Die bequeme Moral und ihre blinden Flecken

Es gehört zu den liebgewonnenen Selbsttäuschungen spätmoderner Gesellschaften, sich selbst als Endpunkt moralischer Evolution zu begreifen: aufgeklärt, differenziert, historisch geläutert und – selbstverständlich – auf der richtigen Seite der Geschichte. Zivilisation, so die implizite Erzählung, manifestiert sich nicht mehr in Architektur oder Institutionen, sondern in der Fähigkeit zur Empörung, vorzugsweise öffentlich, vorzugsweise laut, vorzugsweise ohne größere intellektuelle Zumutungen. Dass sich ausgerechnet in diesem wohltemperierten Klima moralischer Selbstvergewisserung ein Phänomen beobachten lässt, das den Begriff der Barbarei weniger widerlegt als vielmehr neu ausstaffiert, gehört zu den unerquicklicheren Ironien der Gegenwart.

Denn während auf den Straßen westlicher Metropolen Zehntausende mobilisiert werden, während Sprechchöre hallen, Transparente wehen und soziale Medien sich in ein Dauerfeuer moralischer Gewissheiten verwandeln, scheint sich eine eigentümliche Verschiebung der Perspektive vollzogen zu haben: Nicht die Tat, sondern die Reaktion darauf wird zum eigentlichen Skandal erklärt. Nicht das Massaker provoziert den größten Furor, sondern die Verteidigung dagegen. Es ist, als habe sich die moralische Grammatik verschoben – Subjekt und Objekt sind vertauscht, Täter und Angegriffene werden in einem rhetorischen Taschenspielertrick neu sortiert, bis das Bild wieder ins ideologische Raster passt.

Die Romantisierung der Gewalt

Der zivilisatorische Anspruch äußert sich bekanntlich gern in der Distanz zur Gewalt – zumindest in der eigenen. Gewalt, die sich ausreichend weit entfernt ereignet, wird dagegen nicht selten ästhetisiert, politisch aufgeladen oder in den Rang eines „Widerstands“ erhoben. Hier beginnt jene eigentümliche Romantisierung, die aus brutaler Tat eine Erzählung macht, aus Mord eine Botschaft und aus Tätern tragische Figuren eines angeblich größeren historischen Dramas.

Die Fähigkeit, Massaker als „Kontext“ zu interpretieren, gehört zu den bemerkenswertesten intellektuellen Verrenkungen der Gegenwart. Was als unmittelbares Grauen daherkommt, wird in den Filter struktureller Erklärungen gepresst, bis das Blut aus dem Bild verschwindet und durch Begriffe wie „Kolonialismus“, „Befreiung“ oder „asymmetrischer Konflikt“ ersetzt wird. Dass dabei nicht nur Realität, sondern auch Verantwortung verdampft, scheint weniger ein Kollateralschaden als vielmehr Teil der Methode zu sein.

TIP:  NEIN HEISST NEIN WAR GESTERN

Es ist eine merkwürdige Form von Empathie, die sich hier entfaltet: eine, die sich selektiv verhält, die die einen Opfer sieht und die anderen als statistische Randnotiz behandelt, die die Perspektive der Täter mit historischem Pathos ausstattet und die der Angegriffenen mit einem Schulterzucken quittiert. Zivilisation, so könnte man spöttisch sagen, hat hier eine bemerkenswert flexible Moral hervorgebracht – elastisch genug, um jede kognitive Dissonanz zu überbrücken.

Die bequeme Feindbildpflege

Kein moralisches Schauspiel kommt ohne klare Rollenverteilung aus. Die Gegenwart hat sich dabei auf ein besonders einfaches Schema verständigt: Hier die vermeintlich Mächtigen, dort die vermeintlich Ohnmächtigen. Dass Machtverhältnisse komplex sind, dass sie sich nicht allein an militärischen oder ökonomischen Kategorien festmachen lassen, sondern auch ideologische, kulturelle und strategische Dimensionen besitzen, stört die Dramaturgie nur unnötig.

So entsteht ein Weltbild, das weniger durch Analyse als durch Projektion geprägt ist. Der „Rechtsstaat“ wird zur Chiffre für Unterdrückung, die „Terrororganisation“ zur Projektionsfläche für Widerstand. Die Begriffe bleiben, doch ihre Bedeutung kippt ins Gegenteil. Wer sich verteidigt, gilt als Aggressor; wer angreift, als Rebell. Es ist eine semantische Umkehrung, die so konsequent betrieben wird, dass sie beinahe wieder Bewunderung verdient – wäre ihr Gegenstand nicht so unerquicklich.

Der polemische Reiz liegt dabei in der Simplifizierung. Komplexität ist unerquicklich, Differenzierung anstrengend, historische Tiefe unerquicklich sperrig. Das moralische Urteil hingegen lässt sich wunderbar zuspitzen, in Parolen gießen und auf Schilder drucken. Dass dabei die Wirklichkeit zuweilen wie ein störender Fremdkörper wirkt, wird großzügig in Kauf genommen. Schließlich geht es nicht um Erkenntnis, sondern um Haltung – und die lässt sich bekanntlich besonders wirkungsvoll demonstrieren.

Zivilisation als Pose

Die vielleicht bitterste Pointe dieses Schauspiels liegt darin, dass es sich selbst als Ausdruck zivilisatorischer Reife versteht. Man protestiert, also ist man moralisch. Man solidarisiert sich, also steht man auf der richtigen Seite. Dass die Wahl der Solidarität gelegentlich Fragen aufwerfen könnte, wird als kleinliche Haarspalterei abgetan. Zivilisation reduziert sich so auf eine Pose, auf ein öffentliches Bekenntnis, das weniger über die Welt als über das eigene Selbstbild Auskunft gibt.

TIP:  Sparen gegen den "kleinen Mann"

Dabei wäre gerade die Fähigkeit zur Selbstkritik, zur Ambivalenz, zur Anerkennung widersprüchlicher Realitäten ein genuin zivilisatorischer Akt. Doch diese Form der Reflexion ist unerquicklich leise, unerquicklich unspektakulär, unerquicklich ungeeignet für Slogans. Sie konkurriert schlecht mit der moralischen Lautstärke der Straße, mit der suggestiven Kraft kollektiver Empörung und mit der angenehmen Gewissheit, im Besitz der Wahrheit zu sein.

So bleibt am Ende ein Bild, das zugleich komisch und tragisch wirkt: Eine Gesellschaft, die sich selbst als Höhepunkt der Zivilisation feiert, während sie in ihren Deutungen und Reaktionen bisweilen Züge annimmt, die sie doch längst überwunden glaubte. Die Barbarei, so zeigt sich, ist kein Relikt ferner Zeiten. Sie tritt heute weniger in roher Form auf, sondern im Gewand der Moral, geschniegelt, geschniegelt argumentierend, begleitet von wohlklingenden Begriffen und getragen von der festen Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen.

Und vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Herausforderung: dass Barbarei nicht immer als solche erkennbar ist, sondern sich mitunter dort einnistet, wo sie am entschiedensten bestritten wird – im guten Gewissen.

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