Die alte Melodie vom „antifaschistischen“ Faschismus

Der Faschismus, so hat man uns jahrzehntelang beruhigend versichert, erkenne man zuverlässig an Stiefeln, Uniformen, erhobenen rechten Armen und einem gewissen Hang zu Marschmusik in Moll. Das Problem dieser Diagnose ist nur: Ideologien lernen. Sie wechseln Kostüme. Sie tauschen Symbole. Und sie erscheinen irgendwann nicht mehr mit Stahlhelm, sondern mit Palästinensertuch, Gendersternchen und einem moralischen Sendungsbewusstsein, das so blendend rein wirkt, dass jeder, der Zweifel anmeldet, sofort als moralischer Aussätziger gilt.

Die neue Variante tritt nicht mit dem Satz auf: „Ich bin der Faschismus.“ Sie kommt mit einem anderen Slogan: „Ich bin der Widerstand.“

Und so steht man plötzlich vor einem paradoxen Schauspiel, das selbst Historikern der politischen Absurdität kurz den Stift aus der Hand fallen lässt: Teile der radikalen Linken, die jahrzehntelang ihr Selbstbild aus dem antifaschistischen Widerstand bezogen haben, stehen heute Schulter an Schulter mit Islamisten, autoritären Regimen und religiösen Fanatikern – also exakt jenen Kräften, gegen die jeder klassische Antifaschist eigentlich allergisch sein müsste.

Dass diese Allianz existiert, ist inzwischen kein Geheimnis mehr. Dass sie sich dabei ausgerechnet auf den Begriff „Antifaschismus“ beruft, gehört zu den groteskeren Ironien unserer politischen Gegenwart.

Der Eurovision Song Contest als Bühne der moralischen Selbstinszenierung

Der Eurovision Song Contest ist vieles: ein Popzirkus, ein Festival des guten schlechten Geschmacks, ein geopolitischer Jahrmarkt der Eitelkeiten und gelegentlich auch ein Ort musikalischer Überraschungen. Was er bislang eher selten war: ein zentraler Schauplatz weltpolitischer Erlösungsfantasien.

Doch genau das droht ihm nun zu werden.

Für den Finaltag ist eine Demonstration angekündigt, organisiert von Teilen der antiisraelischen Szene, unterstützt unter anderem von der Boykottbewegung BDS sowie verschiedenen linken Gruppen. In ihren Aufrufen wird der Wettbewerb kurzerhand zur „Propaganda-Bühne für Israel“ erklärt, ja sogar zur „Legitimation eines Völkermords“.

Der Eurovision Song Contest, ein Wettbewerb, bei dem sich traditionell finnische Metalbands, moldawische Folklore und zypriotische Discohymnen gegenseitig überbieten, wird damit zur moralischen Frontlinie eines globalen Kampfes erklärt.

TIP:  Die gefährlichen Bücher und die noch gefährlichere Freiheit

Das ist ungefähr so, als würde man den Wiener Opernball für die geopolitische Statik des Nahen Ostens verantwortlich machen.

Doch im Zeitalter der moralischen Überhitzung genügt offenbar schon die Teilnahme israelischer Künstler, um ein internationales Popereignis in eine angebliche Bühne imperialistischer Propaganda zu verwandeln.

Antisemitismus im linken Gewand

Dass sich unter den Unterstützern dieser Mobilisierung Gruppen finden, denen bereits seit Jahren antisemitische Positionen vorgeworfen werden, überrascht nur diejenigen, die sich konsequent weigern, das Offensichtliche zur Kenntnis zu nehmen.

Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands beschrieb bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten Teile dieses Milieus als Träger eines „Antisemitismus im linken Gewand“.

Der Ausdruck ist bemerkenswert präzise.

Denn während der klassische Antisemitismus sich offen gegen „die Juden“ richtete, arbeitet seine moderne Variante mit einem scheinbar respektablen Ersatzbegriff: „Zionismus“.

Das Muster ist stets gleich.

Man erklärt zunächst, selbstverständlich nichts gegen Juden zu haben. Dann erklärt man Israel zur einzigartigen Inkarnation des Bösen. Und schließlich stellt man jeden, der diese Dämonisierung kritisiert, unter den Verdacht moralischer Komplizenschaft.

Es ist eine rhetorische Technik, die es ermöglicht, antisemitische Narrative zu reproduzieren, während man gleichzeitig behauptet, moralisch über jeden Verdacht erhaben zu sein.

Wenn Terror zum „Widerstand“ erklärt wird

Die moralische Bankrotterklärung dieses Milieus zeigte sich besonders deutlich in den Reaktionen auf den 7. Oktober 2023.

Während große Teile der Welt entsetzt auf die Massaker, Entführungen und Vergewaltigungen reagierten, fand sich auch eine andere Stimme.

