Die Sonnen- & Windrechnung flattert ins Haus

Es gibt Rechnungen, die leise kommen. Sie liegen plötzlich im Briefkasten, unscheinbar zwischen Werbung für Tiefkühlpizza und dem monatlichen Prospekt eines Discounters, der verspricht, dass diesmal wirklich alles noch billiger geworden sei. Und dann gibt es Rechnungen, die gar nicht erst verschickt werden müssen, weil sie längst bezahlt werden. Still, zuverlässig, automatisch. Die Jahresabrechnung der Stromnetzbetreiber über die Subventionierung von Wind- und Solaranlagen gehört in diese Kategorie: ein fiskalischer Phantomschmerz der Energiewende, sichtbar nur für jene, die in den Tabellen der Haushaltspläne lesen wie andere Menschen in Kriminalromanen.

Für das Jahr 2025 steht nun die Summe fest: 16,5 Milliarden Euro Zuschuss aus dem Bundeshaushalt. Eine Zahl jener wohlig abstrakten Größe, bei der das menschliche Vorstellungsvermögen kapituliert und nur noch eine gewisse diffuse Ehrfurcht empfindet. Milliarden sind schließlich keine Beträge mehr, sondern Landschaften. Gebirge aus Nullen, durch die sich der Steuerzahler wie ein orientierungsloser Wanderer bewegt, während irgendwo hinter dem Horizont die Rotorblätter der Windparks majestätisch ihre Kreise ziehen und Solarfelder mit der Gelassenheit großer Geldautomaten in die Sonne blinzeln.

Die feste Vergütung für den launischen Himmel

Das Prinzip ist von einer beinahe poetischen Einfachheit: Betreiber von Windkraft- und Solaranlagen erhalten über zwanzig Jahre hinweg eine garantierte Einspeisevergütung zwischen sechs und zwölf Cent pro Kilowattstunde. Eine Art meteorologischer Mindestlohn, bezahlt für die Mitarbeit von Wind und Sonne im industriellen Maßstab. Und wie jeder Mindestlohn hat auch dieser eine bemerkenswerte Eigenschaft: Er gilt unabhängig von den Launen des Marktes.

Sinkt der Strompreis – etwa dann, wenn mittags gleichzeitig tausende Solaranlagen die Netze mit enthusiastischem Photonenüberschuss fluten und der Wind beschließt, ebenfalls in Produktionslaune zu geraten –, dann fällt der Marktpreis mitunter gegen Null. Das ist ein faszinierender Moment der modernen Energiewirtschaft: Elektrizität wird in solchen Stunden zu einer Ware, deren Wert sich dem metaphysischen Zustand der Bedeutungslosigkeit annähert. Doch während der Strompreis sich philosophisch in Richtung Nichts bewegt, bleibt die Vergütung bemerkenswert real. Die Differenz zahlt der Staat. Und der Staat zahlt bekanntlich selten aus eigener Tasche.

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Wenn Überfluss zum Problem wird

Die Energiewende hat damit eine ökonomische Spezialität hervorgebracht, die in der klassischen Volkswirtschaftslehre eher selten vorkommt: subventionierte Überproduktion. Strom, der in jenen Stunden erzeugt wird, in denen er am wenigsten gebraucht wird, besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit, trotzdem bezahlt zu werden. Es handelt sich gewissermaßen um Elektrizität im Zustand des paradoxen Luxus – vorhanden im Übermaß, begehrt im Untermaß.

Damit das Stromnetz nicht zu einem elektrischen Karneval wird, müssen Netzbetreiber gelegentlich Anlagen abregeln. Die Windräder stehen dann still, die Solarparks dösen im Sonnenlicht, und der Strom fließt nicht. Ökonomisch jedoch bleibt alles erstaunlich lebendig: Für nicht produzierten Strom gibt es bis zu 95 Prozent der vorgesehenen Vergütung. Es ist ein System, das die beruhigende Botschaft vermittelt, dass selbst Abwesenheit noch monetarisiert werden kann. Die Zukunft gehört offenbar nicht nur der erneuerbaren Energie, sondern auch der erneuerbaren Rechnung.

Die internationale Großzügigkeit der Elektronen

Wenn sich der Strom einmal nicht sinnvoll im Inland unterbringen lässt, tritt ein weiterer, beinahe philanthropischer Mechanismus in Kraft: Der Überschuss wird ins Ausland exportiert. In manchen Stunden sogar zu negativen Preisen, was bedeutet, dass andere Länder Geld erhalten, damit sie den überschüssigen Strom abnehmen. Elektronen auf diplomatischer Mission, gewissermaßen. Eine energetische Form internationaler Entwicklungshilfe, bei der die Kraftwerke der Nachbarländer höflich darauf warten, dass der deutsche Überfluss vorbeizieht.

