oder die Kunst, Geschichte in Echtzeit umzuschreiben
Zum vierten Jahrestag jenes Februartages, der inzwischen wie ein säkularer Buß- und Bettag der westlichen Leitartikel begangen wird, erreicht die publizistische Hochleistungssportart namens „Vorgeschichtsamnesie mit moralischer Dauerempörung“ eine neue Disziplin. Man staunt, mit welcher Synchronität sich Kommentarspalten, Talkshows und Kurznachrichtendienste in ein einziges, vibrierendes Mantra verwandeln: Der Krieg begann 2022. Punkt. Alles davor ist geologisches Rauschen, tektonisches Vorbeben ohne Belang. Und wenn doch einmal jemand an 2014 erinnert, dann nur, um das Datum wie eine Requisite zu benutzen, nicht um es zu befragen.
Es ist, als habe man die Historie in ein Ikea-Regal gezwängt: Was nicht passt, wird passend gemacht oder diskret entsorgt. Die moralische Dringlichkeit ersetzt die Chronologie, und wer nach Kausalitäten fragt, gilt als suspekt. In diesem Theater der guten Gesinnung darf man alles sagen – solange es nicht zu kompliziert wird. Der Krieg, so lautet die neue Orthodoxie, sei aus dem Nichts gefallen wie ein besonders bösartiger Meteorit. Dass Meteoriten in der Regel eine Flugbahn haben, ist eine unzulässige naturwissenschaftliche Relativierung.
Roderich Kiesewetter und die tapfere Einfalt der Abschreckungsformel
Verlässlich wie die Tagesschau-Melodie meldet sich in diesen Tagen auch Roderich Kiesewetter zu Wort, um historische Nebelschwaden mit dem Flammenwerfer der Eindeutigkeit zu vertreiben. Der russische Angriff, so erklärt er, habe 2014 begonnen. Und weil man damals – horribile dictu – auf Beschwichtigung gesetzt habe, müsse man nun endlich weitreichende Waffen liefern. Taurus statt Taktgefühl, Reichweite statt Reue.
Man reibt sich die Augen: Plötzlich wird 2014 aus der Asservatenkammer geholt, allerdings nicht als komplexes Kapitel einer zerrissenen Ukraine, sondern als bequeme Startmarke für die These ewiger russischer Aggression. Dass im Frühjahr 2014 in Kiew ein nicht gewählter Übergangspräsident amtierte – Oleksandr Turtschynow –, der eine sogenannte „Anti-Terror-Operation“ gegen Teile der eigenen Bevölkerung im Donbass ausrief, verschwindet in der Fußnote der moralischen Erzählung. Terror ist offenbar immer das, was die anderen tun. Wenn Kiew Truppen schickt, ist es Staatsraison; wenn Moskau Truppen schickt, ist es der ontologische Beweis des Bösen.
Die Ironie ist fast zärtlich: Kiesewetter konstatiert eine Mitverantwortung des Westens für Tote und Verletzte – um daraus die Notwendigkeit noch größerer militärischer Eskalation abzuleiten. Man möchte ihm einen Logikpreis verleihen: für die elegante Wendung vom Schuldbekenntnis zur Lieferforderung. Es ist eine dialektische Pirouette, die Hegel erröten ließe. Wenn wir mitschuldig sind, dann bitte mit mehr Nachdruck.
2014 oder das Jahr, das nicht vergehen will
Wer 2014 sagt, sagt auch Maidan. Und wer Maidan sagt, betritt vermintes Gelände. Der Sturz von Wiktor Janukowytsch wird im westlichen Diskurs wahlweise als demokratischer Aufbruch oder als notwendige Entsorgung eines Moskau-nahen Präsidenten erzählt. Dass bewaffnete, rechtsradikale Gruppen eine nicht ganz unerhebliche Rolle spielten, passt schlecht in die Heldensaga.
Kurz darauf begann im Donbass jener Krieg niedriger Intensität, der bis 2022 bereits Tausende das Leben gekostet hatte. Die „Anti-Terror-Operation“ wurde zur Chiffre für eine militärische Auseinandersetzung zwischen Kiew und separatistischen Gebieten, unterstützt von Russland. Es war ein schmutziger, asymmetrischer, grausamer Krieg – und vor allem: ein Krieg, den man im Westen bequem übersehen konnte, solange er nicht in die große Erzählung vom globalen Systemkonflikt passte.
Auch das Massaker von Odessa am 2. Mai 2014 – ein Tag, an dem Dutzende Menschen im Gewerkschaftshaus starben – verschwand rasch aus der westlichen Dauerempörung. Es war kein Ereignis, das sich leicht in die Schwarz-Weiß-Malerei integrieren ließ. Zu viele Grautöne, zu viele unbequeme Fragen. Also schwieg man sich aus. Schweigen ist die eleganteste Form der Zensur.
