Der Tod eines „Hardliners“ und die Kunst der moralischen Verdunstung

Es gibt Schlagzeilen, die sind so bemerkenswert, dass man sie eigentlich rahmen und im Museum für journalistische Kuriositäten ausstellen müsste – zwischen einem viktorianischen Wetterbericht und der Durchsage eines Bahnhofsvorstehers, der mit ernster Stimme mitteilt, der Zug der Vernunft habe leider unbestimmte Verspätung. Als der oberste Führer der Islamischen Republik Iran starb, lautete eine prominente Überschrift sinngemäß: Ein „Hardline-Geistlicher, der Iran zur Regionalmacht machte, stirbt im Alter von 86“. Ein Hardliner also. Ein etwas strenger Herr, offenbar. Vielleicht jemand, der beim Abendessen darauf bestand, dass der Salat ordentlich gewaschen wird und die Jugend nicht zu lange aufbleibt. Man sieht ihn förmlich vor sich: ein Mann mit festen Prinzipien, ein wenig streng, aber letztlich Teil des großen bunten Spektrums politischer Temperamente, irgendwo zwischen „konservativ“ und „sehr konservativ“, ungefähr dort, wo in europäischen Talkshows auch Leute landen, die gegen Tempo 30 sind.

Die Empörung über diese Formulierung in sozialen Medien war deshalb nicht ganz unbegründet. Der Vergleich, den viele zynisch zogen – man hätte Adolf Hitlers Tod auch mit der Feststellung melden können, hier sei ein „Hundeliebhaber, der Deutschland zur Weltmacht machte“ gestorben – ist zwar bewusst polemisch, aber er trifft einen empfindlichen Punkt. Es geht nicht darum, historische Figuren gleichzusetzen, sondern um eine bemerkenswerte journalistische Technik: die Verdampfung der Moral durch Euphemismus. Die Fähigkeit, einen Despoten so zu beschreiben, als sei er ein etwas ruppiger Regionalpolitiker. Ein Mensch mit „kontroversen Ansichten“. Ein Charakterkopf. Ein Mann mit Ecken und Kanten.

Die erstaunliche Leistung besteht darin, dass diese sprachliche Alchemie über Jahrzehnte hinweg mit erstaunlicher Ausdauer betrieben wurde. Und zwar nicht am Rand der medialen Landschaft, sondern im Zentrum dessen, was sich selbst als moralisches Gewissen der westlichen Öffentlichkeit versteht.

Vertrauen schenken dem Mann mit der Revolution

Der rote Faden beginnt, wie so viele moderne Tragikomödien, im Jahr 1979. Damals erschien ein Text, der heute wie ein Dokument aus einem alternativen Universum wirkt. Darin wurde argumentiert, der neue Führer der iranischen Revolution sei in den Vereinigten Staaten völlig missverstanden worden. Die Darstellung als fanatischer Reaktionär sei falsch; vielmehr könne dieser religiöse Revolutionär womöglich ein Modell für eine humane Regierung in der sogenannten Dritten Welt liefern.

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Es ist eine jener Prognosen, die im Rückblick eine eigentümliche literarische Qualität entwickeln – nicht weil sie besonders klug waren, sondern weil sie eine nahezu poetische Beziehung zur Realität pflegten: Sie hatten mit ihr ungefähr so viel zu tun wie ein Märchen mit einem Steuerformular.

Der Gedanke, man müsse diesem Revolutionär „Vertrauen schenken“, war nicht einfach ein naiver Irrtum. Er war Teil einer größeren intellektuellen Strömung, die damals in vielen westlichen Kreisen verbreitet war: die romantische Sehnsucht nach einer authentischen Revolution irgendwo im globalen Süden, die noch nicht durch den Zynismus moderner Machtpolitik verdorben war. Dass diese Revolution zufällig von Männern mit Turbanen und einem ausgeprägten Interesse an öffentlicher Hinrichtung getragen wurde, erschien vielen Beobachtern lediglich als kulturelle Eigenheit.

Der Westen – so lautete die Diagnose – habe einfach Schwierigkeiten, andere politische Kulturen zu verstehen. Man müsse sensibel sein, offen, dialogbereit. Und vor allem dürfe man sich nicht von alarmistischen Begriffen wie „theokratischer Faschismus“ irritieren lassen. Das seien nur Übertreibungen der üblichen Verdächtigen.

Dass sich wenige Jahre später herausstellte, dass der Begriff vielleicht gar nicht so übertrieben war, wurde als bedauerlicher, aber im Grunde irrelevanter Betriebsunfall der Geschichte behandelt.

Die endlose Jagd nach den „Gemäßigten“

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich eine faszinierende journalistische Disziplin: die permanente Suche nach „Gemäßigten“ innerhalb des Regimes. Diese Suche hatte etwas Archäologisches. Immer wieder wurde ein neuer politischer Akteur entdeckt, dessen Existenz den Beweis liefern sollte, dass sich das System im Grunde auf dem Weg zur Reform befand.

Man musste nur Geduld haben. Und Dialog führen. Und Geschäfte machen. Und Vertrauen aufbauen. Und vielleicht noch ein paar Jahrzehnte warten.

Das Muster war bemerkenswert konstant. Immer wenn ein iranischer Politiker auftrat, der nicht unmittelbar nach der Auslöschung Israels rief, sondern lediglich nach der „Beendigung des zionistischen Projekts“, wurde er sofort als pragmatischer Reformer identifiziert. Jemand, mit dem man arbeiten konnte. Ein Mann der Vernunft.

Dass diese vermeintlichen Pragmatiker gleichzeitig Teil eines Systems waren, das Dissidenten erhängte, Frauen auspeitschte und Minderheiten systematisch unterdrückte, galt als komplexe Realität, die man differenziert betrachten müsse.

