Es gibt in Österreich eine beinahe religiöse Vorstellung: Irgendwo, zwischen Wiener Grant und Semmelbröseln, müsse es ihn geben – den gerechten, moralisch sauberen, sozialverträglichen Tagesteller um 7,50 Euro. Eine Art kulinarisches Naturgesetz, ungefähr so unverrückbar wie der Wiener Stephansdom oder der Glaube daran, dass irgendein SPÖ-Politiker gerade irgendwo „die kleinen Leute“ verteidigt, während er gleichzeitig versucht herauszufinden, warum ein Verlängerter inzwischen mehr kostet als früher ein halber Wocheneinkauf. Der Tagesteller, so scheint es vielen, sei nicht einfach ein Gericht, sondern ein Menschenrecht. Irgendwo zwischen Wahlversprechen, Gewerkschaftsromantik und Kantinenrealität entstand die Vorstellung, dass ein Teller Essen – gekocht, serviert, abgewaschen, finanziert, versteuert – eigentlich nur so viel kosten dürfe wie ein Parkschein in der Wiener Kurzparkzone. Und wenn er mehr kostet, dann muss irgendwo eine moralische Verfehlung vorliegen: der Wirt gierig, der Markt böse, der Kapitalismus schuld oder – je nach politischer Tagesform – die Regierung sowieso.
Nun kommt allerdings die unerquicklich nüchterne Mathematik ins Spiel, jene Disziplin, die leider selten Wahlkämpfe gewinnt und noch seltener auf Parteitagen gefeiert wird. Wenn man 22 Mitarbeiter beschäftigt – echte Menschen übrigens, keine statistischen Nebelgestalten aus einem Budgetpapier – dann wollen diese tatsächlich so etwas Unverschämtes wie Lohn. Und zwar regelmäßig. Nicht nur dann, wenn gerade eine Pressekonferenz über soziale Gerechtigkeit stattfindet. 22 mal 1500 Euro netto, das klingt in politischen Debatten ungefähr nach der moralischen Mindesttemperatur des Universums. Doch sobald man beginnt, diese Zahlen nicht nur zu fühlen, sondern zu rechnen, entfaltet sich eine jener Realitäten, die in politischen Diskussionsrunden ungefähr so beliebt sind wie ein Steuerprüfer beim Betriebsfest.
Die hohe Kunst des Wegrechnens
Denn das Rechnen, das ist in Österreich ohnehin eine heikle kulturelle Angelegenheit. In Wahlprogrammen wird gerechnet wie in Märchenbüchern: mit Hoffnung, Gefühl und gelegentlich einer Prise Zauberei. Wenn etwa ein Andreas Babler über soziale Gerechtigkeit spricht, klingt das stets ein wenig so, als könnte man durch moralische Überzeugung allein die Mehrwertsteuer verdunsten lassen. Und wenn Hans Peter Doskozil über wirtschaftliche Vernunft spricht, wirkt es manchmal, als hätte er heimlich ein Excel-Sheet entdeckt, das in der Parteizentrale jahrzehntelang als neoliberales Teufelswerk galt. Und irgendwo zwischen diesen beiden Polen steht dann Michael Ludwig, der Wiener Bürgermeister, und verwaltet stoisch eine Stadt, in der der Mythos vom billigen Essen so tief verwurzelt ist, dass man fast glaubt, Schnitzel würden im Gemeindebau aus der Wand wachsen.
Die Realität allerdings ist unerquicklich prosaisch. Löhne haben Nebenkosten. Mitarbeiter werden krank. Lehrlinge gehen – man höre und staune – tatsächlich in die Berufsschule. Energiepreise existieren ebenfalls, auch wenn sie in politischen Reden gerne als metaphysisches Problem der internationalen Großwetterlage dargestellt werden. Müll kostet Geld. Wasser kostet Geld. Versicherungen kosten Geld. Geräte gehen kaputt. Und das Finanzamt – ein besonders humorloser Teilnehmer des gastronomischen Ökosystems – verlangt ebenfalls seinen Anteil, ohne jemals einen Krautrouladenkopf zu rollen.
