Es gehört zu den zuverlässigsten Naturgesetzen spätmoderner Großstädte, dass selbst die banalste Bitte um zivilisiertes Verhalten früher oder später im moralphilosophischen Hochdrucklabor identitätspolitischer Empörung landet. Wien bildet da selbstverständlich keine Ausnahme. Kaum hatten die Wiener Linien – jene tapfere Institution, die täglich Millionen Menschen durch Tunnel, Straßen und unausweichliche soziale Nähe transportiert – gewagt, eine Kampagne für etwas so skandalös Autoritäres wie gegenseitige Rücksichtnahme zu starten, da ertönte auch schon der vertraute Alarmruf aus dem Maschinenraum der moralischen Alarmanlage: Rassismus! Nicht etwa, weil auf den Plakaten Menschen bestimmter Herkunft gezeigt worden wären, nicht weil jemand mit Turban oder Dreadlocks beim lauten TikTok-Schauen ertappt worden wäre, nein – die Regeln selbst seien rassistisch. Regeln, wohlgemerkt, die ungefähr so revolutionär sind wie „bitte nicht schreien“ in einer Bibliothek. Doch genau hier beginnt die eigentliche Pointe dieser Episode: In einer Zeit, in der selbst die Bitte um Kopfhörer als strukturelle Gewalt interpretiert werden kann, wird der öffentliche Raum zu einem philosophischen Minenfeld, in dem jedes „Bitte etwas leiser“ bereits als kulturelle Aggression gelesen werden kann.
Die akustische Tragödie des öffentlichen Raums
Der Anlass der Kampagne ist so unerquicklich wie banal: Menschen telefonieren laut, schauen Videos ohne Kopfhörer und verzehren kulinarische Experimente, deren Duft sich in der hermetisch geschlossenen Atmosphäre einer U-Bahn wie eine demokratische Gaswolke verteilt. Die Umfragewerte – 86 Prozent fühlen sich gestört, 92 Prozent wünschen sich Rücksicht – wirken beinahe rührend altmodisch, als glaubte man noch, Mehrheiten hätten irgendeine gesellschaftliche Relevanz. Man könnte sagen: Die Wiener Linien versuchen etwas zutiefst Bürgerliches, ja fast Spießiges – eine Erinnerung daran, dass der öffentliche Raum ein Raum der gegenseitigen Zumutbarkeit ist. Niemand kann ihn vollständig kontrollieren, also versucht man ihn halbwegs erträglich zu machen. Ein stilles Einverständnis darüber, dass das Smartphone nicht automatisch das Recht verleiht, die gesamte U-Bahn mit der akustischen Dramaturgie eines Reality-Formats zu beschallen. Doch genau diese Idee – dass es Regeln geben könnte, die für alle gelten – ist in bestimmten Teilen des zeitgenössischen Diskurses längst verdächtig geworden.
Die Metaphysik der scheinbar neutralen Regel
Die Kritik der NGO folgt dabei einer bemerkenswerten Logik, die man mit etwas Wohlwollen als poststrukturalistisch, mit weniger Wohlwollen als metaphysische Akrobatik beschreiben könnte. Nicht die Darstellung sei rassistisch, heißt es, sondern die Regel selbst. Lautes Telefonieren zu kritisieren sei eine „scheinbar neutrale Regel“, die sofort rassistisch aufgeladen werde. Man muss diesen Satz ein paar Sekunden wirken lassen, denn er enthält den Kern eines Weltbilds, in dem Neutralität grundsätzlich verdächtig ist. Die Idee lautet ungefähr so: Selbst wenn eine Regel formal für alle gilt, wird sie gesellschaftlich gegen Minderheiten eingesetzt – also ist bereits ihre Existenz problematisch. Das ist eine faszinierende gedankliche Wendung, denn sie verwandelt jede universelle Norm in eine potenzielle Diskriminierung. In dieser Perspektive wird der öffentliche Raum nicht mehr als gemeinsamer Raum gedacht, sondern als Bühne permanenter Machtverhältnisse, in denen selbst ein Piktogramm mit Kopfhörern eine ideologische Drohgebärde darstellen kann.
