Die Sehnsucht nach der guten alten Zensur

Es gehört zu den liebenswertesten Konstanten politischer Rhetorik, dass sie sich mit der Eleganz eines Möbelstücks bewegt, das schon hundert Jahre im gleichen Zimmer steht und nur gelegentlich neu lackiert wird. Wenn Politiker also mit ernster Stirn verkünden, das Internet dürfe „kein anonymer, rechtsfreier Raum“ sein, dann klingt das zunächst wie eine Selbstverständlichkeit, wie eine jener moralisch aufgeladenen Formeln, die so vernünftig wirken, dass man sich fast schämt, überhaupt nachzufragen, was damit eigentlich gemeint ist. Denn selbstverständlich soll das Internet kein rechtsfreier Raum sein – so wenig wie der öffentliche Park, der Bahnhof oder die Kommentarspalte unter einem Artikel über Gartenzwerge. Doch gerade in dieser scheinbaren Selbstverständlichkeit steckt der rhetorische Trick: Man sagt etwas Unbestreitbares, um etwas ganz anderes vorzubereiten. Die politische Sprache liebt solche semantischen Tarnkappenmanöver. Sie funktionieren ähnlich wie jene Schilder in Restaurants, auf denen steht: „Wir achten auf Qualität.“ Niemand wäre je auf die Idee gekommen, dass ein Restaurant stolz verkündet: „Bei uns ist alles mittelmäßig.“ Aber das Schild steht trotzdem da, weil es Vertrauen erzeugt. Und genauso funktioniert der Satz vom „rechtsfreien Raum“: Er erzeugt moralische Zustimmung, während im Hintergrund bereits das eigentliche Projekt vorbereitet wird – die Sehnsucht nach Kontrolle über ein Medium, das sich bislang erstaunlich hartnäckig der klassischen Disziplinierung entzieht.

Der Albtraum der Kontrollarchitektur

Die moderne Demokratie hat nämlich, wenn man einmal ganz ehrlich ist, eine bemerkenswerte Tradition der Medienordnung entwickelt. Zeitungen haben Herausgeber, Redaktionen, Presserechte und notfalls Haftungsketten. Rundfunk hat Lizenzen, Aufsichtsgremien, Rundfunkräte, Programmrichtlinien und gelegentlich sogar staatsvertraglich geregelte Erziehungsaufträge. Bücher haben Verlage, Buchpreisbindung, Jugendschutz und Feuilletonkritik. Kurz: Jedes Medium wurde irgendwann domestiziert wie ein etwas zu lebhafter Hund. Man ließ es zunächst frei laufen, stellte dann fest, dass es gelegentlich Dinge tut, die den Mächtigen unangenehm sind, und entwickelte schließlich eine Mischung aus Regulierung, Selbstkontrolle und institutioneller Einhegung. Das Internet hingegen erschien plötzlich wie ein Schwarm wilder Katzen, die sich weder in Käfige noch in Programmrichtlinien pressen lassen wollten. Menschen konnten publizieren, ohne Verlag. Sie konnten senden, ohne Rundfunklizenz. Sie konnten Debatten führen, ohne dass ein Chefredakteur mit rotem Stift danebenstand. Und schlimmer noch: Die Infrastruktur gehörte plötzlich Firmen, deren Hauptquartiere nicht in Berlin, Paris oder Wien lagen, sondern in Kalifornien, wo man traditionell eine gewisse kulturelle Skepsis gegenüber europäischen Ministerialbeamten pflegt. Für politische Systeme, die gewohnt sind, Kommunikationskanäle über nationale Institutionen zu strukturieren, war das ungefähr so beruhigend wie ein Flugzeug ohne Cockpit.

