Es gibt Sätze, die klingen wie aus einem Seminar für angewandte Selbstberuhigung im öffentlich-rechtlichen Hochamt: Man habe ein KI-Video „wissentlich“ verwendet, aber natürlich nicht in der Absicht zu täuschen, sondern gewissermaßen in der unschuldigen Ahnung, dass Wirklichkeit heutzutage ohnehin nur noch eine Frage der Renderleistung sei. Und so sitzt sie da, die Chefredakteurin des ZDF, Bettina Schausten, vor 1.100 Mitarbeitenden und vollführt jene rhetorische Pirouette, die man nur beherrscht, wenn man jahrelang in Talkrunden geübt hat, zwischen „Fehler“ und „Versehen“ die semantische Grauzone auszuleuchten. Wissentlich, aber fahrlässig. Bewusst, aber ohne Absicht. Verwendet, aber nicht gemeint. Man spürt förmlich, wie die deutsche Sprache an ihre Belastungsgrenze gebracht wird – nicht durch Poesie, sondern durch Protokoll.
Dass ein KI-generiertes Video in einem Beitrag des Heute-Journals auftauchte, ohne dass der Beitrag sich explizit mit KI befasste, ist dabei weniger ein technisches Problem als ein metaphysisches. Es geht um die Frage, ob man Wirklichkeit abbildet oder sie illustriert wie einen schlecht recherchierten Wikipedia-Artikel. Die Realität, sagt man, sei komplex. Aber offenbar ist sie nicht immer fotogen genug. Und so hilft man ihr ein wenig nach, wie ein Theaterregisseur, der dem Hamlet noch schnell ein paar Tränen aus der Pipette ins Auge träufelt, weil das Publikum sonst nicht merkt, dass hier Tragödie gespielt wird.
Kein einziges Wort war falsch
Der Satz des US-Korrespondenten Elmar Theveßen hallt nach wie ein Dogma: „Kein einziges Wort war falsch.“ Das ist der Moment, in dem man begreift, dass wir im Zeitalter der semantischen Reinwaschung leben. Wörter sind korrekt, Bilder sind problematisch, die Intention war ehrenhaft – was also wollt ihr eigentlich? Wenn der Text die Wirklichkeit akkurat beschreibt, darf das Bild dann nicht ein wenig dramatisieren, zuspitzen, pointieren? Ist nicht jedes Bild ohnehin Interpretation? Ist nicht jede Kamera eine Waffe? Und wenn schon, warum dann nicht gleich mit synthetischer Munition?
Theveßen verteidigt die Berichterstattung über Einsätze der US-Abschiebebehörde ICE, über Kinder, Angst, Operationen in Wohngebieten. Alles faktisch, alles belegt, alles im Rahmen des Sagbaren. Nur das Bild – dieses kleine, unschuldige, algorithmisch erzeugte Bild – war eben nicht ganz von dieser Welt. Aber wer wollte in Zeiten digitaler Simulationen noch so pedantisch zwischen „war“ und „hätte sein können“ unterscheiden? Ist nicht jede Nachrichtensendung längst eine Dramaturgieveranstaltung, in der Realität kuratiert, verdichtet, emotional aufgeladen wird, damit sie zwischen Wetter und Sport nicht untergeht?
Und doch steht da dieser eine Satz von Schausten wie eine Mahnung aus einer anderen Epoche: Man müsse die Realität abbilden, nicht die Realität, wie sie sein könnte, durch KI. Ein Satz, der klingt, als sei er direkt aus einem journalistischen Katechismus gefallen, geschrieben in einer Zeit, als Bilder noch auf Film gebannt und nicht in Rechenzentren herbeigesehnt wurden.
Wagenburg mit WLAN
Man sitze nicht in der Wagenburg, betont Schausten. Und allein die Notwendigkeit, das zu sagen, ist bereits ein kleines literarisches Ereignis. Denn wer je in einer Wagenburg gesessen hat, weiß: Von innen sieht sie aus wie eine gemütliche Runde Gleichgesinnter, die sich gegen das „Geraune“ da draußen zur Wehr setzt. Von außen wirkt sie wie eine Befestigungsanlage gegen Kritik.
Dass ein Mitarbeiter von „Weltbild-Bestätigungs-Sendungen“ spricht, ist in diesem Kontext keine Petitesse, sondern ein Fanal. Man müsse prüfen, was an den Vorwürfen dran sei. Man dürfe nicht alles als böswillige Attacke abtun. Und plötzlich fällt er, jener Name, der in deutschen Redaktionen inzwischen als Chiffre für den moralischen Super-GAU dient: Claas Relotius. Der „Relotius-Moment“ – das ist der Augenblick, in dem man merkt, dass man nicht nur einem Fälscher aufgesessen ist, sondern der eigenen Begeisterung für die perfekte Geschichte. Für das „emotionale Bild“, das alles noch einmal verstärkt. Für die Reportage, die so gut ins eigene Weltbild passt, dass man gar nicht mehr prüfen möchte, ob sie vielleicht zu gut ist.