Der romantische Sozialismus des Mittagstisches
Was viele Menschen jedoch erwarten, ist eine Art gastronomischer Sozialismus im Kleinformat. Der Wirt möge bitte fair bezahlen, nachhaltig einkaufen, regionale Produkte verwenden, niemanden schwarz beschäftigen, keine 16-Stunden-Schichten verlangen, gleichzeitig aber Preise anbieten, die ungefähr aus dem Jahr 2004 stammen. Diese Erwartungshaltung ist ungefähr so realistisch wie der Glaube, dass man in Wien eine Altbauwohnung für 300 Euro findet, wenn man nur fest genug an soziale Gerechtigkeit glaubt.
Und hier beginnt die eigentliche Komödie. Dieselben Menschen, die völlig zurecht verlangen, dass Mitarbeiter ordentlich behandelt werden, empören sich gleichzeitig, wenn der Preis eines Mittagessens plötzlich zweistellig wird. Zehn Euro – eine Zahl, die in politischen Diskursen oft wie eine moralische Katastrophe behandelt wird, obwohl sie in Wahrheit kaum mehr ist als die Eintrittsgebühr zur Realität. Man stelle sich vor: 120.000 Tagesteller im Jahr, nur um die Fixkosten zu decken. Dreihundertfünfundsiebzig pro Tag. Das ist keine Küche mehr, das ist eine industrielle Krautrouladenfabrik mit menschlichem Gesicht.
Marmelade als volkswirtschaftliche Notwehr
Und so beginnt das, was man in Österreich vielleicht als die kreative Phase der Gastronomie bezeichnen könnte: die Ära der Nebenprodukte. Marmelade wird gekocht, Bücher werden verkauft, Kekse werden gebacken, manchmal vermutlich auch philosophische Essays über Kraut und Erdäpfel geschrieben – alles nur, um eine Lücke zu stopfen, die eigentlich durch einen zu billigen Tagesteller entstanden ist. Es ist eine Art kulinarische Improvisationsökonomie, irgendwo zwischen bäuerlicher Selbsthilfe und urbaner Überlebensstrategie.
Man könnte fast sagen: Die Gastronomie betreibt hier etwas, das man von der Politik kennt – Quersubventionierung durch Hoffnung. Nur mit dem Unterschied, dass der Wirt am Ende des Monats tatsächlich zahlen muss.
Die tragische Erkenntnis der Krautroulade
Und hier, mitten zwischen Krautkopf und Salzerdäpfel, passiert etwas Erstaunliches: Realität. Der Tagesteller kostet plötzlich 13 Euro. Zwei Krautrouladen. Kleine Portion 10,90. Kein Weltuntergang, kein Klassenkampf, keine neoliberale Verschwörung – nur die schlichte Feststellung, dass Wirtschaft manchmal tatsächlich etwas mit Zahlen zu tun hat.
Man könnte fast meinen, das sei eine Lektion, die auch in der politischen Welt gelegentlich hilfreich wäre. Denn während sich Parteiflügel darüber streiten, wer die sozialere Rhetorik pflegt, passiert draußen im echten Leben etwas bemerkenswert Unideologisches: Menschen versuchen einfach, ihre Rechnungen zu bezahlen.
Und während irgendwo ein Parteiprogramm über die „leistbare Zukunft“ diskutiert wird, steht in einer Küche jemand und rollt Krautrouladen, rechnet Personalkosten, hofft, dass niemand krank wird, und versucht gleichzeitig, nicht in jene uralte österreichische Tradition zurückzufallen: 16-Stunden-Schichten, Schwarzgeld und Ausbeutung.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieser Geschichte. Der Tagesteller war nie zu teuer. Er war nur zu billig für die Welt, in der wir inzwischen leben.
Und während das Kraut gerade frisch geliefert wird und der Herd heiß läuft, bleibt eine stille Erkenntnis im Raum stehen – eine Erkenntnis, die man in politischen Debatten selten hört:
Die Realität hat leider keine Wahlversprechen. Nur Rechnungen. Und die wollen bezahlt werden.