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Die semantische Erfindung des „rechtsfreien Raums“

In dieser Situation entstand jene wunderbare politische Formel vom „rechtsfreien Raum“. Sie ist eine rhetorische Meisterleistung, weil sie gleichzeitig falsch und plausibel ist. Falsch, weil das Internet selbstverständlich kein rechtsfreier Raum ist: Beleidigung, Betrug, Urheberrechtsverletzungen oder Bedrohungen sind dort genauso strafbar wie auf dem Marktplatz vor dem Rathaus. Plausibel, weil sich Strafverfolgung im digitalen Raum schwieriger gestaltet – nicht zuletzt, weil Kommunikation global ist und Zuständigkeiten national bleiben. Doch statt diese strukturelle Spannung nüchtern zu beschreiben, wird der Begriff „rechtsfrei“ gerne mit einem leicht apokalyptischen Unterton ausgesprochen, als hätte man gerade eine Art gesetzlose Wildwestzone entdeckt, in der Maskierte auf Servern reiten und Bürger im Minutentakt in die Kommentarspalten entführen. Der Begriff erfüllt damit eine dramaturgische Funktion: Er erzeugt ein Gefühl des Notstands, und Notstände sind politisch ungemein praktisch, weil sie Maßnahmen legitimieren, die unter normalen Umständen vielleicht eine unangenehme Debatte auslösen würden.

Die eigentliche Kränkung

Die wahre Kränkung liegt allerdings an anderer Stelle, und sie ist erstaunlich banal. Das Internet entzieht sich nicht nur der Kontrolle, es entzieht sich vor allem der gewohnten Hierarchie der Öffentlichkeit. Früher war der Weg in die Öffentlichkeit ein enger Korridor. Man musste durch Redaktionen, Verlage oder Sender. Diese Institutionen fungierten gleichzeitig als Filter und als kulturelle Gatekeeper. Sie entschieden, was relevant war, welche Stimmen Gewicht hatten und welche Meinungen man lieber im Leserbriefteil versteckte. Das Internet hat diesen Korridor in einen Marktplatz verwandelt, auf dem plötzlich jeder eine kleine Bühne aufstellen kann. Natürlich führt das zu Chaos, Unsinn, Verschwörungstheorien und Katzenvideos – aber auch zu einer radikalen Pluralisierung der öffentlichen Rede. Für politische Eliten, die jahrzehntelang mit einer relativ überschaubaren Medienlandschaft interagierten, ist das ungefähr so angenehm wie eine Podiumsdiskussion, bei der plötzlich tausend Menschen gleichzeitig Mikrofone bekommen.

Big Tech als geopolitisches Ärgernis

Hinzu kommt ein geopolitisches Detail, das in politischen Reden selten offen ausgesprochen wird: Die Infrastruktur dieses neuen Marktplatzes gehört überwiegend amerikanischen Technologieunternehmen. Diese Firmen betreiben Plattformen mit Milliarden Nutzern, während nationale Regierungen in der Regel nur über die Regulierung des eigenen Territoriums verfügen. Es entsteht ein merkwürdiges Machtgefälle: Ein europäischer Minister kann eine Pressekonferenz geben, aber der Algorithmus eines kalifornischen Unternehmens entscheidet, ob sie in der Timeline von Millionen Menschen auftaucht oder im digitalen Nirwana verschwindet. Für politische Systeme, die gewohnt sind, ihre Medienordnung selbst zu gestalten, ist das eine irritierende Erfahrung. Man kann Gesetze beschließen, aber man muss sie anschließend mit Firmen verhandeln, deren Unternehmenswert größer ist als der Staatshaushalt mancher Länder. Der Satz vom „rechtsfreien Raum“ klingt unter diesen Umständen fast wie ein leiser Seufzer: eine Mischung aus moralischem Anspruch und administrativer Frustration.

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Der Traum von der regulierten Öffentlichkeit

Natürlich folgt auf diese Diagnose regelmäßig der politische Reflex, Ordnung schaffen zu wollen. Ordnung ist das Lieblingsprojekt jeder Bürokratie, weil sie das Gefühl vermittelt, dass komplexe Probleme durch Paragrafen in handhabbare Formate überführt werden können. Also entstehen Vorschläge: Klarnamenpflicht, Plattformhaftung, Uploadfilter, Meldepflichten, Moderationsrichtlinien, algorithmische Transparenz, digitale Aufsichtsgremien. Manchmal wirken diese Vorschläge wie der Versuch, das Internet nachträglich in ein Modell zu pressen, das aus der Welt des Rundfunks stammt: ein Raum, in dem Inhalte von identifizierbaren Akteuren verbreitet werden, die man im Zweifel regulieren kann. Das Problem ist nur, dass das Internet strukturell etwas anderes ist – eher ein gigantisches Netzwerk von Gesprächen als ein klassischer Sender. Der Versuch, es vollständig in die Logik traditioneller Medienordnung zu überführen, erinnert ein wenig an den Versuch, einen Schwarm Fische durch Bauordnung zu kontrollieren.

