung ab. Der Skandal ist nicht mehr die Abweichung, sondern die Grundform. Wenn alles skandalös ist, ist nichts mehr skandalös; wenn alles dringend ist, ist nichts mehr dringend. Die Egalisierung ist die eigentliche Katastrophe, eine moralische Flachlandschaft, in der selbst die höchsten Erhebungen kaum noch Schatten werfen.
Die Ökonomie der Aufmerksamkeit
Und dann, mit der Präzision eines dramaturgisch geschulten Uhrwerks: die Explosion. Eine drittklassige Schauspielerin, der nach anderthalb Jahren einfällt, dass sie mutmaßlich virtuell „vergewaltigt“ wurde. Demo! Plötzlich füllen sich Plätze, erheben sich Stimmen, formieren sich Hashtags, die wie kleine Fackeln durch die digitale Nacht getragen werden. Es ist, als hätte man die Empörung in Flaschen abgefüllt und nun die Korken gleichzeitig gezogen. „Das Spektakel ist das Kapital in einem solchen Grad der Akkumulation, dass es zum Bild wird“, notierte Guy Debord, und man möchte hinzufügen: zum bevorzugten Bild. Die Wirklichkeit, roh und unerquicklich, verliert gegen die Inszenierung, die sauber, teilbar und emotional anschlussfähig daherkommt.
Die Asymmetrie des Entsetzens
Hier liegt die eigentliche Obszönität: nicht in der Existenz des einen oder des anderen Phänomens, sondern in ihrem Missverhältnis. Während reale, brutale Verbrechen mit einer erschreckenden Regelmäßigkeit geschehen und im Rauschen untergehen, wird ein virtuelles, zeitlich weit zurückliegendes Ereignis zur Projektionsfläche kollektiver Erregung. „Die Wirklichkeit ist das, was nicht verschwindet, wenn man aufhört, daran zu glauben“, lautet ein oft zitierter Satz. Doch im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie scheint das Gegenteil zu gelten: Wirklich ist, worüber gesprochen wird; unwirklich ist, was im Schweigen verschwindet. Die täglichen Vergewaltigungen sind zu schwer, zu unerquicklich, zu wenig instagrammable. Die virtuelle Empörung hingegen ist leicht, teilbar, moralisch eindeutig – ein perfektes Konsumgut.
Die moralische Selbstvergewisserung
Es wäre zu einfach, dies allein als Zynismus der Medien oder als Versagen der Politik zu verbuchen. Die Nachfrage erzeugt das Angebot. „Man empört sich, also ist man“, könnte man das inoffizielle Credo nennen. Die Teilnahme an der Empörungsökonomie bietet die seltene Gelegenheit, sich selbst als moralisch intakt zu erleben, ohne den Zumutungen der Wirklichkeit allzu nahe zu kommen. Die Demonstration wird zur Bühne der Selbstvergewisserung, auf der man sich als Teil der Guten inszeniert. Dass dabei die Relation verloren geht, dass das Maß verrutscht, wird in Kauf genommen – oder gar nicht erst bemerkt.
Die Ironie der guten Absichten
Die vielbeschworenen „Gutmenschen“ von „unserer Demokratie“™️, ein Begriff, der bereits in seiner ironischen Brechung eine ganze Weltanschauung transportiert, wissen sehr genau, wo die Prioritäten liegen – oder glauben es zumindest. „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert“, lautet ein alter Gemeinplatz, der selten so unerquicklich aktuell war. Die Ironie besteht darin, dass die Konzentration auf das Symbolische, das Mediale, das moralisch Eindeutige, am Ende genau jene Blindstellen produziert, in denen das Reale weiterwuchert. Die großen Worte, die klaren Fronten, die sauberen Narrative – sie alle haben ihren Preis, und dieser Preis wird dort bezahlt, wo niemand hinschaut.
Epilog ohne Erlösung
Am Ende bleibt kein kathartischer Schluss, kein tröstlicher Ausweg, sondern nur die leise, hartnäckige Frage nach dem Maß. „Alles in Maßen“, riet schon die Antike, und selten klang dieser Rat so unerquicklich altmodisch. In einer Welt, die das Extreme belohnt und das Gewöhnliche ignoriert, ist das Maß zur subversiven Kategorie geworden. Vielleicht wäre es schon ein Anfang, die Hierarchie der Empörung neu zu justieren, den Blick dorthin zu richten, wo er wehtut, und das Spektakel für einen Moment zu ignorieren. Doch wer wollte darauf wetten, dass ausgerechnet die Aufmerksamkeit, dieses flüchtigste aller Güter, sich einer solchen Disziplin unterwirft?