Minsk oder die Kunst, ein Abkommen zu überleben
Die Minsker Vereinbarungen – diplomatische Pflaster auf einer offenen Wunde – wurden jahrelang beschworen und zugleich unterlaufen. Später bekannte man freimütig, sie hätten vor allem Zeit verschaffen sollen. Zeit wofür? Für Aufrüstung, für Positionsgewinne, für die Verlängerung eines Konflikts, der offiziell gar keiner sein sollte.
Wenn Verträge nur taktische Atempausen sind, darf man sich nicht wundern, wenn das Vertrauen verdampft. Doch im gegenwärtigen Diskurs gilt Misstrauen ausschließlich als russische Charaktereigenschaft. Dass auch der Westen strategisch denkt, Interessen verfolgt, Energiepolitik betreibt, Einflusssphären verteidigt – das sind Verschwörungstheorien für Fortgeschrittene. Wir handeln nie aus Machtkalkül, sondern immer aus Werten. Unsere Panzer sind humanitär grundiert.
Die Liturgie der Unprovoziertheit
Die Formel vom „unprovozierten Angriffskrieg“ ist zur liturgischen Pflichtübung geworden. Wer sie nicht rezitiert, riskiert den Bannstrahl der Talkshow-Exkommunikation. Natürlich bleibt der Einmarsch Russlands 2022 völkerrechtswidrig und brutal. Aber die Behauptung vollständiger Unprovoziertheit ist weniger Analyse als Exorzismus: Man vertreibt die Dämonen der eigenen Mitverantwortung, indem man sie leugnet.
Provokation heißt nicht Rechtfertigung. Ursache ist nicht Entschuldigung. Doch in der öffentlichen Debatte wird jede kausale Einordnung sofort als moralische Kapitulation missverstanden. So verarmt der Diskurs zur Dauererregung. Man darf noch trauern, aber nicht mehr denken.
Dabei war die Eskalationsspirale seit Jahren sichtbar: NATO-Osterweiterung, gegenseitige Manöver, Sanktionsregime, rhetorische Totalverurteilungen. Wer damals warnte, wurde als „Putin-Versteher“ etikettiert – ein Wort, das so unerquicklich klingt wie ein Befall mit politischem Schimmel. Dass unter den Mahnern Persönlichkeiten aus unterschiedlichen politischen Lagern waren, interessierte wenig. Differenzierung ist kein Quotenhit.
Krokodilstränen im Feuilletonformat
Zum Jahrestag fließen sie wieder, die Krokodilstränen. Man beteuert Solidarität, beklagt die Zerstörung, beschwört die Tapferkeit der Ukrainer. All das ist menschlich nachvollziehbar. Doch die Frage bleibt: Wo war diese Empathie, als im Donbass jahrelang geschossen wurde? Wo war sie, als Minsk zur diplomatischen Attrappe verkam? Wo war sie, als Friedensverhandlungen 2022 im Keim erstickten, weil ein militärischer Sieg plötzlich greifbar schien?
Es ist die Tragödie dieses Krieges, dass er von Anfang an auch ein Krieg der Narrative war. Und Narrative kennen keine Halbtonschritte. Sie lieben Helden und Schurken, Anfang und Ende, Gut und Böse. Geschichte aber ist ein unordentliches Archiv. Wer darin aufräumt, findet selten nur das, was er sucht.
Am Ende bleibt die bittere Pointe: Man kann zugleich feststellen, dass Russland 2022 einen verheerenden Krieg begonnen hat – und dass dieser Krieg eine Vorgeschichte hatte, in der auch westliche Politik Fehler, Arroganz und Ignoranz zeigte. Beides auszuhalten, wäre die Mindestvoraussetzung für eine ernsthafte Debatte.
Doch Ernsthaftigkeit ist kein Quotengarant. Also liefert man lieber Waffen und Gewissheiten. Und während man über Reichweiten diskutiert, schrumpft der Raum für Diplomatie auf Taschenformat. Vielleicht wird man in ein paar Jahren erneut Jahrestage begehen, erneut Tränen vergießen, erneut feststellen, dass man „Mitverantwortung“ trägt – um daraus die Notwendigkeit der nächsten Eskalationsstufe abzuleiten.
Die Geschichte, dieses störrische Biest, wird sich davon wenig beeindrucken lassen. Sie besteht darauf, erinnert zu werden – auch an das, was nicht ins Drehbuch passt.