Die Dialektik der Verantwortung

Dabei wäre eine nüchterne Debatte durchaus möglich. Natürlich gibt es reale Probleme: Desinformation, organisierte Belästigung, illegale Inhalte, algorithmische Verstärkung von Extrempositionen. Niemand bestreitet ernsthaft, dass digitale Kommunikation gesellschaftliche Folgen hat. Doch die Diskussion wird oft auf eine moralische Formel reduziert: Wer gegen bestimmte Regulierungen argumentiert, muss angeblich den „rechtsfreien Raum“ verteidigen. Das ist eine rhetorische Abkürzung, die es erlaubt, komplexe Fragen über Macht, Meinungsfreiheit und Plattformökonomie in eine einfache Dichotomie zu verwandeln: Ordnung gegen Chaos. Die Wirklichkeit ist natürlich komplizierter. Denn jede Form von Regulierung schafft auch neue Machtstrukturen – und die Frage, wer über Sichtbarkeit, Löschung oder Priorisierung von Inhalten entscheidet, ist letztlich eine Frage über die Architektur der öffentlichen Rede selbst.

Die Ironie der Geschichte

Vielleicht liegt die eigentliche Ironie darin, dass das Internet längst nicht mehr jener anarchische Raum ist, als den es politische Reden gerne beschreiben. In Wahrheit wird es bereits massiv moderiert, gefiltert und strukturiert – allerdings nicht primär von Staaten, sondern von Plattformunternehmen. Diese entscheiden täglich über Millionen von Inhalten, oft anhand von automatisierten Systemen, Richtlinienkatalogen und globalen Moderationsteams. Der vermeintliche „rechtsfreie Raum“ ist also eher ein privat regulierter Raum mit sehr eigenen Regeln. Wenn Politiker heute von Ordnung sprechen, geht es deshalb weniger darum, Chaos zu beseitigen, als vielmehr darum, die Hoheit über diese Ordnung zurückzugewinnen. Man könnte es auch weniger diplomatisch formulieren: Es ist der Versuch, ein Kommunikationssystem nachträglich in eine politische Verantwortungsstruktur einzubauen, die ursprünglich nie für solche Netzwerke entworfen wurde.

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Die Pointe

Und so bleibt am Ende eine gewisse Komik zurück. Wenn Politiker erklären, das Internet dürfe kein anonymer, rechtsfreier Raum sein, formulieren sie tatsächlich einen legitimen Anspruch: Natürlich gelten Gesetze auch online. Doch zugleich schwingt in dieser Formel ein anderer, unausgesprochener Wunsch mit – der Wunsch, die widerspenstige Architektur des Netzes möge sich endlich in jene vertrauten institutionellen Formen fügen, mit denen politische Systeme seit Jahrzehnten arbeiten. Man könnte sagen: Hinter der moralischen Formel verbirgt sich ein administrativer Traum. Der Traum von einer Öffentlichkeit, die sich wieder so ordnen lässt wie eine Rundfunkfrequenz oder eine Presselandschaft. Dass dieser Traum im digitalen Zeitalter möglicherweise ebenso utopisch ist wie die Vorstellung, man könne den Wind regulieren, macht die Sache nur noch interessanter. Denn die Geschichte der Medien zeigt vor allem eines: Jede neue Kommunikationsform beginnt als Chaos, wird dann als Bedrohung wahrgenommen und endet schließlich als regulierte Normalität. Die eigentliche Frage ist also nicht, ob das Internet kontrolliert wird – sondern von wem, in welchem Ausmaß und mit welchen Folgen für jene chaotische, manchmal nervige, oft unerquicklich laute, aber gerade deshalb so bemerkenswert lebendige Öffentlichkeit, die es hervorgebracht hat.

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