Das Ergebnis ist eine eigenartige Form der Großzügigkeit: Im Inland wird Strom subventioniert, im Ausland wird er gelegentlich verschenkt. Ein ökonomischer Kreisverkehr, in dem Geld und Elektronen fröhlich ihre Bahnen ziehen, während irgendwo im Bundeshaushalt eine weitere Milliarde diskret ihren Platz findet.

Die soziale Eleganz der Umlage

Finanziert wird dieses Arrangement nicht etwa durch den Wind selbst – so weit ist die Technik noch nicht – sondern über den Klima- und Transformationsfonds, der wiederum aus Einnahmen des CO₂-Preises gespeist wird. Dieser Preis taucht bevorzugt dort auf, wo Energie besonders alltäglich ist: bei der Gas- oder Ölheizung, beim Tanken an der Zapfsäule, in den Nebenkostenabrechnungen der Mietwohnungen.

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Damit entsteht eine bemerkenswerte finanzielle Choreografie: Auf der einen Seite stehen die Betreiber großer Wind- und Solarparks, häufig kapitalkräftige Investoren, Infrastruktur- oder Energiefonds, gelegentlich auch internationale Konsortien mit beeindruckenden Excel-Tabellen. Auf der anderen Seite stehen Mieterhaushalte, Pendler, Autofahrer – kurz gesagt: jene Bevölkerungssegmente, deren Energieverbrauch sich weniger elegant optimieren lässt als ein Portfolio aus Erneuerbaren-Projekten.

Die Energiepolitik verwandelt sich damit, zumindest in der Wahrnehmung mancher Beobachter, in ein gesellschaftliches Förderband: unten wird CO₂ bepreist, oben wird Einspeisevergütung ausgezahlt.

Der Markt, der keiner sein darf

Ironischerweise geschieht all dies in einem Sektor, der offiziell als liberalisierter Strommarkt bezeichnet wird. Märkte zeichnen sich normalerweise dadurch aus, dass Preise Knappheit signalisieren. Strom aber kann in diesem System gleichzeitig im Überfluss vorhanden und trotzdem finanziell wertvoll sein – solange der gesetzliche Rahmen die Differenz ausgleicht.

Der Markt darf also durchaus schwanken, solange er am Ende nicht wirklich entscheidet. Das Risiko meteorologischer Unbeständigkeit wird durch politische Beständigkeit ersetzt. Wind und Sonne bleiben launisch; die Subvention hingegen besitzt die beruhigende Stabilität eines Gesetzestextes.

Die große Ironie der grünen Industriepolitik

All dies führt zu einer der großen Ironien moderner Industriepolitik: Die Energiewende soll eigentlich eine Zukunft erschaffen, in der Energie sauber, effizient und marktwirtschaftlich organisiert ist. Doch der Weg dorthin gleicht streckenweise einer gigantischen fiskalischen Stützstruktur, die sich um eine Energieform legt, deren größte Stärke gleichzeitig ihre größte Herausforderung ist – ihre Unberechenbarkeit.

Wind und Sonne schicken keine Rechnungen. Sie erscheinen einfach am Himmel. Die Rechnungen entstehen erst danach, in Ministerien, Netzbetreiberbilanzen und Haushaltsplänen. Und sie werden auch nicht von den Himmelskörpern bezahlt, sondern von Menschen, deren Energieverbrauch sehr viel weniger poetisch ist als das Flattern eines Rotorblatts im Abendwind.

Das höfliche Lächeln der Energiewende

Am Ende bleibt ein Bild, das eine gewisse satirische Eleganz besitzt: Auf den Hügeln drehen sich die Windräder, in den Feldern glitzern die Solarmodule, und irgendwo im Finanzministerium addieren sich die Milliarden. Die Energiewende lächelt dabei mit der gelassenen Höflichkeit eines großen Infrastrukturprojekts, das genau weiß, dass seine Rechnungen kompliziert sind – aber moralisch gut begründet.

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Und so stellt Wind und Sonne zwar keine Rechnungen. Doch das System, das ihre Energie in kilowattstundengenaue Zahlungsströme übersetzt, tut es sehr wohl. Mit der ruhigen Selbstverständlichkeit einer modernen Volkswirtschaft, die gelernt hat, dass selbst der Himmel gelegentlich eine Buchhaltung braucht

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