Der Verdacht als gesellschaftliche Grundstimmung
Das eigentliche Fundament dieser Kritik ist weniger eine konkrete Analyse als eine Atmosphäre des Verdachts. Als Beleg dienen Kommentare in sozialen Netzwerken – jenem digitalen Sumpf, der zuverlässig jede Diskussion in eine Mischung aus Stammtisch, Trollhöhle und moralischer Empörungsmaschine verwandelt. Weil unter einem Facebook-Post der Wiener Linien auch rassistische Kommentare auftauchen, sei die Kampagne selbst nicht neutral. Man muss sich das einmal vorstellen: Eine öffentliche Institution veröffentlicht eine höfliche Bitte um Rücksicht, irgendjemand schreibt darunter etwas Dummes – und daraus folgt die Diagnose strukturellen Rassismus. Diese Logik erinnert ein wenig an die Vorstellung, dass das Wetter schuld sei, wenn jemand im Regen schimpft. Sie macht aus der bloßen Möglichkeit von Missbrauch den Beweis der ursprünglichen Schuld. Wer Regeln formuliert, trägt Verantwortung für jede mögliche Fehlinterpretation dieser Regeln – ein Prinzip, das im Extremfall dazu führen würde, dass man am besten gar nichts mehr sagt, weil irgendjemand es falsch verstehen könnte.
Der Geruch der Politik
Besonders poetisch wird die Debatte beim Thema „geruchsintensive Speisen“. Schon das Wort klingt wie eine diplomatische Umschreibung für das, was jeder Pendler kennt: jene kulinarischen Momente, in denen eine U-Bahn plötzlich zur mobilen Aromatherapie wird. Die NGO argumentiert, solche Regeln beruhten auf rassistischen Vorurteilen. Hier betreten wir endgültig das Gebiet der olfaktorischen Identitätspolitik. Der Geruch einer Speise wird plötzlich zum kulturellen Symbol, zur Frage von Zugehörigkeit und Ausgrenzung. Dass Menschen aller Herkunftsgruppen gleichermaßen in der Lage sind, mit einer Leberkässemmel, einem Döner, einer Knoblauchpizza oder einer mysteriösen Plastikbox voller Fischgerichte einen ganzen Waggon zu dominieren, gerät dabei ein wenig aus dem Blick. Der Geruch kennt schließlich keine Staatsbürgerschaft. Er ist, wenn man so will, die demokratischste Form der Belästigung.
Die Tragikomödie der moralischen Überdehnung
Vielleicht liegt die eigentliche Tragikomödie dieser Debatte darin, dass sie zwei legitime Anliegen in grotesker Weise gegeneinanderstellt. Auf der einen Seite steht der völlig banale Wunsch nach zivilisiertem Verhalten in einem engen öffentlichen Raum. Auf der anderen Seite die reale Erfahrung vieler Menschen, im Alltag mit Vorurteilen konfrontiert zu sein. Doch statt diese beiden Ebenen zu unterscheiden, verschmilzt man sie zu einer großen moralischen Erzählung, in der selbst ein Cartoon-Plakat zum Instrument struktureller Unterdrückung wird. Das Ergebnis ist eine Form der moralischen Überdehnung, bei der der Begriff „Rassismus“ langsam jene inflationäre Karriere macht, die früher einmal dem Wort „Skandal“ vorbehalten war.
Die letzte Station der Debatte
Und so fährt sie weiter, diese Wiener U-Bahn der Empörung, Station für Station durch das Labyrinth der Gegenwart. Zwischen Kopfhörer-Piktogrammen und Leberkäs-Illustrationen entfaltet sich eine Debatte über Macht, Diskriminierung und den Sinn gemeinsamer Regeln. Vielleicht wäre es hilfreich, sich gelegentlich daran zu erinnern, dass der öffentliche Raum immer ein Ort der kleinen Rücksichtnahmen war: nicht zu laut, nicht zu stinkend, nicht zu rücksichtslos. Eine bescheidene Ethik des Zusammenlebens, die nichts mit Hautfarbe, Herkunft oder Religion zu tun hat, sondern mit der uralten Erkenntnis, dass man sich gegenseitig ertragen muss.
Und vielleicht – nur vielleicht – ist die wahre Zumutung dieser Kampagne nicht ihre angebliche rassistische Struktur, sondern die unerhörte Idee, dass Millionen Menschen in einer U-Bahn tatsächlich aufeinander Rücksicht nehmen könnten. Eine Vorstellung so kühn, so beinahe utopisch, dass sie in der Gegenwart fast schon wie Satire wirkt.