Der Geist des Dialogs und die Kunst der diskreten Machtausübung
Man könnte meinen, ein globales Netzwerk aus Politikern, Konzernlenkern, Stiftungsmanagern und professionellen Weltverbesserern sei ein fragiles Gebilde. Doch das Weltwirtschaftsforum (WEF) hat über Jahrzehnte bewiesen, dass es über eine erstaunliche Überlebensfähigkeit verfügt – selbst dann, wenn seine wichtigsten Figuren gehen müssen, aus dem Amt gedrängt werden oder über gewisse Kontakte stolpern, die eher nach Netflix-Dokumentation als nach philanthropischer Weltrettung klingen. Nachdem Klaus Schwab, der Davoser Dauermoderator der Weltgeschichte, 2025 seinen Stuhl räumen musste, atmeten manche Beobachter auf und sprachen von einer Zeitenwende. Nun, die Geschichte des WEF zeigt vor allem eines: Wenn man ein System baut, das groß genug ist, kann es sich selbst reproduzieren – ganz gleich, wer gerade vorne auf der Bühne steht und „Stakeholder-Kapitalismus“ sagt, als wäre es ein besonders delikates Fondue.
Der jüngste Abgang des Interimspräsidenten Børge Brende – gestolpert über Kontakte zu Jeffrey Epstein – fügt sich in diese Tradition der leicht peinlichen, aber selten existenziellen Krisen. Denn während Brende im Januar in Davos noch pathetisch von „Zeiten der Unsicherheit und der Möglichkeiten“ sprach, bewies die Realität einmal mehr, dass im WEF zwar vieles möglich ist, aber offenbar nicht unbedingt eine langfristige Karriere ohne Skandal. Doch während Brende ging, blieben die wirklich wichtigen Leute sitzen: BlackRock-Gründer Larry Fink und Roche-Erbe André Hoffmann, die das Forum nun offenbar nicht mehr nur vorübergehend leiten wollen. Interimsweise – das ist im Davoser Machtvokabular offenbar ein dehnbarer Begriff, ähnlich wie „Partnerschaft“, „Resilienz“ oder „Vertrauen“.
Die neue Davoser Bescheidenheit: Niemand ist mehr verantwortlich
Eine der interessantesten Veränderungen nach Schwabs Abgang ist die diskrete Überarbeitung der eigenen Legende. Auf der WEF-Webseite sucht man den Gründer inzwischen fast so vergeblich wie demokratische Rechenschaftspflicht in einem Panel über globale Governance. Stattdessen findet man ein angenehm anonymes Selbstbild: eine Plattform, ein Netzwerk, eine Begegnungsstätte für Führungskräfte aus allen Sektoren, Regionen, Ideologien und Generationen. Niemand scheint das Forum wirklich zu führen – es existiert einfach. Wie ein Naturphänomen. Wie Nebel. Oder Steuern.
Das ist natürlich eine elegante Strategie. Wenn niemand verantwortlich ist, kann auch niemand kritisiert werden. Das WEF ist dann nicht mehr ein Projekt einzelner Akteure, sondern ein quasi organisches Gebilde, das aus der historischen Notwendigkeit entstanden ist, dass sich einige tausend sehr einflussreiche Menschen einmal im Jahr in den Alpen treffen müssen, um die Welt zu retten – oder zumindest darüber zu sprechen, während draußen die Helikopter landen.
Und was man dort bespricht, klingt in offiziellen Dokumenten stets ähnlich: Kooperation, Vertrauen, Partnerschaften, Resilienz. Wörter, die so weich und angenehm klingen, dass man fast vergisst, was sie konkret bedeuten. Denn übersetzt heißt das meist: Staaten sollen Kompetenzen abgeben, internationale Organisationen sollen mehr Einfluss bekommen, und große Unternehmen sollen dabei helfen, die Welt zu organisieren. Eine klassische öffentlich-private Partnerschaft, kurz PPP – eine Konstruktion, die in der Theorie Zusammenarbeit bedeutet, in der Praxis jedoch oft so aussieht, dass die öffentliche Hand die Risiken trägt und der private Sektor die Gewinne.
Die große Davos-Illusion: Vertrauen als Geschäftsmodell
In Davos wurde dieses Jahr viel über Vertrauen gesprochen. Das ist verständlich, denn Vertrauen ist für globale Institutionen ungefähr das, was Sauerstoff für Bergsteiger ist. Ohne Vertrauen wird plötzlich sichtbar, dass viele der großen Projekte – von globaler Gesundheitskoordination über Klimapolitik bis zur digitalen Transformation – weniger demokratisch legitimiert sind, als ihre Autoren gerne glauben.
Deshalb ist „Vertrauen“ in Davos kein moralischer Begriff, sondern ein strategischer Rohstoff. Er muss gepflegt, erzeugt und – wenn nötig – verteidigt werden. Besonders gegen das, was in WEF-Berichten seit einigen Jahren als größtes Risiko gilt: Desinformation.
Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Früher galt Desinformation vor allem als Problem autoritärer Staaten oder dubioser Internetforen. Heute wird sie in Davoser Dokumenten zu einer Art universeller Erklärung für politische Dissidenz. Wenn Bürger Zweifel an globalen Projekten äußern, dann könnte das schlicht bedeuten, dass sie andere Interessen haben – oder dass sie den Eindruck haben, nicht gefragt worden zu sein. Aber in der Logik technokratischer Governance liegt der Verdacht näher, dass sie schlicht falsch informiert sind.
Die Lösung ist entsprechend elegant: Man stärkt „digitale Kompetenz“, entwickelt „authentische Informationssysteme“ und denkt über digitale Wasserzeichen für Inhalte nach. Ein Blockchain-basiertes Informationsökosystem klingt dabei ungefähr so beruhigend wie ein perfekt organisiertes Archiv der Wahrheit.
Polykrise als Geschäftsmodell
Der jährliche Global Risks Report des WEF liest sich inzwischen wie eine Mischung aus Katastrophenkatalog und Investorenprospekt. Die Welt befindet sich angeblich in einer „Polykrise“, einer simultanen Überlagerung verschiedener globaler Bedrohungen: geopolitische Konflikte, Klimawandel, wirtschaftliche Instabilität, technologische Disruption. Kurz gesagt: Alles ist riskant.
Doch gerade darin liegt die Schönheit dieses Narrativs. Denn jede Krise eröffnet auch ein neues Geschäftsfeld. Klimawandel schafft Märkte für grüne Technologien. Gesundheitskrisen schaffen Märkte für Impfstoffe und digitale Gesundheitsinfrastruktur. Geopolitische Konflikte beleben die Rüstungsindustrie. Digitale Unsicherheit schafft Märkte für Cybersecurity.
In dieser Perspektive erscheint die Welt weniger als Problem denn als Portfolio.
Die vierte industrielle Revolution oder die Digitalisierung der Kontrolle
Das WEF spricht seit Jahren von der „Vierten Industriellen Revolution“, einer Verschmelzung von physischer, digitaler und biologischer Welt. In Davos klingt das wie ein technologisches Renaissanceprojekt. Kritiker würden sagen: eine umfassende Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft, deren Regeln von einer relativ kleinen technokratischen Elite formuliert werden.
Besonders faszinierend ist dabei der Enthusiasmus für Tokenisierung und digitale Identitätssysteme. Vermögenswerte sollen als digitale Token auf Blockchains existieren, Identitäten sollen digital verifizierbar sein, Finanzsysteme sollen programmierbar werden.
In dieser Vision wird die Welt zu einer riesigen Datenbank. Besitz, Identität, Kreditwürdigkeit – alles wird digital abgebildet und verwaltet. Für Investoren eröffnet das enorme Möglichkeiten. Für Bürger bedeutet es vor allem eines: Transparenz. Allerdings eine sehr asymmetrische.
Denn während Staaten und Unternehmen zunehmend Zugriff auf Daten bekommen, bleibt umgekehrt erstaunlich unklar, wer eigentlich die großen Plattformen kontrolliert, auf denen dieses neue System laufen soll.
KI als dunkle Materie der Zukunft
Besonders ironisch ist, dass WEF-Berichte gleichzeitig die Risiken der Technologien beschreiben, die sie am enthusiastischsten fördern. Künstliche Intelligenz könnte menschliche Fähigkeiten verkümmern lassen, gesellschaftliche Desintegration fördern, Informationschaos erzeugen und militärische Eskalationen beschleunigen.
Doch trotz dieser düsteren Szenarien bleibt KI natürlich ein gigantischer Markt. Allein die Investitionen in KI-Infrastruktur gehen in die Billionen. Rechenzentren verbrauchen immer mehr Energie, Algorithmen entscheiden über Kredite, Jobs und Informationen.
In dieser Welt könnte KI tatsächlich zur „dunklen Materie“ der Gesellschaft werden – unsichtbar, allgegenwärtig und kaum kontrollierbar.
Die Welt als Spielwiese
Am Ende bleibt das WEF vor allem eines: ein Netzwerk der Macht. Kein Geheimbund, kein Weltregierungskomitee, sondern etwas vielleicht Komplizierteres – ein Ort, an dem sich wirtschaftliche Interessen, politische Ambitionen und technokratische Visionen gegenseitig verstärken.
Für Figuren wie Larry Fink ist die Welt tatsächlich eine Spielwiese, allerdings eine mit enormen finanziellen Einsätzen. Staaten sind in diesem Spiel Partner, manchmal auch Hindernisse. Bürger erscheinen eher als Stakeholder – ein Wort, das in Davos so häufig fällt, dass man fast vergisst, dass es ursprünglich aus der Managementliteratur stammt.
Ob dieses Modell langfristig funktioniert, ist eine offene Frage. Denn das größte Risiko für technokratische Systeme ist nicht Desinformation oder Klimawandel, sondern etwas viel Banaleres: das Gefühl vieler Menschen, dass Entscheidungen über ihr Leben zunehmend von Akteuren getroffen werden, die sie weder gewählt haben noch abwählen können.
Und wenn dieses Gefühl wächst, hilft auch der schönste „Spirit of Dialogue“ nicht mehr. Denn Dialog ist bekanntlich nur dann überzeugend, wenn beide Seiten tatsächlich etwas zu sagen haben. In Davos hingegen spricht meist nur eine – und die andere darf zuhören.