Schausten wehrt sich gegen diese Gleichsetzung. Hier habe niemand getäuscht, niemand sich Wirklichkeit ausgedacht. Man habe nur etwas verwendet, das man nicht hätte verwenden dürfen. Ein Unterschied, gewiss. Aber einer, der in der öffentlichen Wahrnehmung ungefähr so fein ist wie die Linie zwischen Ironie und Sarkasmus auf Twitter.
Die Kunst der totalen Zuspitzung
Der kritische Mitarbeiter spricht von einer „totalen Zuspitzung auf das Narrativ“. Ein Satz, der in seiner Nüchternheit fast schon poetisch ist. Denn natürlich lebt Journalismus von Zuspitzung. Niemand schaltet ein, um ein ausgewogenes 17-seitiges Pro-und-Contra-Papier vorgelesen zu bekommen. Aber wenn Zuspitzung zur Gewohnheit wird, wenn jede Geschichte sich nahtlos in ein seit Jahren gepflegtes Deutungsmuster einfügt, dann verwandelt sich Information in Bestätigung.
Man kann über Donald Trump denken, was man will – und die meisten denken viel –, doch der Vorwurf, man bringe ihn nur noch in negativen Konnotationen unter, ist weniger eine Verteidigung Trumps als eine Anfrage an die eigene Vielfalt. Wer würde noch wagen, etwas Positives zu sagen? Vielleicht niemand. Vielleicht auch zu Recht. Aber die Frage bleibt im Raum wie ein unangenehmer Geruch: Berichten wir noch, oder kommentieren wir längst mit Bildern?
Der Titel „Kinder in Angst vor ICE“ mag faktisch begründbar sein. Aber er klingt, so der Einwand, wie eine Schwarz-Weiß-Geschichte. Und Schwarz-Weiß ist im Fernsehen besonders dankbar: Es kontrastiert gut, es emotionalisiert, es lässt sich hervorragend illustrieren – notfalls auch mit KI.
Wasserzeichen der Wirklichkeit
Besonders tragikomisch wird es, wenn es um das berühmte Wasserzeichen geht. Hätte die Moderatorin den Beitrag noch einmal angesehen, so heißt es, hätte sie vielleicht das Wasserzeichen erkannt. Man stelle sich das vor: Die letzte Bastion der Wahrheit ist ein halbtransparentes Logo in der Ecke eines Bildes. Nicht Recherche, nicht Quellenkritik, nicht redaktionelle Kontrolle – nein, das Wasserzeichen rettet die Welt.
In dieser Szene kulminiert die Absurdität unserer Gegenwart. Wir leben in einer Epoche, in der Bilder täuschend echt sind und Täuschungen täuschend echt aussehen. Und der öffentlich-rechtliche Rundfunk, ausgestattet mit Milliardenbudget und Qualitätsanspruch, stolpert über ein Stück synthetische Wirklichkeit, das man „wissentlich“ einbaute, aber offenbar nicht hinreichend bedachte.
Die eigentliche Pointe liegt jedoch in der Selbstbeschreibung: Man habe den Leuten „nicht die Wahrheit gesagt“. Nicht aus Bosheit, sondern aus Unwissen, aus verspäteter Erkenntnis, aus Kommunikationspannen. Und doch bleibt der Eindruck, dass hier weniger ein technischer Fehler begangen wurde als ein kultureller: der Glaube, dass die richtige Botschaft durch ein etwas zu starkes Bild nicht falsch werde.
Augenzwinkern im Ernstfall
Man kann all das mit Zorn betrachten. Man kann es aber auch als Symptom einer Branche lesen, die zwischen moralischem Anspruch und medialem Wettbewerb zerrieben wird. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk soll nüchtern berichten, differenziert einordnen, ausgewogen bleiben – und gleichzeitig Quote machen, Relevanz behaupten, in sozialen Medien bestehen. Er soll nicht zuspitzen, aber bitte auch nicht langweilen. Er soll keine Narrative bedienen, aber Haltung zeigen. Und wenn er dann einmal zu sehr zuspitzt, heißt es: Relotius.
Vielleicht ist der „Relotius-Moment“ weniger ein konkreter Vergleich als ein Menetekel: die Erinnerung daran, dass gute Geschichten gefährlich sind, wenn man sie zu sehr liebt. Dass emotionale Bilder verführen. Dass KI nicht nur ein Werkzeug ist, sondern eine Versuchung. Und dass „wissentlich“ manchmal das ehrlichste Wort in einem ganzen Skandal sein kann.
Am Ende bleibt die Frage, die über diesen Leaks schwebt wie ein schlecht gerendertes Standbild: Was ist Wirklichkeit im Fernsehen? Ist sie das, was geschieht? Das, was gesagt wird? Oder das, was am stärksten wirkt? Wenn die Antwort Letzteres lautet, dann wird das Wasserzeichen künftig nicht mehr reichen. Dann braucht es etwas anderes: vielleicht so etwas Altmodisches wie Zweifel. Und die Bereitschaft, sich nicht nur gegen böswillige Kritik zu wehren, sondern auch gegen die eigene Begeisterung für das perfekte Bild.