Ein führender Aktivist aus dem Umfeld der antiimperialistischen Szene bezeichnete die Ereignisse als „kräftigen Akt des palästinensischen Widerstands“.

Man muss diesen Satz langsam lesen, um seine ganze Ungeheuerlichkeit zu begreifen.

Massaker werden zu „Akten“.
Vergewaltigungen zu „Widerstand“.
Terror zu politischer Selbstbehauptung.

Es ist die rhetorische Alchemie der ideologischen Verblendung: Man verwandelt Gewalt in Moral, indem man nur die richtigen Worte darüber legt.

Die wunderbare Koalition der Widersprüche

Besonders faszinierend ist die Zusammensetzung jener Demonstrationen, auf denen diese Ideologie sichtbar wird.

TIP:  Kompetenzchecks und Kaffeesudlesen

Dort marschieren nebeneinander:

  • Islamisten
  • türkische Rechtsextremisten
  • radikale Linke
  • queerfeministische Aktivisten
  • antiwestliche Antiimperialisten

Es ist ein politisches Ökosystem, das eigentlich gar nicht existieren dürfte.

Denn in jeder halbwegs kohärenten Weltanschauung müssten diese Gruppen sich gegenseitig bekämpfen.

Islamistische Ideologen verfolgen Homosexuelle.
Rechtsextreme Nationalisten verachten linke Internationalisten.
Radikale Feministen lehnen religiösen Patriarchalismus ab.

Doch in dieser seltsamen Allianz verschwinden all diese Konflikte plötzlich.

Der gemeinsame Nenner lautet: Israel.

Die linke Romantik des Autoritären

Noch bizarrer wird das Bild, wenn man die internationale Dimension betrachtet.

Denn Teile dieser Szene stellen sich mittlerweile offen an die Seite des iranischen Regimes – einer theokratischen Diktatur, die politische Opposition unterdrückt, Frauenrechte massiv einschränkt und Homosexualität kriminalisiert.

Auf Demonstrationen werden Fahnen der Islamischen Republik geschwenkt, Parolen gerufen und Fotos von Führungsfiguren gezeigt, die in westlichen Demokratien eher als Symbol autoritärer Herrschaft gelten.

Der antiimperialistische Reflex funktioniert dabei nach einer erstaunlich simplen Logik:

Wenn ein Regime im Konflikt mit den USA oder Israel steht, wird es automatisch zum potenziellen Verbündeten.

Demokratie, Menschenrechte, Meinungsfreiheit – all das wird plötzlich zu nebensächlichen Details.

Der moralische Narzissmus der Empörung

Was diese Bewegung antreibt, ist weniger ein konkretes politisches Programm als eine Form moralischer Selbstinszenierung.

Der Protest wird zum identitätsstiftenden Ritual.

Man demonstriert nicht nur gegen etwas – man demonstriert, um sich selbst als moralisch überlegen zu erleben.

Die Welt wird dabei in zwei einfache Kategorien eingeteilt:

  • Unterdrücker
  • Widerständige

Dass reale Konflikte selten so übersichtlich sind, stört diese Dramaturgie nur.

Denn moralische Klarheit ist nun einmal einfacher zu erzeugen, wenn man die Wirklichkeit großzügig vereinfacht.

Wenn Antifaschismus zur Karikatur wird

Und so entsteht eine politische Karikatur:

Menschen, die sich als antifaschistisch verstehen, marschieren gemeinsam mit religiösen Fanatikern.
Selbsternannte Menschenrechtsaktivisten relativieren Terror.
Queerfeministische Gruppen solidarisieren sich mit Bewegungen, die ihre eigene Existenz kriminalisieren würden.

Es ist ein ideologisches Theater, in dem jede Figur gegen ihre eigene Rolle spielt.

TIP:  Der europäische Energiemärchenwald

Der Faschismus, der sich nicht so nennt

Die eigentliche Gefahr liegt jedoch nicht im absurden Spektakel solcher Demonstrationen.

Die Gefahr liegt in der ideologischen Logik dahinter.

Denn diese Logik kennt letztlich nur ein einziges moralisches Prinzip:

Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

Aus dieser Logik entstehen die seltsamsten Allianzen – und die gefährlichsten.

Historisch gesehen war genau diese Bereitschaft zur ideologischen Selbsttäuschung immer ein Einfallstor für autoritäre Bewegungen.

Der Faschismus des 21. Jahrhunderts wird vermutlich keine schwarzen Hemden tragen.

Er wird in Demonstrationsaufrufen auftreten.
Er wird von „Befreiung“ sprechen.
Er wird sich „antifaschistisch“ nennen.

Und er wird dabei, mit einem Lächeln moralischer Gewissheit, genau das reproduzieren, was er angeblich bekämpft.

Please follow and like us:
Pin Share