Die moralische Mechanik der reflexhaften Empörung
Es ist wieder so weit. Kaum fallen irgendwo Bomben – und sei es auf ein Regime, das seit Jahrzehnten Bomben nicht nur als militärisches, sondern als innenpolitisches Erziehungsinstrument versteht –, schaltet sich hierzulande der moralische Bewegungsmelder ein. Die Empörungswelle rollt heran, geschniegelt und gestriegelt, geschniegelt vor allem im Bewusstsein der eigenen Überlegenheit. Und wie so oft ist das Ziel der Entrüstung nicht in erster Linie die theokratische Repression in Teheran, sondern die altbekannte Chiffre des Bösen: der Westen, personifiziert in Washington und Jerusalem. Dass es sich bei dem angegriffenen Objekt um die Islamische Republik Iran handelt – ein System, das Dissens mit Gefängnis und Galgen beantwortet und Frauenrechte als westliche Dekadenz verspottet –, wird im Empörungsnebel zu einem bedauerlichen, aber sekundären Detail.
Die moralische Mechanik funktioniert zuverlässig wie eine gut geölte Apparatur: Wer vom Westen angegriffen wird, rückt automatisch in die Opferrolle. Und Opfer – so die implizite Logik – verdienen Solidarität. Dass es sich um ein Regime handelt, das selbst mit bewundernswerter Konsequenz Opfer produziert, stört die Dramaturgie nur. Man möchte beinahe applaudieren für diese dialektische Eleganz, wäre sie nicht so unerquicklich vorhersehbar.
Regimewechsel als Schreckgespenst
Als der Vorsitzende der Die Linke, Jan van Aken, verlauten ließ, es stehe „zu befürchten“, dass Israel und die USA einen Regimewechsel „herbeibomben“ wollten, war das weniger ein politisches Statement als eine literarische Miniatur. „Zu befürchten“ – welch köstliche Wortwahl. Man möchte ihm zurufen: Für wen genau? Für die Revolutionsgarden? Für die Sittenpolizei? Für jene Funktionäre, die das Kopftuch zur Schicksalsfrage und das Privateigentum zur Parteisache erklären?
Ein Regimewechsel im Iran – das Ende einer Theokratie, die Homosexualität kriminalisiert, Oppositionelle einsperrt und Proteste blutig niederschlägt – erscheint in dieser Lesart als drohende Katastrophe. Nicht als Möglichkeit. Nicht als Hoffnungsschimmer. Sondern als Unheil. Es ist, als würde man beim Sturz einer Diktatur besorgt die Stabilität des Kerkerpersonals beklagen. Man kann diese Perspektive nur bewundern, wenn man die Fähigkeit zur Ironie vollständig suspendiert hat.
Natürlich, man kann – ja, man muss – skeptisch sein gegenüber militärischen Interventionen. Die Geschichte bietet ausreichend Anschauungsmaterial für die Hybris des „Nation Building“. Doch aus dieser Skepsis eine Art metaphysisches Interventionsverbot abzuleiten, das selbst die Aussicht auf das Ende einer brutal repressiven Ordnung als Schreckgespenst erscheinen lässt, ist weniger Pazifismus als politische Schockstarre mit moralischem Heiligenschein.
Atomwaffen verhindern, aber bitte ohne Unannehmlichkeiten
Immerhin räumte van Aken ein, eine iranische Atombombe müsse „auf jeden Fall verhindert werden“. Ein Satz wie aus dem Lehrbuch verantwortungsvoller Außenpolitik – und doch von einer bezaubernden Unverbindlichkeit. Verhindert werden, selbstverständlich. Aber wie? Mit mahnenden Resolutionen? Mit Dialogformaten im Konferenzhotel? Mit dem bewährten Instrument des „ernsten Gesprächs“ bei Tee und Gebäck, während im Hintergrund die Zentrifugen surren?
Die Vorstellung, man könne ein Regime, das seine ideologische Identität aus dem Widerstand gegen den Westen speist, durch gute Worte zur nuklearen Selbstbeschränkung bewegen, hat etwas Rührendes. Sie erinnert an jene unerschütterliche Hoffnung, ein Wolf lasse sich durch empathische Kommunikation vom Vegetarismus überzeugen. Man möchte diese Hoffnung nicht zerstören – sie ist so rein, so edel, so weltfremd.
Antiamerikanismus als moralische Komfortzone
Was sich hier offenbart, ist weniger eine durchdachte Nahoststrategie als ein Reflex: Wenn die USA handeln, ist Skepsis Pflicht. Wenn Israel beteiligt ist, wird aus Skepsis moralische Empörung. Das eigentliche Objekt der Kritik ist nicht Teheran, sondern das westliche Machtzentrum. Der Mullah wird zur Staffage in einem Drama, dessen Hauptrolle seit Jahrzehnten fest vergeben ist.
Es ist eine komfortable Position. Man muss sich nicht mit der inneren Struktur der Islamische Republik Iran auseinandersetzen, nicht mit den Revolutionsgarden, nicht mit der systematischen Unterdrückung von Frauen, nicht mit der Finanzierung bewaffneter Gruppen in der Region. All das wird zur Fußnote in einer größeren Erzählung vom imperialen Westen. Und so entsteht eine merkwürdige Allianz der Empörung: Auf der einen Seite die Theokraten in Teheran, auf der anderen Seite deutsche Linke, die in ihrer moralischen Selbstvergewisserung kaum bemerken, wie sie objektiv als Schutzschild für ein Regime fungieren, das mit ihren eigenen emanzipatorischen Idealen in etwa so viel gemein hat wie ein Scheiterhaufen mit einer Pride-Parade.
Die Tragikomödie der verkehrten Solidarität
Am Ende bleibt das Bild einer politischen Szene, die sich selbst treu bleibt – koste es, was es wolle. Solidarität gilt nicht primär den iranischen Frauen, die gegen Zwangsverschleierung protestieren. Nicht den Studierenden, die Freiheit fordern. Nicht den Oppositionellen in Gefängnissen. Sondern der abstrakten Idee, dass der Westen immer der größere Übeltäter sei.
Das ist tragikomisch, weil es die ursprünglichen Ideale der Linken – Freiheit, Gleichheit, Selbstbestimmung – in ein ideologisches Spiegelkabinett verwandelt. Dort wird der Unterdrücker zum Opfer, der mögliche Sturz einer Theokratie zur „Befürchtung“, und militärischer Druck zur größeren Sünde als systematische Repression. Man könnte darüber lachen, wenn es nicht zugleich so unerquicklich ernst wäre.
Vielleicht ist es das eigentliche Drama dieser Empörungswelle: dass sie weniger vom Schicksal der Menschen im Iran handelt als von der Selbstvergewisserung einer politischen Kultur hierzulande. Eine Kultur, die ihre moralische Identität nicht aus der Solidarität mit den Unterdrückten schöpft, sondern aus der ewigen Opposition gegen den Westen. Und so bleibt am Ende ein bitterer, leicht zynischer Nachgeschmack: Nicht jeder, der „Frieden“ ruft, meint Freiheit. Und nicht jede Empörung ist ein Zeichen von Moral – manchmal ist sie nur ein besonders lautes Echo alter Gewissheiten.