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Differenzierung – dieses noble Wort – entwickelte sich zu einer Art moralischem Beruhigungsmittel. Sobald jemand darauf hinwies, dass das System vielleicht doch ein wenig tyrannisch sei, wurde er ermahnt, nicht in simplifizierende Schwarz-Weiß-Schemata zu verfallen. Die Welt sei kompliziert.

Man könnte fast glauben, manche Kommentatoren hätten gehofft, dass das Regime irgendwann aus reiner Höflichkeit liberal wird.

Der Tonfall der gepflegten Verharmlosung

Besonders eindrucksvoll ist der Tonfall vieler Nachrufe und Porträts über Figuren dieses Systems. Man begegnet darin einer Sprache, die so neutral ist, dass sie fast schon wieder surreal wirkt.

Ein Diktator „steht an der Spitze“ eines Landes.
Er „lenkt die Geschicke“.
Er „übersteht Krisen“.
Er „vertritt ein konservatives Weltbild“.

Das klingt ungefähr so, als beschriebe man den Vorsitzenden eines Kleingartenvereins, der gelegentlich Streit über die Höhe der Hecken schlichten muss.

Die „Krisen“, die solche Führer überstehen, bestehen bemerkenswerterweise oft aus Aufständen der eigenen Bevölkerung. Millionen Menschen gehen auf die Straße, werden zusammengeschlagen, verhaftet, erschossen – und im journalistischen Vokabular verwandelt sich dieses Drama in eine „Herausforderung für die Führung“.

Es ist eine Art sprachlicher Origami: Aus Gewalt wird Verwaltung, aus Repression wird Stabilität, aus Terror wird Politik.

Der fast pazifistische Revolutionsführer

Am schönsten sind jene Passagen, in denen der revolutionäre Führer als eine Art tragischer Staatsmann erscheint, der sich widerwillig mit der Härte der Welt auseinandersetzen musste.

Er misstraute den Vereinigten Staaten – verständlich.
Er stand Israel kritisch gegenüber – historisch erklärbar.
Er hielt an traditionellen Werten fest – kulturell bedingt.

Die Tatsache, dass unter seiner Herrschaft Gefängnisse voller politischer Gefangener existierten, wird dabei gerne als Hintergrundrauschen behandelt. Ein Detail. Eine Fußnote im großen Drama geopolitischer Spannungen.

So entsteht ein Porträt, das fast rührend wirkt: ein Mann, der eigentlich Frieden wollte, aber leider von den Umständen gezwungen wurde, seine Macht mit eiserner Hand zu verteidigen. Ein strenger, aber letztlich rationaler Führer. Fast ein Pazifist.

Dass dieser angebliche Pazifist gleichzeitig ein Netzwerk von Milizen, Raketenarsenalen und Terrororganisationen finanzierte, wird diskret in den Bereich der „regionalen Einflussnahme“ verschoben.

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Ein Begriff, der ungefähr so harmlos klingt wie „kultureller Austausch“.

Die merkwürdige Asymmetrie moralischer Kategorien

Am faszinierendsten bleibt jedoch die ideologische Geografie der Begriffe. In der westlichen Berichterstattung existiert eine erstaunliche Präzision, wenn es um die Beschreibung demokratischer Regierungen geht. Dort wird fein säuberlich zwischen konservativ, rechts, rechtspopulistisch, rechtsradikal und ultrarechts unterschieden.

Im Nahen Osten hingegen scheint die Skala zu enden.

Dort gibt es Revolutionsführer.
Oder konservative Kleriker.
Oder pragmatische Hardliner.

Selbst Systeme, die offen religiöse Diktaturen sind, werden selten mit Begriffen beschrieben, die man im europäischen Kontext ganz selbstverständlich verwenden würde. Niemand spricht von islamistischem Totalitarismus mit derselben Routine, mit der man über westliche Innenpolitik spricht.

Vielleicht liegt darin eine seltsame Form von kulturellem Paternalismus: Man traut diesen Gesellschaften offenbar keine normalen politischen Kategorien zu.

Oder, weniger höflich gesagt: Man behandelt sie mit einem Maß an moralischer Nachsicht, das man sich im eigenen politischen Raum niemals erlauben würde.

Die höfliche Angst vor der Realität

Am Ende bleibt ein Eindruck, der zugleich komisch und unerquicklich ist. Ein Teil der westlichen Öffentlichkeit scheint über Jahrzehnte hinweg eine eigentümliche Beziehung zu diesem Regime gepflegt zu haben: eine Mischung aus Furcht, Faszination und intellektueller Selbsttäuschung.

Man wollte es nicht zu hart kritisieren.
Man wollte den Dialog nicht gefährden.
Man wollte kulturell sensibel bleiben.

Und so entstand eine Sprache, die mit erstaunlicher Konsequenz darum bemüht war, die Realität nicht allzu deutlich auszusprechen.

Es ist eine Sprache der höflichen Ausflüchte, der diplomatischen Umschreibungen, der moralischen Verdunstung.

Und vielleicht ist gerade das der eigentliche Skandal: nicht nur die Existenz eines brutalen Regimes – davon hat die Geschichte leider viele gesehen –, sondern die bemerkenswerte Fähigkeit freier Gesellschaften, über Jahrzehnte hinweg so zu tun, als handle es sich dabei lediglich um eine etwas eigensinnige Regierung mit „streng konservativem Weltbild“.

Eine Art politischer Exzentriker also.

Mit Hang zur Revolution.
Und gelegentlichen Schwierigkeiten mit der eigenen Bevölkerung.

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