Exkommunikation ohne Sakrament

Es gehört zu den eigentümlichen Ironien der Gegenwart, dass ausgerechnet eine Institution, deren Selbstverständnis jahrhundertelang auf der radikalen Inklusion des Sünders beruhte, nun mit der administrativen Eleganz eines mittelgroßen Finanzamts die moralische Kontenprüfung betreibt und dabei zu dem Schluss gelangt: Mitgliedschaft gleich Makel, Makel gleich Ausschluss, Ausschluss gleich Erlösung — allerdings nicht für den Betroffenen, sondern für die eigene makellose Gesinnung. Wo einst die Beichte stand, steht heute das Parteibuch; wo früher Reue genügte, genügt heute bereits die falsche Stimmabgabe, um aus dem Kreis der Erwählten entfernt zu werden. Dass dies unter dem Banner der Nächstenliebe geschieht, verleiht dem Ganzen eine gewisse barocke Pracht der Widersprüchlichkeit, wie sie nur Institutionen entfalten können, die sich ihrer moralischen Überlegenheit vollkommen sicher sind.

Der moralische Kurzschluss als kirchliche Tugend

Die Gleichsetzung von politischer Zugehörigkeit und ethischer Verwerflichkeit ist dabei von bestechender Einfachheit: Sie spart das mühsame Geschäft der Einzelfallprüfung, ersetzt das Gespräch durch das Verdikt und verwandelt den Menschen in ein Symbol — ein Verfahren, das in seiner Effizienz bewundernswert und in seiner Geisteshaltung unerquicklich ist. Die Kirche, die über Jahrhunderte hinweg gelernt hat, dass selbst notorische Sünder noch über eine Seele verfügen, entdeckt plötzlich die praktische Nützlichkeit der Kollektivzuschreibung. Der einzelne Mensch verschwindet hinter der Chiffre, das Individuum wird zur Fußnote eines politischen Etiketts, und die theologische Feinmechanik der Gnade wird durch die grobschlächtige Hydraulik des Ausschlusses ersetzt. Es ist, als habe man beschlossen, die Bergpredigt in eine Betriebsordnung umzuschreiben.

Die neue Orthodoxie der Mitte

Bemerkenswert ist dabei weniger die Ablehnung einer Partei — politische Kritik gehört zum demokratischen Alltag — als vielmehr die Form, in der sie artikuliert wird: nicht als Auseinandersetzung, sondern als Bannspruch. Die radikalisierte Mitte, die sich selbst gern als Hort der Vernunft inszeniert, entdeckt ihre Leidenschaft für die Grenzziehung und betreibt sie mit einem Eifer, der früheren ideologischen Bewegungen alle Ehre gemacht hätte. „Verbot selber machen“ wird zur säkularen Liturgie, und wer nicht verboten werden kann, wird eben sozial exkommuniziert. Die Kirche fügt sich in dieses Ensemble mit erstaunlicher Geschmeidigkeit ein und übernimmt die Rolle der moralischen Verstärkeranlage, die das ohnehin laute Echo der Empörung noch ein wenig hallender gestaltet.

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Nächstenliebe unter Vorbehalt

Die eigentliche Tragikomödie entfaltet sich jedoch im theologischen Kernbereich: Dort, wo die bedingungslose Annahme des Menschen traditionell als Prüfstein christlicher Existenz gilt, tritt nun ein System der Vorbehalte in Kraft. Nächstenliebe, so scheint es, ist weiterhin ein hohes Gut — allerdings nur für jene, die zuvor die korrekten weltanschaulichen Zugangsvoraussetzungen erfüllen. Der Zöllner darf kommen, sofern er nicht das falsche Kreuz auf dem Wahlzettel gemacht hat; der Sünder ist willkommen, solange seine Sünde nicht politisch kategorisiert werden kann. Diese selektive Gnade wirkt weniger wie ein theologisches Prinzip als vielmehr wie eine gut kuratierte Gästeliste für ein moralisches Empfangskomitee.

Die Selbstverfehlung als Programm

Indem die Kirche jene ausgrenzt, die sie als ausgrenzend bezeichnet, vollzieht sie eine bemerkenswerte dialektische Volte: Sie wird zum Spiegel dessen, was sie bekämpft. Die Diagnose „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ verwandelt sich im Vollzug in eine Praxis eben jener Feindlichkeit, nur versehen mit kirchlichem Siegel und moralischem Bonuspunkt. Das Paradoxe daran ist nicht einmal neu — Institutionen neigen seit jeher dazu, ihre eigenen Prinzipien im Eifer ihrer Verteidigung zu unterlaufen —, doch selten geschieht es mit einer derart offenen Gelassenheit gegenüber dem eigenen Widerspruch. Es ist, als habe man beschlossen, dass Inkonsistenz kein Mangel, sondern ein Ausdruck höherer Einsicht sei.

Hoffnung als Restkategorie

Ob Hoffnung besteht, dass dieser Kurs korrigiert wird, bleibt eine offene Frage, die sich irgendwo zwischen theologischer Zuversicht und institutioneller Trägheit bewegt. Erfahrungsgemäß verfügen große Organisationen über eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Selbstbestätigung, insbesondere dann, wenn sie sich im Besitz der moralisch richtigen Position wähnen. Und doch bleibt ein leiser Restzweifel, ob nicht gerade jene Tradition, auf die man sich so gern beruft, irgendwann wieder störend ins Bewusstsein drängt: die unbequeme Idee nämlich, dass der Mensch mehr ist als seine Zuschreibung und dass die Gnade dort beginnt, wo die Abgrenzung endet. Bis dahin jedoch darf die Ausgrenzung im Namen des Herrn weiterhin ihre paradoxe Blüte treiben — ein Schauspiel, das gleichermaßen zum Kopfschütteln wie zum bitteren Lächeln einlädt.

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